Nähteam in Warendorf
„Drive-in-Schalter“: Mundschutz zum Mitnehmen

Warendorf -

Ein ganzes Nähteam ist in einem Wohnhaus am Diekamp seit drei Wochen mit der Herstellung von Mundschutzmasken beschäftigt. Wegen der vielen Anfragen beginnen Heike Uphoff und ihr Team – die jüngste Näherin ist fünf Jahre alt, die älteste 80 - oft schon um 6 Uhr in der Frühe mit dem Nähen.

Freitag, 10.04.2020, 08:49 Uhr aktualisiert: 10.04.2020, 11:21 Uhr
Warendorf näht gegen Corona: Baumwollstoff zuschneiden. Falten legen. Mit Stecknadeln fixieren. Naht setzen. Stoffbänder befestigen. Fertig ist die Schutzmaske.
Warendorf näht gegen Corona: Baumwollstoff zuschneiden. Falten legen. Mit Stecknadeln fixieren. Naht setzen. Stoffbänder befestigen. Fertig ist die Schutzmaske. Foto: Joachim Edler

Baumwollstoff zuschneiden. Falten legen. Mit Stecknadeln fixieren. Naht setzen. Stoffbänder befestigen. Fertig. Seit drei Wochen näht Heike Uphoff Mundschutzmasken in ihrem Wohnhaus am Diekamp 24. Und nicht nur sie. Mittlerweile gibt es ein Nähteam. Zeitweise bis zu zehn Näherinnen um Heike Uphoff und Elisabeth Schmitz. Die jüngste Näherin ist fünf Jahre alt, die älteste 80. Warendorf näht gegen Corona.

Ich nähe gern, habe früher schon Kinderkleidung genäht.

Heike Uphoff

Eigentlich hätten die Uphoffs ihre Osterferien in Holland verbringen wollen, doch dann kamen Corona und die Nähmaschine. Keine 20 Minuten braucht Heike Uphoff für eine Maske. „Ich nähe gern, habe früher schon Kinderkleidung genäht“, sagt die gelernte Raumausstatterin. Ihr Tagesablauf, und damit das Familienleben der Uphoffs, ist seit drei Wochen komplett auf den Kopf gestellt: Frühstück erst um 11 Uhr, Mittagessen um halb vier und Abendessen weit nach 20 Uhr.

In der Zwischenzeit rattert die Nähmaschine – oft bis tief in die Nacht. Wegen der vielen Anfragen beginnt Heike Uphoff oft schon um 6 Uhr mit dem Nähen. Das Telefon steht kaum still, die Hausklingel auch nicht. Dabei gibt es feste Ausgabezeiten: Montag 17 bis 18 Uhr, Dienstag 8 bis 9 Uhr und Donnerstag 17 bis 18 Uhr. Dazwischen Lernaufgaben mit den Kindern, Corona-Tagebuch, Familienjogging, Gestalten des Wohnwagens im Garten – ein bisschen Normalität lässt sich die Familie nicht nehmen und bittet deshalb, die Ausgabezeiten zu beachten.

Ich habe schon über einen Automaten nachgedacht. Wie Milch, Kartoffeln oder Spargel, kann man dann auch Masken aus dem Automaten ziehen.

Heike Uphoff

„Ich habe schon über einen Automaten nachgedacht“, lacht Heike Uphoff. „Wie Milch, Kartoffeln oder Spargel, kann man dann auch Masken aus dem Automaten ziehen.“

Wie ein Lauffeuer hat sich die Nachricht von den selbst genähten Mundschutzmasken in Warendorf und mittlerweile auch über die Stadtgrenzen hinaus herumgesprochen. Die Mund- und Nasenmasken können beruflich und im Privatbereich verwendet werden. Laut Robert-Koch-Institut bieten auch selbst hergestellte Masken aus Baumwollstoff einen Corona-Schutz.

