Kinderrechte in Zeiten von Corona
Die Jugend ist systemrelevant!

Gronau -

Möbel- und Autohäuser dürfen wieder öffnen. Kinderspielplätze aber nicht. Verkehrte Welt, meint WN-Redakteur Frank Zimmermann, der mehr Einsatz für die Jüngsten in der Gesellschaft einfordert.

Freitag, 01.05.2020, 09:02 Uhr aktualisiert: 01.05.2020, 09:10 Uhr
Ob die Gummibärchen-Armee diese Schlacht gewinnen würde, ist fraglich. Fest steht aber, Kinder und Jugendliche hätten sicherlich andere Ideen, wie man mit der Pandemie umgehen sollte. Sie werden nur leider nicht gefragt . . . 
Ob die Gummibärchen-Armee diese Schlacht gewinnen würde, ist fraglich. Fest steht aber, Kinder und Jugendliche hätten sicherlich andere Ideen, wie man mit der Pandemie umgehen sollte. Sie werden nur leider nicht gefragt . . .  Foto: Heinrich Schwartze-Blanke

„Kinder an die Macht“, hat Herbert Grönemeyer schon 1986 gefordert. Im Liedtext zeichnet er wunderbare Bilder von „Armeen aus Gummibärchen“, sodass Kriege einfach weggenascht werden können. Das Lied ist ein poetisches Plädoyer für die Rechte der Kinder.

Kinderrechte waren im vergangenen Herbst auch explizit Thema in Gronau. Da hat sich die Stadt nämlich mit dem Deutschen Kinderhilfswerk anlässlich des 30. Jahrestags der UN-Kinderrechtskonvention mit einer gemeinsamen Kampagne für die Stärkung der Kinderrechte engagiert. „Die Stadt Gronau freut sich als einzige Kommune in Nordrhein-Westfalen, diesen Kooperationsvertrag zu unterzeichnen“, hieß es dazu in einer städtischen Mitteilung, die heute noch auf der Internetseite gronau.de nachzulesen ist.

In dieser Mitteilung wird auch der Präsident des Deutschen Kinderhilfswerks, Thomas Krüger, zitiert: „Wer aber verantwortlich handeln und dabei vor den zukünftigen Generationen bestehen will, muss die Interessen und Rechte von Kindern und Jugendlichen als einen ‚vorrangigen Gesichtspunkt’ für politisches Handeln in den Blick nehmen.“ Allerdings: Diese Kampagne fand in der Zeitrechnung v.C. – also vor Corona – statt.

Grundrechte eingeschränkt

Mit der Coronaschutzverordnung werden Grundrechte erheblich eingeschränkt – auch die Kinderrechte. Doch während erwachsene Politiker und Lobbyisten ständig für sich Ausnahmen in ihrem Sinne starkmachen, erhebt sich kaum eine Stimme für die Kinder. Und so dürfen Möbel- und Autohäuser wieder öffnen – aber Spielplätze und Kitas bleiben geschlossen.

Waren bisher die Kinderrechte in Gronau Thema, dann ging der Blick zumeist in ferne Länder. Indien zum Beispiel, wo Kinder in Steinbrüchen arbeiten müssen, statt zur Schule zu gehen, oder afrikanische Staaten, in denen Jungen ein trauriges Leben als Kindersoldaten fristen. Doch jetzt sind auch in Gronau die Kinderrechte in einer prekären Situation. Zum Beispiel das Recht auf Bildung hängt jetzt – noch stärker als ohnehin schon – vom Elternhaus ab.

In Familien, in denen kein Geld für eine digitale Ausstattung und einen ruhigen Arbeitsplatz für jedes Kind vorhanden ist, geraten Kinder im Vergleich zu privilegierten Mitschülern ins Hintertreffen. Gleiches gilt für Kinder, deren Eltern sie nicht bei den „Hausaufgaben“ (aus denen ja jetzt der komplette Unterricht besteht) unterstützen können.

