Landwirte setzen auf Hilfe aus Osteuropa
10.000 Saisonarbeiter auf westfälischen Feldern

Werne/Münster -

Ohne sie geht in der Landwirtschaft im Sommer nichts: Saisonarbeiter aus Osteuropa. Rund 10.000 sind derzeit allein in Westfalen im Einsatz. Wie geht es ihnen? Ein Besuch in Werne.

Freitag, 05.06.2020, 09:00 Uhr
Spargelstechen nahe Werne: Der Hof Schulze Blasum beschäftigt derzeit 21 rumänische Saisonarbeitskräfte. In anderen Jahren sind es 30. Landwirt Johannes Laurenz (links) pflegt einen guten Kontakt zu seinen Arbeitern – und hat sogar Rumänisch gelernt.
Spargelstechen nahe Werne: Der Hof Schulze Blasum beschäftigt derzeit 21 rumänische Saisonarbeitskräfte. In anderen Jahren sind es 30. Landwirt Johannes Laurenz (links) pflegt einen guten Kontakt zu seinen Arbeitern – und hat sogar Rumänisch gelernt. Foto: Gunnar A. Pier

Wenn Ionut Badali von der Arbeit nach Hause kommt, jubelt seine Familie in Suceava, Rumänien. Papa war zwei Monate weg – jetzt bleibt Papa zehn Monate zu Hause: Was der 28-Jährige in zwei Monaten auf einem Hof in Werne verdient, reicht für den Rest des Jahres. Ionut Badali ist einer von rund 10.000 osteuropäischen Saisonarbeitern, die derzeit alleine auf Höfen in Westfalen mit anpacken.

Ohne sie geht nichts – daran ließ der Westfälisch-Lippische Landwirtschaftsverband (WLV) keinen Zweifel, als er am Donnerstag in Werne über die Gastarbeiter der heutigen Zeit informierte. In normalen Jahren seien im WLV-Gebiet den Sommer über rund 25.000 im Einsatz. Üblicherweise bleiben sie bis zu drei Monate – danach würden Sozialabgaben fällig. „Die meisten kommen aus Polen und Rumänien“, berichtete Hubertus Beringmeier, seit Mitte Februar Präsident des WLV. Oft kommen sie immer wieder auf dieselben Höfe. Meist sind es sogenannte „Sonderkulturbetriebe“, die etwa Spargel, Erdbeeren oder Tannenbäume erzeugen.

Corona hat alles verändern

Doch in diesem Jahr war alles anders. Zum Start der Erntesaison fehlten nach Darstellung des Landwirtschaftsverbands 85 Prozent der osteuropäischen Helfer, weil sie wegen der Corona-Schutzmaßnahmen nicht einreisen durften. Durch deutsche Arbeiter ließen sie sich kaum ersetzen, erklärte Johannes Laurenz, Betriebsleiter auf dem Hof Schulze Blasum in Werne. Die einen dürfen kaum zuverdienen, andere nur aufstocken, und Schüler und Studenten konnten nicht sagen, wann das Lernen wieder losgeht und sie den Spaten wieder aus der Hand legen müssten. Bauernpräsident Beringmeier: „Und manch einer von uns hätte ziemlich schnell Rücken, wenn er die Arbeit verrichten müsste.“

Mehrkosten durch die Hygienemaßnahmen

Inzwischen dürfen wieder Saisonarbeiter einreisen – und sogar länger beitragsfrei arbeiten als sonst. Auf dem Hof Schulze Blasum helfen momentan 21 mit – in anderen Jahren waren es 30. Mehr Helfer brauche er aber diesmal nicht, sagt Laurenz, weil etwa die Gastronomie im Corona-Loch steckt. Und sie sind so teuer sind wie nie zuvor: Die Anreise per Flugzeug statt Überlandbus und die geringere Belegung der Unterkünfte sorgen für zusätzliche Kosten von mindestens 1000 Euro pro Arbeiter.

"Vollidioten"

Johannes Laurenz kümmert sich, wie er sagt, sehr um seine Arbeiter. Vernünftige Unterkünfte, Fußballplatz, Swimming-Pool, Grillabende: „Ich mache das gerne, weil mir die Menschen wichtig sind. Und letztlich bin ich ja auch von ihnen abhängig.“ Er, der Unternehmer, will ja, dass sie im nächsten Jahr wiederkommen. Skandal-Landwirte, die Arbeiter unwürdig unterbringen, Hygiene-Standards verletzen und so die ganze Branche in Verdacht bringen, nennt er leidenschaftlich nicht nur „Schwarze Schafe“, sondern auch „Vollidioten“.

Besuch auf dem Spargelhof Schulze Blasum in Werne

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  • Betriebsleiter Johannes Laurenz auf einem Spargelfeld neben seinem Hof in Werne.

    Foto: Gunnar A. Pier
  • Die Spargelernte läuft auf Hochtouren.

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  • WLV-Präsident Hubertus Beringmeier

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  • Spargel stechen - ein Knochenjob.

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  • Betriebsleiter Johannes Laurenz

    Foto: Gunnar A. Pier
  • Rund 10.000 osteuropäische Ernstehelfer sind derzeit in Westfalen im Einsatz.

    Foto: Gunnar A. Pier
  • Die Spargelernte läuft auf Hochtouren.

    Foto: Gunnar A. Pier
  • Foto: Gunnar A. Pier
  • Foto: Gunnar A. Pier
  • Ionut Badali kommt seit sechs Jahren jeden Sommer zum Arbeiten nach Werne.

    Foto: Gunnar A. Pier

Die Corona-Schutzmaßnahmen bestimmten den Alltag auf dem Hof. Gruppen werden getrennt, Wege sind markiert, ständig wird gewaschen, gereinigt, desinfiziert. „Die Leute haben komplett mitgezogen“, sagt der Landwirt und stellt klar: „Das sind ja auch Menschen, die was zwischen den Ohren haben! Die halten sich schon aus Selbstschutz an die Regeln.“

Kontrollen

So machte ihn auch der Besuch von Kontrolleuren der Bezirksregierung Arnsberg nicht nervös. Nachdem in einem Schlachthof in Coesfeld das Virus grassiert hatte und vornehmlich Arbeiter aus osteuropäischen Ländern betroffen waren, gab es branchenübergreifend Kritik und strenge Kontrollen von Arbeitsbedingungen und Unterkünften. 170 Kontrollen habe es NRW-weit gegeben, erklärte Marion von Chamier, Geschäftsführerin des Arbeitgeberverbandes der Westfälisch-Lippischen Land- und Forstwirtschaft. Zwei Betriebe sorgten für Schlagzeilen – alle anderen bestanden. Bei Schulze Blasum fanden die Beamten nur Kleinigkeiten.

Das freut wohl auch Ionut Badali. Zwei Monate im Jahr verbringt er als Vorarbeiter in Werne. Er ist es auch, der in Rumänien die Arbeiter rekrutiert. Nach der Saison fährt er heim und betreibt ein wenig Landwirtschaft für die Selbstversorgung. Das reicht.

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