Corona
Westfleisch-Vorstand: „Das waren keine System-Mängel“

Kreis Coesfeld -

Als im Coesfelder Schlachthof von Westfleisch das Coronavirus kursierte, geriet das Unternehmen und mit ihm die gesamte Fleischbranche in Verruf. Gehen die Firmen verantwortlich mit ihren Mitarbeitern um? Sind Werkvertrags-Konstruktionen vernünftig? Ein Interview mit Vorstandsmitglied Carsten Schruck.

Freitag, 29.05.2020, 07:00 Uhr aktualisiert: 29.05.2020, 08:09 Uhr
Das „Fleischcenter Coesfeld“ von Westfleisch war wegen eines Coronavirus-Ausbruchs zeitweise geschlossen. Auf Vorwürfe gegen Westfleisch reagiert nun Vorstand Carsten Schruck.
Das „Fleischcenter Coesfeld“ von Westfleisch war wegen eines Coronavirus-Ausbruchs zeitweise geschlossen. Auf Vorwürfe gegen Westfleisch reagiert nun Vorstand Carsten Schruck. Foto: Viola ter Horst, dpa

Viel Aufregung und eine Kritik, wie es sie in dieser Schärfe noch nie gab: Der Corona-Ausbruch in der Großschlachterei Westfleisch zog Entsetzen in der Bevölkerung nach sich. Nach Infektionen in weiteren Schlachtbetrieben soll es ab 2021 keine Werkvertragsunternehmen mehr geben. In Coesfeld läuft nach der vorübergehenden Schließung durch den Kreis Coesfeld der Betrieb bei Westfleisch inzwischen wieder an. Wie sieht Carsten Schruck, geschäftsführendes Vorstandsmitglied der Westfleisch SCE, die Vorwürfe? Welche Konsequenzen zieht Westfleisch? Unser Redaktionsmitglied Viola ter Horst hat mit ihm gesprochen.

Wie läuft der Betrieb?

Carsten Schruck: Zunächst, und das liegt mir persönlich sehr am Herzen: Wir sind über das Geschehen weiterhin tief betroffen. Auch die Auswirkungen auf alle Coesfelder bedauern wir in höchstem Maße. Zumal wir hier tief verwurzelt sind: Seit Jahrzehnten arbeiten wir hier eng mit mehreren Tausend Landwirten zusammen. Viele unserer Mitarbeiter wohnen und leben hier mit ihren Familien seit vielen Jahren. Für sie alle ist es momentan alles andere als einfach. Aber: Wir erfahren auch eine Menge an Zuspruch von ganz unterschiedlichen Seiten. Dies hilft uns sehr, unseren Betrieb in Coesfeld wieder ans Laufen zu bringen. Aktuell fahren wir ihn langsam und in enger Abstimmung mit den Behörden hoch. Wir sind im Moment bei 25 bis 30 Prozent, schlachten etwa 2000 Schweine am Tag. In der Produktion kommen nur Mitarbeiter zum Einsatz, die zweimal negativ getestet wurden.

Wie stehen Sie zu Vorwürfen, dass osteuropäische Arbeitnehmer in der Fleischindustrie ausgebeutet werden? Trifft Sie das?

Schruck: Natürlich trifft mich das. Und nicht nur mich, sondern uns alle. Auch unsere Mitarbeiterin, die berichtet, wie sie beim Einkaufen beschimpft wurde. Teilweise wird ein Bild gezeichnet, das wir selber nicht von unserem Unternehmen haben. Wir sind sicherlich nicht das schwarze Schaf der Branche, wie wir von manchen dargestellt werden. Im Gegenteil: Westfleisch gehört zu den wenigen Unternehmen in der Branche, bei denen alle Mitarbeiter, auch die Werkvertragsbeschäftigten, nach deutschem Recht kranken- und sozialversicherungspflichtig beschäftigt sind. Rund zwei Drittel der Beschäftigten sind direkt bei uns angestellt, nur ein Drittel bei Werkvertragsunternehmen – in der Branche, auch bei großen Wettbewerbern, ist das Verhältnis ein ganz anderes! Bei uns gibt es zudem mit der Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten (NGG) ausgehandelte Tarifverträge, eine lebendige Arbeitnehmermitbestimmung und funktionierende Betriebsräte, die sich im Übrigen auch um die Rechte der Werkvertragsarbeitnehmer kümmern. All das haben die wenigsten in der Branche.

Und trotzdem ist der Corona-Ausbruch passiert. Wie war das möglich?

