Jahrhundertfund in Kalkriese
Römische Rüstung lässt Experten jubeln

Bramsche-Kalkriese -

Jahrhundertfund in Kalkriese: Bei den Grabungen zur Varusschlacht kam ein nahezu kompletter römischer Schienenpanzer ans Tageslicht. Die Schutzausrüstung eines Legionärs aus augusteischer Zeit ist offenbar sehr gut erhalten und wird in der Fachwelt bereits als einzigartige Entdeckung gewürdigt.

Freitag, 25.09.2020, 17:17 Uhr aktualisiert: 25.09.2020, 17:22 Uhr
Diese vier bereits restaurierten Metallstücke schützten einst die Schulterpartie eines römischen Legionärs aus der Zeit des Kaisers Augustus. Der komplette Schienenpanzer wurde 2018 im Block (kl. Bild) ausgegraben und muss jetzt sorgfältig freigelegt und restauriert werden. Niedersachsens Kulturminister Björn Thümler (l.) und Lavinia Francke von der Stiftung Niedersachsen lassen sich hier von Dr. Stefan Burmeister, dem Geschäftsführer von Museum und Park Kalkriese, über den Jahrhundertfund informieren.
Diese vier bereits restaurierten Metallstücke schützten einst die Schulterpartie eines römischen Legionärs aus der Zeit des Kaisers Augustus. Der komplette Schienenpanzer wurde 2018 im Block (kl. Bild) ausgegraben und muss jetzt sorgfältig freigelegt und restauriert werden. Niedersachsens Kulturminister Björn Thümler (l.) und Lavinia Francke von der Stiftung Niedersachsen lassen sich hier von Dr. Stefan Burmeister, dem Geschäftsführer von Museum und Park Kalkriese, über den Jahrhundertfund informieren. Foto: Wilfried Gerharz

Was die Restauratorin Rebekka Kuiter im eingegipsten Block vor sich sieht, schaut aus wie ein grober brauner Kranz aus Rost. Die Mitarbeiterin des Varusschlacht-Museums in Kalkriese aber zeigt sich zuversichtlich: In etwa einem Jahr will sie von den 30 gezählten Metallplatten eines römischen Schienenpanzers etwa 25 so restaurieren, dass der Betrachter die Rüstung eines römischen Legionärs aus der Zeit des Kaisers Augustus plastisch vor Augen hat.

Wie diese einzelnen Platten dann aussehen, das wurde am Freitag bei einer von zahlreichen Medienvertretern besuchten Pressekonferenz im Aussichtsturm des Archäologischen Parks in Kalkriese sichtbar. Die vier bereits restaurierten und bräunlichen Eisenplatten sind prima als Schulterstück des Panzers zu erkennen – bis hin zu den Schnallen, durch die die Lederriemen zur Befestigung der einzelnen Teile gezogen wurden.

Die Forscher in Kalkriese bewerten das, was da bereits 2018 vorsichtig im Block aus dem Boden auf dem Oberesch geborgen wurde, als einen „Sensationsfund“, ja einen „Jahrhundertfund“. Ein derart alter und beinahe komplett wiederherstellbarer römischer Schienenpanzer wurde bislang noch nie entdeckt.

Weitgehend vollständig erhaltenen Schienenpanzer

„In seiner unerwartet guten Erhaltung erfordert der Neufund aus Kalkriese eine Revision unseres bisherigen Wissens über den Standard römischer Militärtechnik“, frohlockt der Archäologe und Geschäftsführer von Museum und Park Kalkriese, Dr. Stefan Burmeister. Bislang wurden stets nur wenige Teile solcher Schutzausrüstungen entdeckt, oder man musste sich alte römische Bildnisse derartiger Ausrüstungen anschauen. Forscher blickten bislang stets ins englische Corbridge, wo früher schon sechs Hälften von Schienenpanzern gefunden wurden. Diese stammen jedoch, wie Burmeister erläuterte, aus dem 2. Jahrhundert n. Chr. und sind damit über 100 Jahre jünger als der neue Fund aus Kalkriese.

Archäologen finden römischen Schienenpanzer in Kalkriese

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  • Seit 30 Jahren wird in Kalkriese im Osnabrück intensiv nach Spuren einer Schlacht zwischen Römern und Germanen gesucht. Ein weiterer Fund begeistert die Experten:

    Foto: Wilfried Gerharz
  • Die Wissenschaftler stoßen auf einen nahezu kompletten Schienenpanzer, der im Kampf von einem Soldaten getragen.

    Foto: Wilfried Gerharz
  • Experten bezeichnen den Fund der antiken Rüstung als außergewöhnlich. „Er ist bislang der älteste und der einzig erhaltene Schienenpanzer“, sagte der kommissarische Leiter der Wissenschaftsabteilung des Museums, Salvatore Ortisi von der Ludwig-Maximilians-Universität München.

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  • Obwohl seit der Militärreform des römischen Kaisers Augustus diese Art der Rüstung zur festen Soldaten-Ausstattung der antiken Supermacht gehört habe, gebe es kaum Funde, erklärte der Geschäftsführer des Museums und Parks Kalkriese, Stefan Burmeister.

