Denkmäler im Münsterland
Das Kreuz – Symbol der Christen

Münsterland -

Das Christentum macht das Kreuz zu seinem höchsten und wichtigsten Symbol. Religiöse Kulturdenkmäler finden sich quer durch das Münsterland. Vor allem an den vielen Höfen in der Region.

Samstag, 11.04.2020, 18:45 Uhr aktualisiert: 11.04.2020, 19:00 Uhr
Drei Generationen Schwersmann stehen vor der Marienfigur in Horstmar in der Bauerschaft Niedern
Drei Generationen Schwersmann stehen vor der Marienfigur in Horstmar in der Bauerschaft Niedern Foto: mt

Enkelin Marits neu glänzenden Turnschuhe geben guten Halt auf dem abgeschrägten sandsteinfarbenen Betonsockel. „Die Kinder klettern halt auch schon einmal drauf herum“, sagt ihre Oma Agnes Schwersmann gelassen. „Die Station“, wie es in der Familie schlicht heißt, gehört für Groß und Klein zum selbstverständlichen Inventar des Hofes in der Horstmarer Bauerschaft Niedern: ein übermannshohes Ensemble aus einem wuchtigen Sockel und einer steinernen Nische mit einer schmalen schlichten Marienfigur, die von einer Art Torbogen mit einem massiven Kreuz darüber bekrönt ist.

Aufgestellt aus Dankbarkeit

„Aus Dankbarkeit darüber, dass beide Söhne des Hofes unversehrt aus dem Zweiten Weltkrieg nach Hause gekommen sind, hat unsere Familie sie 1952 aufgestellt“, erklärt Schwersmann. „Deswegen darf man sie nicht wegmachen“, fügt ihr Sohn Bernd schnell hinzu. Ihn fasziniert, dass seine Vorfahren auch sieben Jahre nach dem Krieg noch das Bedürfnis hatten, diese Dankbarkeit in einem steinernen Denkmal auszudrücken.

Was müssen die beiden Brüder im Krieg erlebt haben, dass sie das Versprechen unbedingt einlösten? Gesprochen, so Bernds Mutter, wurde über die Erlebnisse nicht. Wohl aber wurde der kreuzbekrönte Bildstock, dessen Sichtseite einem alten Wanderweg zugewandt ist, der am Hof vorbeiführt, gehegt und gepflegt: Immer samstags wurde der Sandweg davor sorgfältig geharkt und vorher ein frischer Blumenstrauß aufgestellt. Für Maiandachten und Fronleichnamsprozessionen war er der Hintergrund.

Typisch für das Münsterland

Ein Bildstock samt Kreuz wie er in seiner Bestimmung typisch ist für das Münsterland. Kaum ein Hof ohne ein steinernes oder hölzernes Zeichen, das die Verbundenheit mit der katholischen Kirche ausdrückte. Monumentale Hofkreuze, schlichte hölzerne Versionen, Denkmale mit Marienstatuen oder Heiligenfiguren in Gebäude­nischen: Viele solcher Glaubenszeichen sind erhalten und werden mithilfe der Programme der Denkmalbehörden in den Kreisen restauriert.

Recherchehilfe für Besitzer

Einer, der unendlich viele dieser kleinen Denkmale kennt, ist Walter Suwelack. Das Münsterland ohne Bild­stöcke und Kreuze könne er sich nicht vorstellen, erklärt der emeritierte Geistliche. Seit anderthalb Jahrzehnten kümmert er sich mit einem Arbeitskreis im Kreis Warendorf um Wege- und Hofkreuze, Bildstöcke und Andachtsstationen, indem er sie in einem Katalog auf ihrer Homepage aufnimmt. Angeschlossen an den Rotary-Club Warendorf bieten die Kreuz-Experten um Suwelack konkrete Recherchehilfen für die Besitzer und Unterstützung bei Antragstellungen, stellen auch Kontakte zu Restauratoren her.