Schruck: So ganz genau wissen wir das noch nicht. Aktuell werden die genauen Wege möglicher Infektionszusammenhänge analysiert. Die Corona-Tests in den vier Fleischbetrieben von Westfleisch in Hamm, Gelsenkirchen, Lübbecke und Bakum ergaben: Kein einziger der insgesamt rund 2.300 Beschäftigten ist mit dem Corona-Virus infiziert. Das ist ein wichtiger Hinweis dafür, dass unser grundsätzliches Corona-Hygienekonzept richtig ist. In Coesfeld hatten sich bei unserem größten Werkvertragsunternehmer viele Mitarbeiter infiziert. Es gibt Hinweise, dass auch die Unterkünfte eine Rolle spielten, es waren zwei größere Häuser im Kreis Coesfeld. Wir trennen uns aktuell von diesem Werkvertragsunternehmer und stellen die Mitarbeiter bei uns an. Sie wohnen auch nicht mehr in den zwei betroffenen Häusern.

Wie viele Mitarbeiter sind das von dem Subunternehmer?

Schruck: Wir übernehmen rund 350 Mitarbeiter.

Wie viele eigene Mitarbeiter haben sie in Coesfeld und wie viele sind über Subunternehmer beschäftigt?

Schruck: In Coesfeld haben wir rund 1200 Mitarbeiter – von ihnen waren rund zweidrittel über Werkverträge beschäftigt. Dieses Verhältnis kehrt sich nun durch die 350 neu hinzu kommenden um.

Was halten Sie davon, dass es ab 2021 keine Werkverträge mehr geben darf?

Schruck: Werkverträge sind nicht per se zu verurteilen. Sie gibt es in zahlreichen Branchen. Richtig gestaltet und konsequent gelebt, sind sie ein wichtiges Element. In unseren Verträgen mit den Werkvertragsunternehmen haben wir Standards festgelegt, die oberhalb der gesetzlichen Richtlinien liegen. Die Einhaltung wird von einer externen Wirtschaftsprüfungsgesellschaft kontrolliert. Im Fall Coesfeld wurde nun ein Werkvertragsunternehmen unseren Ansprüchen vor dem Hintergrund der neuen Corona-Regelungen nicht mehr gerecht. Wir haben diese Situation korrigiert.

Was spricht überhaupt für Werkverträge?

Schruck: In der Fleischwirtschaft sind Werkvertragsunternehmen in der Regel spezialisierte Unternehmen mit einem vor allem im Ausland großen Netzwerk an Menschen, die in unserer Branche arbeiten wollen. Versuche, in Deutschland Produktionsmitarbeiter zu finden, scheitern immer wieder – auch vielfältige Programme mit lokalen Arbeitsämtern verfehlen regelmäßig ihr Ziel.

Können Sie die Forderung verstehen, dass Sie mehr Verantwortung übernehmen sollen?

Schruck: Wir übernehmen heute bereits überall da, wo gefordert und geboten, die Verantwortung für unsere Beschäftigten und werden dies auch künftig tun. Wenn es aber darum geht, noch stärker auf die Werkvertragsunternehmen zu achten, kann ich die Forderung verstehen! So mussten wir jetzt schmerzhaft lernen, dass unser umfangreiches Hygienekonzept mit allen Schutz- und Vorsichtsmaßnahmen zwingend und ausnahmslos von jedem jeden Tag aufs Neue beachtet, umgesetzt und kompromisslos gelebt werden muss. „Informieren, appellieren, kontrollieren“ ist dabei unser Mantra gegenüber den Werkvertragsunternehmen und den Beschäftigten.

Der Arbeitsschutz der Bezirksregierung hat aber auch im Betrieb Mängel festgestellt bei der Überprüfung.

Schruck: Ja, aber das waren keine System-Mängel. So hatten zum Beispiel Mitarbeiter ihren Mundnasenschutz nicht richtig angezogen. Grundsätzlich wurde das umfassende Konzept, das wir vor dem Hintergrund der Corona-Pandemie entwickelt haben, von den relevanten Behörden gelobt.

Wer trägt denn dann die Schuld?

Schruck: Uns geht es darum, zu analysieren, wo etwas nachzubessern ist. Das machen wir, damit es eine größtmögliche Sicherheit gibt und damit sich keine weitere Person mehr infiziert. Vor dem Hintergrund führen wir übrigens zudem freiwillig an allen Standorten laufend weitere Testreihen mit mehreren Tausend Tests durch, um Infizierte so frühzeitig wie möglich zu entdecken.

Die Kommunen hatten nur wenig zu beanstanden, als sie die Unterkünfte kontrollierten.

Schruck: Das wunderte uns nicht. Im Allgemeinen sind die Produktionsmitarbeiter in Unterkünften untergebracht, die denen von Familien und Wohngemeinschaften ähnlich sind. Aber: auch bei den Unterkünften gibt es leider Ausnahmen – wenn auch ganz wenige. Unterkünfte, die wir nicht wollen, doch diese prägen das Bild in der Öffentlichkeit. Auch das haben wir erkannt und wir setzen alles daran, dass diese Ausnahmen in Zukunft nicht mehr möglich sind.

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