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  • Auch aufgrund der Bodenverhältnisse in Norddeutschland sei kaum damit zu rechnen gewesen, dass ein solches Eisenobjekt mehr als 2000 Jahre überdauere.

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  • Der Laie sieht zunächst nur rostige Fragmente. Für Rebekka Kuiter sind es Puzzleteile einer archäologischen Sensation. Stück für Stück befreit die angehende Restauratorin die Einzelteile des Fundes von Sand, Erde und Rost - und fügt sie wieder zu einer Rüstung der römischen Armee zusammen. Etwa 30 Platten muss sie so aufarbeiten, dass der Ursprungsgegenstand wieder zu sehen sein wird - eine Aufgabe für Jahre.

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  • Zusammen mit dem Schienenpanzer wurde auch ein Fesselungsinstrument, eine sogenannte Halsgeige, gefunden. Dabei werden die Hände des Gefangenen vor dem Hals fixiert. Die römische Armee führte diese Halsgeigen bei ihren Zügen mit sich, um Kriegsgefangene zu fesseln und sie der Sklaverei zuzuführen.

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  • Die Fundsituation lege nahe, dass hier ein überlebender römischer Legionär von den siegreichen Germanen mit dem römischen Unterwerfungssymbol gefesselt worden sei. Erstmals sei damit ein archäologischer Fund in Kalkriese gemacht worden, der für ein konkretes individuelles Schicksal eines Kriegsopfers stehe, sagte Burmeister.

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  • „Der Fund dieses weltweit ersten erhaltenen Schienenpanzers festigt den Ruf Niedersachsens als eines Archäologielandes ersten Ranges“, sagte Kultur- und Wissenschaftsminister Björn Thümler (CDU).

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Entdeckt wurde der Schienenpanzer bei archäologischen Ausgrabungen in Kooperation mit der Universität Osnabrück schon im Jahr 2018. Dass es sich um einen weitgehend vollständig erhaltenen Schienenpanzer handelt, war zu jenem Zeitpunkt noch nicht ersichtlich. Klar war nur, dass im Boden ein größeres Stück Metall ruhte. Also barg das Grabungsteam den Fund im Block. Die erste Reise führte das 500 Kilo schwere eingegipste und eingeschäumte Bodenstück dann kurioserweise in die große Röntgenanlage des Zollamtes des Flughafens Münster/Osnabrück.

2023 große Sonderausstellung in Kalkriese

Doch das umgebende Erdreich schirmte den metallischen Inhalt so gut ab, dass nur ein formloses, schwarzes, metallenes Etwas zu sehen war. Die Reise führte dann weiter ins Entwicklungszentrum Röntgentechnik des Fraunhofer-Instituts in Fürth. Hier steht das weltweit größte öffentlich zugängliche Computertomographie-System. Das dortige Gerät erschließt die einzigartige Möglichkeit, großvolumige Objekte dreidimensional zu erfassen. Durch den Einsatz hoher Röntgenenergien wurde eine gute Durchdringung des Blocks erzielt, sodass eine besonders dichtetreue Abbildung von unterschiedlichen Materialien möglich wurde. Diese Reise durch das Objekt war gestern bereits in einem kleinen Film zu sehen, der die Journalisten ins Staunen versetzte. Selbst millimeter­kleine Metallstücke wurden plötzlich sichtbar.

Römischer Schienenpanzer

Der den Oberkörper schützende Schienenpanzer ist eine römische Erfindung der frühen Kaiserzeit, also zur Zeit des Augustus, der von 31 v. Chr. bis 14 n. Chr. Alleinherrscher Roms war. Gegenüber dem bis dahin gebräuchlichen Kettenhemd bot der Schienenpanzer Vorteile. Mit acht Kilogramm war er nur halb so schwer, und er ließ sich schneller und effizienter fertigen als das Kettenhemd. Einzelteile konnten bei Verlust leichter ersetzt oder im Schadensfall ausgetauscht werden. Damit brachte der Schienenpanzer wirtschaftliche und logistische Vorteile bei der Versorgung der römischen Armeen. Auch im Kampf bot er besseren Schutz vor Verletzungen als das Kettenhemd. Bis ins 4. Jahrhundert gehörte der Schienenpanzer zur Standardausstattung der römischen Legionäre.pd/loy

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Bemerkenswert ist übrigens auch der Fundkontext des Schienenpanzers; denn hier wird möglicherweise das Einzelschicksal eines römischen Soldaten sichtbar. Im Bereich von Hals und Schulter lag nämlich eine so genannte „Halsgeige“. Halsgeigen wurden in der römischen Armee mitgeführt, um vor allem Kriegsgefangene, deren Schicksal die Sklaverei war, zu fesseln. Die Fundsituation legt nahe, dass hier ein römischer Legionär als Überlebender des Gefechts von den germanischen Siegern mit dem römischen Unterwerfungssymbol gefesselt und dann getötet wurde.

Museumsleiterin Dr. Heidrun Derks grübelt schon darüber nach, wie der Fund später dem Publikum präsentiert werden kann. 2023 soll in einer großen Sonderausstellung in Kalkriese eine Zwischenbilanz der bis heute über 33 Jahre dauernden Ausgrabungen gezogen werden. Der Panzer soll dann das Glanzstück sein.

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