Zeichen von Frömmigkeit

Die Motivationen, Kreuze an ihren Höfen zu errichten, waren in Familien so vielfältig wie das Leben: In den Jahren nach den beiden Weltkriegen gedachten Familien gefallener und gestorbener Familienmitglieder. Manche Denkmale drückten die Freude anlässlich einer Hochzeit oder über die Geburt eines Stammhalters aus. Sehr oft waren die Hof­kreuze schlicht ein Zeichen von Frömmigkeit und Glauben: Gerade im 19. Jahrhundert, so Suwelack, war der Tod allgegenwärtig. Die Menschen wurden nicht sehr alt. „Man brauchte ein Zeichen, in dem man seinen Glauben und seine Hoffnung ausdrücken konnte. Mit einem Kreuz konnte man den Glauben anfassen.“ Und so erzählen die Hofkreuze ganze Familiengeschichten bis in die Gegenwart, manchmal sogar die von Nachbarschaften oder Bauerschaften.

Experten lüften Geheimnisse

In der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts war es beliebt, weil preiswerter, als Material eine Betonmischung mit verschiedenen Sanden zu nutzen. Sie begegnen den Kreuz-Experten im Kreis Warendorf sehr viel häufiger als der teure Sandstein, der je nach Herkunft auch recht witterungsanfällig ist. „Viele Kreuze sind auch aus Holz“, erklärt Suwelack. So wie die rund 30 Kreuze im Kreis, die sich so auffällig ähneln. Der Gesichtsausdruck des Christus, die Drapierung des Lendentuchs: Sie alle tragen eine Handschrift, die nahelegt, dass sie auf denselben Bildhauer oder eine Werkstatt zurückgehen. Aber welche das ist, dieses Geheimnis haben Walter Suwelack und der Arbeitskreis noch nicht lüften können.

Familie ausgestorben

Dabei gehört es durchaus zu ihren Spezialitäten, Geheimnisse zu lüften. Wie das eines Kreuzes in Westkirchen: „Niemand wusste, wem der Bildstock gehört,“ erinnert sich Suwelack. Zusammen mit seinen Mitstreitern fand er heraus, dass der Stifter ein Metzgermeister war, der mit dem Kreuz an Spätheimkehrer nach dem Zweiten Weltkrieg erinnern wollte. Seine Familie allerdings ist inzwischen ausgestorben. Der Arbeitskreis übernahm die Schirmherrschaft und die Sanierung, warb Spenden ein und sicherte, dass das Denkmal seinen Standort gegenüber der ehemaligen Metzgerei behalten könne. Doch dann das Entsetzen: Kurz nach seiner Renovierung wurde das Kreuz von Vandalen zerstört. Weil die Westkirchener großzügig gespendet haben, wird es gerade erneut restauriert und kann bald wieder aufgestellt werden

Neue Bedeutung in der Corona-Krise

Gefragt nach seinem Lieblingskreuz, ist Walter Suwelack zunächst ratlos: Es sind so viele Kreuze, so viele Geschichten, die er mit den Jahren kennengelernt hat. Er erinnert sich an so viele Wege, die Kunstwerke genommen haben. Ein Kreuz erwähnt Walter Suwelack dann aber doch: Eines, das der verstorbene Warendorfer Kunstschmied Rolf Pfandt geschaffen hat und jetzt an der evangelischen Kirche in Warendorf steht. Ein Werk von 2013. Modern und doch in der Tradition. Wie die Hunderte Hofkreuze, Wegebilder und Stationen im Münsterland, was sich für Walter Suwelack gerade in diesen Wochen beweist. „Sie bekommen in dieser Zeit der Corona-Krise eine ganz neue Bedeutung, wenn man nicht in die Kirche gehen kann.“ Und es sind nicht nur die historischen Kreuze aus Holz und Stein, die ihn faszinieren, sondern auch die schlichten, die an Orten aufgestellt werden, wo Menschen beispielsweise tödlich verunfallt sind. Suwelack rührt, dass es immer noch das Symbol des Kreuzes ist, das das Erinnern sichtbar macht.

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