Lernen auf Distanz
Abteilungsleiter lobt Schulen: „Viele haben das gut umgesetzt“

Münsterland -

Großes Engagement hier, wenig Einsatz dort – mit dem „Lernen auf Distanz“ und der Betreuung durch die Lehrer machen Schüler und Eltern derzeit sehr unterschiedliche Erfahrungen. Warum gibt es keine einheitlichen Standards – und wie geht es weiter? Fragen an Wolfgang Weber, Leiter der Schulabteilung bei der Bezirksregierung.

Samstag, 06.06.2020, 16:00 Uhr aktualisiert: 08.06.2020, 10:04 Uhr
In den Schulen läuft der Unterricht wieder an – unter strengen Auflagen. Doch wie haben sie die Krise gemeistert? Dazu äußert sich im Interview Schuldezernent Wolfgang Weber.
In den Schulen läuft der Unterricht wieder an – unter strengen Auflagen. Doch wie haben sie die Krise gemeistert? Dazu äußert sich im Interview Wolfgang Weber, Leiter der Schulabteilung bei der Bezirksregierung Münster. Foto: dpa, BR

In Familien mit schulpflichtigen Kindern gibt es kaum ein Thema, das mehr an den Nerven zerrt als das durch Corona erzwungene „Lernen auf Distanz“. Zwar dürfen Grundschüler bald wieder in die Schulen – die Zukunft an den weiterführenden Schulen ist jedoch noch ungewiss. Und Eltern beklagen große Qualitätsunterschiede bei der Betreuung der Heimarbeit durch Lehrer und Schulen. Sie fordern ein klares Konzept für den Unterricht nach den Sommerferien. Unser Redaktionsmitglied Carsten Voß hat mit Wolfgang Weber, Leiter der Schulabteilung bei der Bezirksregierung, über beides gesprochen.

Welche Note geben Sie den Schulen in der Bewältigung der Corona-Krise?

Weber: Aufgrund der unterschiedlichen Ausgangslage ist eine generelle Note schwierig. Ich finde, viele Schulen haben gute individuelle Lösungen gefunden, um die Schülerinnen und Schüler auch zu Hause zu erreichen – mitunter auch unter schwierigen technischen Bedingungen. Gemessen daran, dass sie von heute auf morgen ein neues Unterrichtsmodell für den Distanzunterricht einführen mussten und später, beim Neustart in den Klassenräumen, strenge Hygieneregeln zu befolgen hatten, haben das viele gut umgesetzt.

Eltern schildern sehr unterschiedliche Wahrnehmungen davon, wie die Schulen mit der Corona-Krise umgehen. Manche Lehrer machen demnach regelmäßige digitale Angebote, andere gar nicht. Mangelt es an klaren Vorgaben?

Weber: Die Pandemie hat uns alle vor neue, große Herausforderungen gestellt, für die es insgesamt keinen Rahmenplan gab. Das galt auch für die Schulen. Unsere Behörde hat inzwischen für die Grundschulen einen solchen Orientierungsrahmen aufgestellt. Vorgesehen ist zudem, Lehrkräften über unsere Homepage Anleitungen und Best-Practice-Beispiele zur Verfügung zu stellen. Insgesamt, glaube ich, hat sich gezeigt, dass sich sowohl Schulleitungen, die Lehrkräfte wie auch die Schulträger wirklich angestrengt haben, gute Arbeit zu leisten. Wenn so eine gravierende Umstellung kommt, kann nicht alles von Anfang an reibungslos funktionieren. Und wenn wir ehrlich sind, wissen wir alle, dass es auch im regulären Betrieb Unterschiede darin gibt, wie Lehrer Unterricht gestalten, und dies ist gerade jetzt noch einmal sichtbarer geworden.

Braucht es nicht dringend mehr Digitalkompetenz an Schulen?

Weber: Ja, auf jeden Fall. In der Aus- und Weiterbildung hat sich schon einiges getan, aber das müssen wir zu einer Großoffensive ausbauen. Daher ist es gut, dass Bund und Land noch einmal Gelder zur Verfügung stellen.

Wie wahrscheinlich ist es, dass Eltern ihre Kinder nach den Sommerferien von montags bis freitags auch wieder in die weiterführende Schule schicken können?

Weber: Ich glaube, die Wahrscheinlichkeit ist recht hoch – sofern die Menschen im Umgang mit dem Virus vernünftig bleiben.

Und wie sieht der Unterricht dann konkret aus? Ziehen Sie in Betracht, Klassenräume zeitweilig in Vereinsheime oder andere Gebäude zu verlagern?

Weber: Konkrete Vorgaben zum Unterricht nach den Ferien wird es seitens des Schulministeriums in den nächsten Tagen geben. Welchen Raumbedarf wir haben, hängt davon ab, ob die Abstandsregeln bleiben, wie sie sind. Falls ja, halte ich es für sinnvoll, nach Ausweich-Räumen zu suchen.

Schulen wie Eltern lechzen nach Klarheit.

Weber: Ja, das sehe ich ganz genauso. Wie auch immer das konkrete Unterrichtsmodell aussieht, das nach den Ferien gelten soll, brauchen Schulen und Eltern ausreichend Zeit, sich darauf einzustellen. Da müssen jetzt sehr schnell die Leitplanken definiert werden.

Wie lange wird es brauchen, den Unterrichtsstoff der Corona-Monate aufzuholen?

Weber: Der in den vergangenen Wochen wieder angelaufene Präsenzunterricht kann nicht kompensieren, was vorher an Unterricht ausgefallen ist. Viele Schüler sind glücklicherweise sehr schnell darin, Verpasstes nachzuholen. Aber natürlich ist es unabdingbar, zu Beginn des nächsten Schuljahres genau zu gucken, wo jeder Schüler steht, um ihn dann auch individuell zu fördern. Dieses Prinzip der individuellen Förderung muss absolut im Fokus stehen.

Dafür brauchen Sie Personal . . .

Weber: Auch wenn sich die Situation inzwischen weitgehend stabilisiert hat, fehlen an manchen Schulen noch immer viele Lehrer aus den Risikogruppen bzw. hatten wir auch schon vor der Pandemie manche Lehrerstelle nicht besetzen können. Da müssen wir nach den Sommerferien gegebenenfalls steuernd eingreifen und für Unterstützung sorgen. Parallel haben wir jetzt ein Programm aufgesetzt, das sich „Anschluss individuell schaffen“ nennt. Das ist insbesondere für Schulen in strukturschwachen Gebieten gedacht. Studierende sollen dort genau die Schüler an die Hand nehmen, bei denen die Defizite durch das Lernen auf Distanz am größten sind. So hoffen wir, zumindest einen kleinen Beitrag leisten zu können, damit die Bildungsschere nicht weiter auseinandergeht.

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