Vierfach-Mord in Enschede: Prozess gegen drei Männer
Die Angeklagten schweigen

Enschede/Almelo -

Die Indizien wiegen schwer. Sie deuten darauf hin, dass die drei Angeklagten, die sich zurzeit in Almelo vor Gericht verantworten müssen, für vier Morde verantwortlich sein könnten. Doch der Vater und seine Söhne schweigen.

Mittwoch, 16.09.2020, 18:15 Uhr aktualisiert: 17.09.2020, 17:15 Uhr
Das Gebäude, in dem der vierfache Mord stattgefunden hat, am Tag nach der Tat.
Das Gebäude, in dem der vierfache Mord stattgefunden hat, am Tag nach der Tat. Foto: Martin Borck

Wegen vierfachen Mordes am 13. November 2018 in Enschede läuft seit Dienstag die Hauptverhandlung gegen Camil A. (59) und seine Söhne Dejan (33) und Denis (32) vor dem Gericht in Almelo.

Am Tattag gegen 15 Uhr wurden in einem Gebäude an der van Leeuwenhoek­straat in Enschede die Leichen von vier Männern entdeckt. Es handelte sich um Tuan Nguyen, den Betreiber des dort untergebrachten Growshops, seinen ehemaligen Kompagnon Artus Sargsyan, den Restaurantbesitzer Majkel Akfidan aus Hengelo und den Düngemittellieferant Max Klaassen aus Arnheim. Sie waren aus nächster Nähe erschossen worden. Wahrscheinlich war eine Abrechnung in der Drogenwelt Anlass für die Tat. In dem Growshop sind Utensilien für den Cannabisanbau erhältlich. Möglicherweise war nur der Besitzer Ziel des Anschlags und die anderen Opfer lediglich zur falschen Zeit am falschen Ort. Vielleicht war es aber auch ein Raubüberfall. Sicher ist das alles nicht. Denn die drei Angeklagten schweigen.

Allerdings wiegen die Indizien und Beweise gegen die drei schwer. Es existieren Videobilder, die nahelegen, dass sie sich zur Tatzeit in der Nähe des Tatorts aufgehalten haben. Andere Aufzeichnungen zeigen, dass der ältere Sohn später offenbar das Auto reinigte, mit dem sie unterwegs waren. Die Kleidung, die der jüngere Sohn vor der Tatzeit getragen hat, wechselte er. Die Kleidung, die er noch am Mittag getragen hat, ist verschwunden. Im Auto werden später Blutspuren des getöteten Growshop-Besitzers und eine Patronenhülse gefunden, die zu der bei der Tat verwendeten Munition passt. Allerdings sind die verwendeten Waffen verschwunden.

Die Richter und der Staatsanwalt versuchten, die Verdächtigen in der Verhandlung zum Sprechen zu bringen. Doch nicht mal auf die Fragen zur Person erhalten sie Antworten.

Der Vater hat bei einer vorbereitenden Sitzung des Gerichts erklärt, dass seine Söhne unschuldig seien und dass er sich zu einem späteren Zeitpunkt äußern wolle. „Warum tun Sie das denn nicht?“, will Richter Ben Hendriks wissen. „Ich tue das, wenn die Zeit dazu reif ist“, antwortet Camil A. – Hendriks: „Und wann ist das?“ – „A: „Das liegt an Ihnen.“ Hendriks daraufhin: „Nun, das sag ich, dass jetzt die Zeit reif ist.“ Doch A. beruft sich nur wieder auf sein Recht zu schweigen, berichtet der Twentsche Courant Tubantia.

Die Stimmung im Gericht ist geladen. Wie auch schon in einer der vorbereitenden Sitzungen sind Angehörige der Opfer anwesend – auf der mit einer Glaswand vom Gerichtssaal getrennten Galerie oberhalb des Saals, wo sich auch die Angeklagten befinden. Ein Angehöriger beschimpft die Angeklagten und spuckt voller Verachtung gegen die Scheibe. Trotz vorheriger Ermahnungen des Richters.

Am Mittwoch kommen die Söhne des getöteten Arnheimers Max Klaassen zu Wort. „Wie kann man so etwas tun?“, fragt er. „Keine Strafe ist hoch genug, um mir ein Gefühl von Gerechtigkeit zu vermitteln. Nichts bringt meinen Vater zurück. Die Schuldigen müssen für immer aus der Gesellschaft entfernt werden“, sagt er. Auch die Witwe ergreift das Wort. „Ihr beruft euch auf euer Schweigerecht. Ich habe lebenslang gekriegt. Die höchstmögliche Strafe, die ihr bekommt, ist für uns immer noch lachhaft.“ Auch der andere Sohn betont, wie sehr er seinen Vater vermisst.

Richter Hendriks fragt die Angeklagten, ob sie sich äußern wollen. Camil A. sagt, dass er Mitleid empfinde. Doch er und seine Söhne hätten nichts mit dem Vierfachmord zu tun. Dejan und Denis schließen sich diesen Worten an.

Die Hinterbliebenen von Majkel Akfidan, der gerade Vater geworden war, lassen von ihrem Anwalt eine Erklärung verlesen. Sie wenden sich darin an Camil A.: „Ihr seid wegen des Kriegs aus Jugoslawien geflohen. Ihr wolltet dort nicht auf Menschen schießen. Warum habt ihr dann hier auf meinen unschuldigen Sohn geschossen? Sie sind ein gewissenloser Vater.“

Die Witwen der beiden anderen Opfer werfen den Angeklagten vor, dass sie sich nicht äußern. „Hoffentlich berücksichtigen die Richter das in ihrem Urteil.“

Der Prozess wird fortgesetzt.

Nachrichten-Ticker