Recht auf Spielen

Auch das Recht auf Spielen, das in der UN-Kinderrechtskonvention verankert ist, hilft vielen Kindern in diesen Tagen nicht weiter. Denn obwohl die Situation sicherlich nicht so schlimm ist wie zum Beispiel in Spanien, wo Kinder sechs Wochen lang überhaupt nicht vor die Tür durften, ist sie trotzdem nicht schön. Denn spielen müssen Kinder ganz unbedingt auch miteinander. Darauf hat auch jüngst der Erziehungsberater Christoph Muckelmann in einem Interview hingewiesen. Mit den noch krasseren Problemen zu Stichworten wie (sexuelle) Gewalt oder schlechte/mangelnde Ernährung will ich hier erst gar nicht anfangen. Es gilt aber die traurige Gewissheit: Immer trifft es die am härtesten, denen es schon vor der Krise nicht so gut ging.

Und was passiert in dieser Situation in Gronau, einer Stadt, die stolz darauf ist, sich für die Kinderrechte starkzumachen? Nichts! Niemand erhebt die Stimme für die Kinder und Jugendlichen. Niemand nimmt die Interessen von Kindern und Jugendlichen als vorrangigen Gesichtspunkt für politisches Handeln in den Blick. Sondersitzungen von Jugendhilfe- und Schulausschuss? Fehlanzeige! Gibt man etwa auf der Internetseite familie-in-gronau.de den Suchbegriff Corona ein, landet man keinen einzigen Treffer. Dabei soll die Seite, für die laut Impressum das Jugendamt der Stadt Gronau verantwortlich ist, Familien umfassende Informationen bieten, zum Beispiel zur Kinderbetreuung . . . Unter dem Punkt Aktuelles findet der Nutzer immerhin einen Hinweis auf eine DRK-Aktion: Für bedürftige Familien wird gebrauchtes Spielzeug gesammelt.

Vorwurf der Untätigkeit

Den Vorwurf der Untätigkeit müssen sich übrigens nicht nur Verwaltung und Politik gefallen lassen. Auch der Stadtjugendring und das Jugendschülerparlament – Institutionen, die Jugendlichen politische Mitbestimmung gewährleisten sollen – kommen nicht aus dem Quark. Das letzte Lebenszeichen des Stadtjugendrings auf Facebook datiert zum Beispiel auf den 3. März – ein Link zu einem WN-Bericht über die Vollversammlung des Gremiums. Und auch das Gronauer Bündnis für Familien, bei dem Vertreter der Stadtverwaltung, Kirchen, Wirtschaft und Gewerkschaften mitmischen, hat sich zur aktuellen Situation noch nicht geräuspert.

Das Argument, dass es hier um höhere Ziele geht und dass die Einschränkungen ja von weiter oben – nämlich vom Land NRW kommen, kann ich nicht gelten lassen. Ich bin mir sicher, es gäbe zahlreiche Möglichkeiten, sich auch auf lokaler Ebene des Themas anzunehmen. Das fängt damit an, das Problem als solches überhaupt mal zu benennen. Außerdem könnte man sicher auch auf städtischer Ebene eine Reihe von Ideen entwickeln, um Kindern und Jugendlichen zu helfen.

Nur ein Beispiel: Warum kann man nicht an Spielplätze – zumindest bei den viel genutzten – eine Aufsicht organisieren, die eine Benutzung unter Einhaltung der Abstandsregeln ermöglicht. Alternativ könnte man es Familien ermöglichen, sich für eine halbstündige Nutzung des Spielplatzes anzumelden – für manche Bewohner einer Etagenwohnung könnte das zum Glanzlicht des Tages werden . . . Würden Gronauer aus den entsprechenden Bereichen mal die Köpfe zusammenstecken – gerne auch in einer corona-konformen Videokonferenz – ich bin mir sicher, die Ideen würden nur so sprudeln!

Zum Thema

Was ist Ihre Meinung? Schreiben Sie uns gerne! WN, Redaktion, Hofkamp 8a, 48599 Gronau oder redaktion.gro @wn.de

...
Nachrichten-Ticker