Schausteller-Paar aus Ascheberg greift nach jedem Strohhalm
Das Leben macht eine Zwangspause

Ascheberg -

Normalerweise wäre sie jetzt auf dem Send in Münster. Doch Steffi Dörrbecker jobbt auf dem Forstmannshof. Das Schaustellerleben ist durch Corona komplett aus den Fugen geraten.

Freitag, 02.10.2020, 20:00 Uhr aktualisiert: 02.10.2020, 21:28 Uhr
Die Ascheberger Schausteller Steffi Dörrbecker und Thomas Philip gehen derzeit durch harte Zeiten.
Die Ascheberger Schausteller Steffi Dörrbecker und Thomas Philip gehen derzeit durch harte Zeiten. Foto: Tina Nitsche

 „Eigentlich wäre jetzt Send-Zeit“, sagt Steffi Dörrbecker. Eigentlich. Wie so viele Veranstaltungen wurde auch die Münsteraner Veranstaltung wegen Corona abgesagt. Kleine Entschädigung: Es gibt stattdessen vom 10. bis 25. Oktober den „Freizeitpark-Münster – der Kirmesspaß am Schloss“. Für die Ascheberger Schaustellerin ist da jedoch kein Platz. Die Zeit trifft ihre Branche besonders hart. „Es tut einfach weh, wenn man alleine nur daran denkt, heute wärst Du eigentlich da, morgen da. Es fehlt etwas“, sagt Steffi Dörrbecker leise. Was ihr fehlt ist ihre Arbeit. Ihr Lebensgefährte Thomas Philip fügt hinzu: „Es ist ja nicht nur unsere Arbeit. Es ist unser Leben.“

„Wir hängen in der Schwebe“

Wie viele andere Menschen auch, legen sie trotz aller Schwierigkeiten keineswegs die Hände in den Schoß. „Man sucht nach Wegen, aber ob jeder Strohhalm der richtige ist… Es ist schwierig“, gibt Steffi Dörrbecker zu. Nachdem für sie alles weggebrochen ist an Veranstaltungen, hat sie stundenweise eine Beschäftigung beim Forstmannshof gefunden. „Man muss ja über die Runden kommen.“ Dennoch nagt die Situation an den Nerven. „Wir hängen in der Schwebe“, bringt es Philip auf den Punkt.

Genau wie seine Lebensgefährtin ist er in vierter Generation Schausteller. Die beiden betreiben kein Fahrgeschäft, sondern sind mit ihrem Angebot, das Geschenkartikel, Accessoires und Putztücher umfasst, auf den Markthandel spezialisiert. Will heißen, da laufen trotz fehlender Einnahmen die Fixkosten Monat für Monat munter weiter.

Nun bauen die beiden auf die Weihnachtsmärkte. Eine nervliche Zerreißprobe. Steffi macht das am Beispiel Hannover fest. „Zusagen, die sonst im Mai kommen, kamen jetzt im Juni. Allerdings mit dem Vermerk ‚unter Vorbehalt‘“, sagt sie. Thomas ergänzt: „Bei den Standgeldern sind uns die Veranstalter wirklich großzügig entgegengekommen, eine wirklich große Geste“. Dennoch hängt das Paar in der Luft. „Wir haben Verträge unter Vorbehalt, niemand kann uns etwas genaues sagen“, beschreibt Steffi Dörrbecker die missliche Situation, die sich auch auf alle anderen Bereiche auswirkt.

„Noch so ein Jahr überstehen wir nicht.“

Für Münsters Weihnachtsmarkt haben sie bis auf die Mitteilung „Wir können noch keine konkrete Aussage treffen“ auch noch nichts gehört. Beide wissen, dass alle Veranstalter mit Hochdruck an notwendigen Hygiene- und Sicherheitskonzepten arbeiten. Sie selbst treten jedoch auf der Stelle. Eine zermürbende Situation. „Wir hoffen auf die Weihnachtsmärkte, auch wenn wir nicht wissen, ob sie von den Besuchern so angenommen werden wie sonst“, sagen beide. Aufgeben wollen sie nicht.

Aktuell halten sie sich in den „Schwebezeiten“ mit Minijobs über Wasser. Genaue Planungen sind jedoch angesichts der Gesamtsituation nicht möglich. Eine Situation, die richtig weh tut. „Der Freizeitfaktor beziehungsweise die schönen Seiten des Lebens sind massiv eingeschränkt, ob es bei den Schaustellern, den Künstlern oder der Tourismusbranche ist“, fassen beide die Misere zusammen, die bei allen an den Nerven zerrt. Wie es weitergeht wissen beide nicht. Fest steht jedoch: „Noch so ein Jahr würden wir so nicht überstehen. Dann müssten wir über zusätzliche Konzepte und Ideen nachdenken.“ Denn ihre jahrzehntelange berufliche Tradition wollen sie nicht einfach enden lassen. Wie gesagt sowohl Steffi Dörrbecker als auch Thomas Philip sind in der vierten Generation als Schausteller und Markthändler unterwegs, und führen damit das Erbe ihrer Vorfahren fort.

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