Vor sechs Jahren flohen Samah Kahlaf und ihr Familie aus dem Irak
Als der IS Jagd auf Jesiden machte

Lienen -

Der 3. August 2014 war ein schrecklicher und unvergesslicher Tag für Samah Kahlaf. Sie war zwölf Jahre alt. An diesem Tag verließ Samah mit ihrer Familie den Irak, ihr Heimatland. Nicht freiwillig, sondern weil der Terror nahte. Es ging um Leben und Tod. Familie Kahlaf und viele andere Familien wohnten in Sindschar. 

Montag, 07.09.2020, 17:14 Uhr aktualisiert: 07.09.2020, 18:01 Uhr
Vor sechs Jahren flohen Samah Kahlaf und ihr Familie aus dem Irak: Als der IS Jagd auf Jesiden machte
Samah Kahlaf am Dorfteich von Lienen. Sie und ihre Familie sind Jesiden, jene Minderheit im Nahen Osten, die vom IS brutal verfolgt wurde. Foto: Najlaa Bakrou

Sie gehören zu den Jesiden, eine religiöse Minderheit, und feierten an diesem Tag ein fröhliches Fest. In dieser Nacht erhielten sie die Nachricht, dass sie fliehen müssten, da die Terrorgruppe Islamischer Staat (IS) einen Überfall plane.

Samah erinnert sich: „Der IS entführte junge Männer, um sie auszubilden für seine Organisation in Syrien und dem Irak. Mädchen und Frauen wurden entführt, sexuell missbraucht und unterdrückt, weil sie für ungläubig und Gottesleugnerinnen gehalten wurden.“

Sie und ihr Familie entkamen auf einem Lastwagen. Sie konnten nichts mitnehmen. Unterweges wurden sie beschossen. Am Morgen kamen sie in Kurdistan an. Sie hatten kein Geld und keine Unterkunft, deshalb verbrachten sie den ersten Tag auf der Straße. Vorübergehend kamen die Khalafs mit 25 anderen Familien in einer Schule unter. Später lebten sie in einem Zelt in einem Flüchtlingslager.

Samah konnte nicht zu Schule gehen. Die Hitze im Sommer und die Kälte im Winter waren schrecklich. Das Zelt schützte nicht vor Regen. Die Matratze und die Bettwäsche und alle anderen Sachen waren nass und klamm. Hin und wieder gab es einen Brand, weil die Steckendosen defekt waren. Samah sagt: „Ich hasste mein Leben und ich war verzweifelt über meine Zukunft.“

2015 flüchteten zwei Brüder von Samah nach Deutschland. Der Vater sammelte Geld und im September 2016 flüchtete die restliche Familie in der Türkei. Nach mehrere gescheiterten Versuchen erreichten sie mit 75 weiteren Flüchtlingen in einem Boot Griechenland. Am Strand hatte Samah ein glückliches Gefühl, dass sie alles überlebt hatten. Sie wusste, dass Verwandte ihrer Mutter im Mittelmeer ertrunken waren.

Von Griechenland aus ging es mit 75 Flüchtlingen in einem Gemüselastwagen weiter. In dem Wagen herrschten eisige Temperaturen. Am 28. Oktober 2017 kamen sie endlich in Deutschland an. Nach Stationen in Braunschweig und Köln in verschiedenen Unterkünften lebt Samah seit 2018 in Lienen.

Samah erzählte: „Ich fühle mich wohl, ich kann endlich zur Schule gehen und Deutsch lernen. Zumindest gibt es hier keinen Krieg. Meiner Familie fällt die Sprache manchmal schwer und auch die andere Kultur. Durch Corona ist die Schule ausgefallen und ich hatte mit den Hausaufgaben meine Mühe. Meine Mutter und ich haben an der Aktion ,Lienen näht‘ teilgenommen. Wir haben Masken genäht und sie in die Apotheke gebracht.“

Samah hat in Lienen ein neues Leben angefangen. Sie möchte die schrecklichen Erlebnisse und die Erinnerung daran hinter sich lassen. Sie möchte den Krieg und ihre Flucht vergessen. Die 18-Jährige geht in Ibbenbüren zur Schule in die zehnte Klasse. Sie ist ehrgeizig. Sie möchte auf ihren Abschluss machen, später studieren oder vielleicht eine Ausbildung machen. Ja, Samah fühlt sich wohl in Lienen.

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