Die Ausgabe funktioniert wie an einem „Drive-in-Schalter“. Morgens 8 Uhr im Wohngebiet am Diekamp: Nicht selten über zehn, nachmittags sogar über 20 Menschen stehen im respektvollen Abstand Schlange auf dem Bürgersteig, um eine der begehrten Mund- und Nasenmasken zu ergattern. Der Materialwert liegt bei 3,50 Euro pro Maske, die meisten geben mehr. Denn die Mission „Maske gegen Spende“ ist für einen guten Zweck. „Für ein Kinderhospiz, die Nepalhilfe, den Kleinen Prinzen – wir wissen es noch nicht genau. Vielleicht teilen wir das Geld auch auf.“

Um den direkten Kontakt zu den Wartenden zu meiden, bietet Heike Uphoff die Masken in einer Tüte an. Diese wird einfach vom Fenster in ein Körbchen geworfen, das an einem Gitterdrahtgestell befestigt ist, das unter dem geöffneten Fenster an der Hauswand lehnt. In dem Körbchen befindet sich auch die Gelddose und die Reinigungsanleitung.

An diesem Morgen ist auch eine Frau aus Telgte unter den Wartenden. Sie möchte den Mundschutz für ihre Eltern, die in Borken wohnen und zu den Hochrisiko-Patienten gehören. Sie selber darf ihre Eltern im Augenblick nicht besuchen, sagt sie, der Mundschutz wird per Post geschickt. Über Mundpropaganda habe sie von den Warendorfer Näherinnen gehört.

Ich brauche den Mundschutz für meinen Mann, der Asthma hat.

Kundin in der Warteschlange

Eine ältere Dame, ebenfalls in der Schlange, ist sehr dankbar: „Ich brauche den Mundschutz für meinen Mann, der Asthma hat.“

Die Idee war schnell geboren: Als immer wieder in den Nachrichten zu hören war, dass in Krankenhäusern, Arztpraxen oder Pflegeheimen dem Personal in der Corona-Krise die Schutzkleidung ausgeht, und auch Privatpersonen keinen oder wenn dann überteuerten Mundschutz bekommen, kamen Heike Uphoff und ihre Nachbarin Elisabeth Schmitz auf die Idee, Schutzmasken aus 100-prozentigem Baumwollstoff selber zu nähen.

Nach dem Vorbild der Essener Feuerwehr halten sie auch eine Nähanleitung für fünf Masken bereit, die am Ausgabefenster samt Material erworben werden kann. Schnell war ein Team von mittlerweile zehn Näherinnen gefunden, die ehrenamtlich und jede für sich, Mund- und Nasenmasken nähen. Sie halten Kontakt übers Telefon, wenn mal wieder Stoff oder Nähutensilien benötigt werden. „Was wir dringend benötigen, ist Schrägband. 2,20 Meter brauchen wir für eine Maske.“

Genäht wird in Heimarbeit. „Ich merke, wie erleichtert die Leute sind, dass sie etwas tun können, dass sie helfen können. Das macht Hoffnung. Mein Mann fährt zu den Näherinnen, eine wohnt sogar in Münster, bringt Stoff für zehn bis 20 Masken, manche schaffen an einem Tag sogar noch mehr, und holt die fertigen Masken auch wieder ab“, erzählt Heike Uphoff. Als Material sind Baumwollstoffe (kein Polyester), die mindestens bis 60 Grad waschbar sind, zum Beispiel Bettlaken, Geschirrtücher und Tischdecken sowie entsprechende Stoffreste geeignet.

Und der Bedarf an den Baumwollmasken made in Warendorf ist enorm. Seitdem auch Arztpraxen, Bäckereien und Unternehmen die bunten Schutzmasken aus Warendorf möchten, wurde das Angebot erweitert.

„Wir fertigen seit dieser Woche auch auf Bestellung. Dieser Schritt war nötig, da neben Privatpersonen auch Gewerbetreibende großes Interesse gezeigt haben. Um ordnungsgemäße Rechnungen ausstellen zu können, haben wir dafür kurzerhand ein Kleingewerbe angemeldet. Die Näherinnen, die an den gewerblichen Aufträgen arbeiten, werden für ihre Arbeit entsprechend entlohnt und die Erlöse versteuert. Daher beträgt der Preis für eine solche Maske neun Euro. Die benötigten Bestellformulare liegen bei uns aus.“

Die ursprüngliche Aktion „Maske gegen Spende“ läuft aber parallel weiter und steht auch weiter im Vordergrund. Und so bestücken Heike, Marc, Greta (8) und Thea (5) Uphoff weiter kleine Körbchen am Ausgabefenster am Diekamp 24 in Warendorf. Bunt gegen Corona. Das ist auch ein Statement: „Wir lassen uns nicht unterkriegen!“

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