Steinfurter FH-Professor ist Erstautor einer neuen Studie
Keine Entwarnung: Blei im Boden

Steinfurt -

Blei im Boden belastet Mensch und Umwelt. Bislang war kaum erforscht, ob dabei langfristig gesundheitlich gefährliche Konzentrationen entstehen können. Jetzt haben Wissenschaftler der Gesellschaft für Toxikologie (GT) ein mathematisches Modell entwickelt. Erstautor der Studie ist Prof. Dr. Thomas Schupp vom Fachbereich Chemieingenieurwesen der Fachhochschule in Steinfurt.

Montag, 08.06.2020, 16:44 Uhr aktualisiert: 09.06.2020, 16:14 Uhr
Prof. Dr. Thomas Schupp ist Erstautor einer Studie zum Thema Bleibelastung in Ackerböden.
Prof. Dr. Thomas Schupp ist Erstautor einer Studie zum Thema Bleibelastung in Ackerböden. Foto: Wilfried Gerharz

Das Schwermetall Blei ist giftig: Wer es über einen langen Zeitraum aufnimmt, schädigt unter anderem das zentrale Nervensystem. Um die Belastung für Mensch und Umwelt zu reduzieren, sind viele Maßnahmen durchgeführt worden. Dennoch kann sich Blei weiterhin etwa in landwirtschaftlich genutzten Böden anreichern. Die Hauptquellen: bleihaltige Düngemittel und Jagdmunition.

Bislang war kaum erforscht, ob dabei langfristig gesundheitlich gefährliche Konzentrationen entstehen können. Jetzt haben Wissenschaftler der Gesellschaft für Toxikologie (GT) ein mathematisches Modell entwickelt. Erstautor der Studie ist Prof. Dr. Thomas Schupp vom Fachbereich Chemieingenieurwesen der Fachhochschule in Steinfurt.

Das Ergebnis: Die Bleikonzentration in Böden steigt an, allerdings nur sehr langsam. „Durch unser Modell sind Prognosen möglich, wie sich der Bleigehalt im Boden über viele Jahrzehnte entwickelt“, sagt Schupp. So könne man abschätzen, ab wann für die Gesundheit von Verbrauchern kritische Bleiwerte erreicht werden.

Zunächst hatte die Kommission ermittelt, wie viel Blei jährlich durch Dünger, Munition und Ablagerung aus der Hintergrundbelastung der Luft in ländlichen Regionen in den Boden eingebracht wird. Dazu nutzte sie aus der Literatur bekannte Werte. Dies führte zu vier Szenarien mit unterschiedlich hohen Bleieinträgen pro Jahr. Diese setzten die Forscherinnen und Forscher in Relation zu den Bleikonzentrationen, die dem Boden durch versickerndes und ablaufendes Regenwasser sowie durch die angebauten Pflanzen entzogen werden. So simulierte das Team, wie sich die Bleikonzentration im Boden entwickelt.

„Danach haben wir geschätzt, wie viel Blei eine Person beim Verzehr von bestimmten landwirtschaftlichen Produkten wie Getreide, zum Beispiel Gerste, oder Gemüse, also etwa Kartoffeln, Karotten, Chinakohl, Spinat oder Mangold, aufnimmt“, so Schupp. Dies ist möglich, da für einige landwirtschaftliche Produkte der Bleianteil bekannt ist, den sie aus dem Boden aufnehmen.

Prof. Dr. Jan Hengstler, Mitautor und Toxikologe am Leibniz-Institut für Arbeitsforschung an der TU Dortmund (IfADo), fasst die Erkenntnisse der Modellierungen zusammen: „Während kurzfristig nur wenig passierte, stiegen die Bleibodenkonzentrationen in zwei Szenarien über einen Zeitraum von vielen Jahrzehnten – 50 und 175 Jahren – deutlich an.“ Sie erreichten Werte, die für den Menschen ein ernsthaftes Gesundheitsrisiko darstellen würden. Diese Szenarien enthielten zwar relativ hohe Bleibodenwerte bedingt durch Einträge über Dünger, dicht gefolgt von Schrotkugeln und einem kleineren Anteil von Blei in der Luft. Für die konventionelle Landwirtschaft, für die ausreichend Daten vorliegen, sind die Werte dennoch realistisch, wobei Kompost den höchsten Eintrag verursacht. „In der Realität haben wir aber die Möglichkeit, den Bleieintrag in den Boden zu senken, zum Beispiel durch Düngemittel, die weniger Blei enthalten, oder Alternativen zu bleihaltiger Munition. Solche Maßnahmen sind relevant für eine nachhaltige Landwirtschaft und um toxische Effekte des Bleis langfristig zu vermeiden“, erklärt der Wissenschaftler.

Eine genauere Kenntnis darüber, wie viel Blei durch Schrotkugeln in den Boden gelangt, könnte die Aussagekraft der Berechnungen verbessern. Denn bislang liegen dazu nur grobe Schätzungen vor. Zudem haben die Forscher andere Quellen der Bleibelastungen – etwa das Trinkwasser – in den aktuellen Berechnungen nicht berücksichtigt.

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