Dietmar Panske arbeitet im Lügde-Untersuchungsausschuss mit
Missbrauch aus Tabu-Ecke holen

Ascheberg -

Dietmar Panske aus Ascheberg ist Sprecher und Obmann der CDU-Landtagsfraktion im Lügde-Untersuchungsausschuss. Was der Ausschuss leistet und das Thema mit ihm macht, erklärt er im Interview.

Sonntag, 04.10.2020, 11:36 Uhr aktualisiert: 04.10.2020, 15:53 Uhr
Als CDU-Obmann im Untersuchungsausschuss des Missbrauchskandals in Lügde, steht Dietmar Panske den Medien Rede und Antwort.
Als CDU-Obmann im Untersuchungsausschuss des Missbrauchskandals in Lügde, steht Dietmar Panske den Medien Rede und Antwort. Foto: privat

Die Polizei deckt immer neue Fälle von Kindesmissbrauch auf. Beim parlamentarischen Aufarbeiten des Gräuels von Lügde im Untersuchungsausschuss des Landtages ist der Ascheberger Dietmar Panske als Obmann und Sprecher der CDU immer wieder damit befasst. Was in Düsseldorf passiert, wie ein Abgeordneter als Mensch mit dem Geschehen umgeht und was jeder Mensch daraus ableiten kann, fragte WN-Redakteur Theo Heitbaum beim Abgeordneten nach.

Als Fernsehzuschauer drängt sich der Eindruck auf, dass zuletzt viele Befragte lieber geschwiegen haben. Wie schwierig ist es, Antworten zu erhalten?

Dietmar Panske: Nicht bei allen, aber bei einigen Zeugen war es wirklich schwierig. Es ging leider so weit, dass sogar das Oberlandesgericht bemüht werden musste. Die Richter gaben uns Recht, dass die Zeugen hätten aussagen müssen. Sie hatten zwar Angst, sich möglicherweise selbst zu belasten. Doch darum geht es in einem Parlamentarischen Untersuchungsausschusses im Gegensatz zu einem Strafverfahren doch gar nicht. Wir wollen klären, ob und in welchem Umfang ein System- oder Strukturversagen vorlag. Diese Abgrenzung fällt vielen Beteiligten bei diesem emotionalen Thema nicht immer leicht. Das macht unserer Arbeit zur Wahrheitsfindung nicht leichter.

Am Fernsehen werden Untersuchungsausschüsse oft wie Hahnenkämpfe von Regierung und Opposition dargestellt. Beim Fall Lügde scheint der Wille, gemeinsam Aufklären zu wollen, eher zu verbinden. Oder täuscht das?

Panske: Nein, das täuscht nicht. Angesichts des Themas haben alle Fraktionen das Ziel, mit der gemeinsamen Arbeit einen wichtigen Beitrag zu leisten, dass Geschehnisse wie in Lügde künftig schneller erkannt und Kinder besser geschützt werden. Das große Ziel, Kindermissbrauch zu verhindern, das eint uns. Das merke ich ganz deutlich in der Arbeit. Da unterscheidet sich dieser Untersuchungsausschuss auch von anderen. Die Einrichtung eines Untersuchungsausschusses ist ja ansonsten eher ein Mittel für die Opposition, Regierungsverantwortung zu kritisieren. Hier ist das schon deutlich anders, auch wenn an der einen oder anderen Stelle dennoch andere Gewichtungen und politische Blickwinkel in der konkreten Herangehensweise unserer Arbeit deutlich werden.

Da es sich schon länger hinzieht. Wie viel abstoßenden Dreck kann man eigentlich ertragen? Wer hilft Ihnen beim Verarbeiten?

Panske: Die Taten, die Schicksale und das Martyrium der Kinder belasten schon. Auch wenn sich für uns im Ausschuss die Hauptarbeit meist um Verantwortungen und Zuständigkeiten dreht - wir können und wollen die konkreten Taten und das Leid nicht ausblenden, nicht vergessen. Für mich ist wichtig, darüber zu reden. Das hilft mir persönlich sehr. Zudem macht es uns allen immer wieder deutlich, dass das Thema Kindesmissbrauch viel zu lange von der Gesellschaft verdrängt, darüber geschwiegen wurde. Genau diese Sprachlosigkeit darf nicht mehr herrschen – weder für den Einzelnen noch für die gesamte Gesellschaft.

Andersherum: Müsste für Zukunftsschlüsse nicht auch auf Münster und Bergisch Gladbach geschaut werden? Muss man noch tiefer eintauchen?

Panske: Je intensiver gesucht wird, desto mehr wird gefunden. Das ist leider ein Merkmal dieser Verbrechensstruktur. Deshalb bin ich auch Innenminister Herbert Reul dankbar, dass er das Thema so offensiv und massiv angegangen ist. Mehr Personal, mehr Technik und eben ganz wichtig: mehr Sensibilisierung für das Thema. Wir als Ausschuss helfen dabei, dass aus den Erkenntnissen des Falls Lügde für das Verhindern von neuen Taten und die schnelle Festnahme neuer Täter die Strukturen geschaffen werden. Hingegen ist es aber nicht die Aufgabe von uns als Politiker, immer wieder neue Tatkomplexe aus kriminalistischer Sicht zu untersuchen. Als Untersuchungsschuss des Landtags sind wir weder eine Kripo-Sonderkommission noch eine Sonderstaatsanwaltschaft. Wir dürfen uns da nicht verzetteln.

Haben Sie Ratschläge, wie man wachsam bleibt?

Panske: Kindesmissbrauch darf kein Tabu-Thema sein. Es wäre hilfreich, wenn die Gesellschaft, nein, jeder einzelne von uns darum weiß, dass diese Taten weit verbreitet sind. Weiter, als man sich bislang eingestehen wollte. Statistisch gesehen sitzt in jeder Schulklasse ein Kind, dass missbraucht wird. Jeder, der Kontakt zu Kindern hat, muss ihnen zuhören, muss Augen und Ohren offen halten, sollte wachsam für Anzeichen von Missbrauch sein. Wir müssen lernen, besser, offener sensibler mit dem Thema umzugehen – jeder einzelne. Und wir müssen eine Balance finden, zwischen zu großem Misstrauen und echtem ersten Anlass zur Sorge und zum schnellen Handeln.

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