Neue Regeln im Straßenverkehr
Wo das Überholen unmöglich ist

Ascheberg -

Zoff in der Bauerschaft als sich ein Auto- und ein Radfahrer begegneten. Muss der Autofahrer in den Graben fahren, wenn ihm ein Radler entgegenkommt? Und wie sieht es beim Überholen aus?

Dienstag, 08.09.2020, 20:00 Uhr aktualisiert: 08.09.2020, 20:12 Uhr
Mit Straßenkreide wird die Lage sichtbar: Selbst wenn Radler sich nur wenig Platz nehmen, ist das Überholen unmöglich. Der Sicherheitsabstand ist gegenüber früheren Empfehlungen nun um 50 Zentimeter (gelber Streifen) auf vorgeschriebene zwei Meter erhöht worden.
Mit Straßenkreide wird die Lage sichtbar: Selbst wenn Radler sich nur wenig Platz nehmen, ist das Überholen unmöglich. Der Sicherheitsabstand ist gegenüber früheren Empfehlungen nun um 50 Zentimeter (gelber Streifen) auf vorgeschriebene zwei Meter erhöht worden. Foto: Theo Heitbaum

Verbaler Zusammenstoß in der Bauerschaft: Auf dem Wirtschaftsweg am Haus Romberg kommt einem Ehepaar in ihrem Auto ein unwirsch gestikulierender Radfahrer entgegen. Weil es dem Unmut auf den Grund gehen will, stoppt das Duo im Auto. Der Radler erklärt aufgeregt, die Autofahrer sollten doch bitteschön den Mindestseitenabstand von zwei Metern einhalten. Das Ehepaar hat seither Fragen: Wie soll man auf einer landwirtschaftlichen Straße die geforderten zwei Meter Abstand halten, wenn man sich nicht in den Graben begeben will? Sollen wir zukünftig, wenn wir einen Radfahrer überholen wollen, immer hinter ihm herfahren? Und sollen wir, wenn uns ein Radfahrer entgegen kommt, zukünftig anhalten, bis er an uns vorbeigefahren ist?

Verbindlich festgeschriebener Mindestabstand

Den Fragenkomplex haben die „Westfälischen Nachrichten“ mit Hilfe von Sascha Kappel (Kreispolizei Coesfeld) und Anne-Sophie Barreau (ADAC Westfalen) auseinandergebröselt. Es macht nach ihren Angaben einen Unterschied, wie Auto und Rad sich begegnen. „In diesem Fall kam der Radfahrer dem Autofahrer entgegen, es handelt sich also nicht um ein Überholmanöver“, erläutert Kappel und verweist auf die Straßenverkehrsordnung (StVO): Sie verlangt „ständige Vorsicht und gegenseitige Rücksichtnahme“. Wer am Verkehr teilnehme, habe sich so zu verhalten, dass kein Anderer geschädigt, gefährdet oder mehr als nach den Umständen unvermeidbar, behindert oder belästigt werde. Das gelte für alle Verkehrsteilnehmer, für Auto- genauso wie für Radfahrer. „In diesem Fall wäre es sinnvoll gewesen, sich gegenseitig zu arrangieren und zum Beispiel anzuhalten, um den Radfahrer passieren zu lassen“, erklärt ADAC-Sprecherin Barreau.

Beim Überholen legt die neue Straßenverkehrsordnung seit Ende April fest: Kraftfahrzeuge müssen auf der Fahrbahn einen Mindestabstand zu Radfahrern, Fußgängern und E-Scootern halten. Außerorts sind das mindestens zwei Meter, innerorts 1,5 Meter. Das ist nun verbindlich jeweils ein halber Meter mehr als vorher empfohlen worden war.

Gesetzeskonformes Überholen auf Wirtschaftswegen unmöglich

„Dass Kraftfahrzeuge beim Überholen auf der Fahrbahn einen konkreten Mindestabstand zu Radfahrern, Fußgängern und E-Scootern halten müssen, sorgt für mehr Klarheit“, stellt Barreau klar. „Unsere Wirtschaftswege sind in der Regel drei Meter breit“, stellt Christian Scheipers vom Tiefbauamt der Gemeinde Ascheberg klar. Ein Radler misst zwischen 70 und 80 Zentimetern. Selbst wenn er ganz am Rand unterwegs ist, bleibt kein Spielraum für ein gesetzeskonformes Überholen. „Wir raten dazu, sich auch daran zu halten. Wenn die Straße zu eng ist, sollten Autofahrer im Sinne der Verkehrssicherheit auf Überholmanöver verzichten“, stellt die ADAC-Sprecherin klar.

Kappel führt aus: „Das kann an der ein oder anderen Stelle zu Staus führen und verlangt auch Geduld. Wenn Radler merken, dass sich hinter ihnen eine Autoschlange gebildet hat, sollten sie bei einer passenden Gelegenheit halten und den Verkehr vorbei lassen.“ Einig ist sich das Duo in einer Sache: „Verkehrssicherheit geht natürlich immer vor!“ Deswegen sind Radfahrer auch nicht verpflichtet die Bankette zu nutzen. Schließlich bringt das Fahren dort und der Wechsel von Fahrbahn auf Bankette eine erhöhte Sturzgefahr mit sich.

Unklare Regelungen in anderen Fällen

Bei der Malerei mit Straßenkreide für ein Foto zu diesem Bericht wird in Gesprächen mit Passanten eine weitere Facette der neuen Vorschrift klar: Sie regelt das Verhalten von Autos und Fahrrädern eindeutig, bleibt in anderen Fällen aber unkonkret. Die Rollstuhlfahrerin, die über knapp an ihr vorbeisausende Radler klagt und Spaziergänger, die mit einem Windhauch eine unangenehme Nähe von überholenden Radfahrern beklagen, können nicht auf einen festgelegten Mindestabstand pochen. Es heißt in der STVO nur „Beim Überholen muss ein ausreichender Seitenabstand zu den anderen Verkehrsteilnehmern eingehalten werden.“ Der Mindestabstand ist nur für überholende Kraftfahrzeuge festgelegt worden und gilt bei ihnen auch für Fußgänger, die auf einen Mindestabstand pochen dürfen.

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