„Es geht nur im Dialog“
Naturschutz-Konflikt am Grevener Beach

Greven -

Corona und ein handfester Konflikt um den Naturschutz machten den Veranstaltern von „Greven an die Ems!“ 2020 das Leben schwer. Kein Dauerzustand, hofft Peter Hamelmann von Greven Marketing.

Sonntag, 04.10.2020, 12:38 Uhr aktualisiert: 04.10.2020, 15:15 Uhr
Saisonende, leere Bänke – 2021 wird hoffentlich alles besser. In diesem Jahr erlebten Besucher und Veranstalter eine besondere „Greven an die Ems!“-Saison.
Saisonende, leere Bänke – 2021 wird hoffentlich alles besser. In diesem Jahr erlebten Besucher und Veranstalter eine besondere „Greven an die Ems!“-Saison. Foto: Oliver Hengst

Die Grevener haben ihren Beach ins Herz geschlossen. Das wurde besonders deutlich, als er in diesem Sommer zunächst gar nicht, und dann nur sehr eingeschränkt genutzt werden konnte. Corona spielte dabei eine Rolle, aber auch ein handfester Konflikt rund um das Thema Naturschutz. Im Interview spricht Peter Hamelmann, Vorstand von Greven Marketing, über eine besondere „Greven an die Ems!“-Saison und über mögliche Lösungen für den Konflikt.

Corona hat den Veranstaltungskalender ordentlich durcheinander gewirbelt. Wann war klar, dass es keine normale Saison geben würde?

Peter Hamelmann: Im Grunde seit der Zuspitzung der Corona-Krise Mitte März. Zu dem Zeitpunkt standen wir natürlich schon in intensiven Gesprächen mit allen Kooperationspartnern. Eigentlich lagen schon alle Termine fest, wir hätten starten können. Und dann brach uns ein Veranstalter nach dem anderen weg, weil die jeweiligen Veranstaltungskonzepte nicht coronakompatibel waren. So kam es, dass wir zum geplanten Beginn der Saison eigentlich gar keine Veranstaltungen mehr hatten. Wir mussten unser Veranstaltungskonzept als Greven Marketing quasi in Eigenregie ganz neu „stricken“.

Es gab dann neue Veranstaltungen und neue Impulse. Hatte die Krise also auch etwas Gutes?

Hamelmann: Es würde zu weit gehen, wenn man sagt: Man hat aus der Not eine Tugend gemacht. Aber es war tatsächlich so, dass wir überlegt haben: was passt an den Beach und ist zugleich corona-tauglich? Es durfte auch nicht zu teuer werden, teilweise mussten wir Eintritt nehmen für Veranstaltungen, die wir früher eher kostenlos angeboten haben. Man musste und konnte einiges ausprobieren.

Wie hat das Hygienekonzept funktioniert?

Hamelmann: Das in Kooperation mit Strandwirt Tanki erarbeitete Konzept hat sehr gut funktioniert. Die Besucher haben das sehr gut angenommen. Die Veranstaltungen sind gut besucht worden und die Resonanz war überwiegend positiv. Wegen der Corona-Besonderheiten haben wir auf ein Online-Ticketsystem gesetzt, das die Möglichkeit bot, die Kontaktdaten schon im Vorfeld zu erfassen, so dass an der Abendkasse gar nicht mehr viel passieren musste. Was ich sehr hervorheben muss: das absolut disziplinierte Verhalten der Besucher, die akzeptiert haben, dass es nicht mehr möglich war, ohne Maske kreuz und quer über die Aktionsfläche zu laufen. Wir hatten „Aufpasser“, aber die mussten im Prinzip nicht eingreifen.

Ist die Saison mit einem finanziellen Minus abgeschlossen worden?

Hamelmann: Nein. Wir haben die Saison angepasst, wir haben sie im Prinzip etwas kleiner geschneidert. Die großen Geschichten, die viel Geld kosten, haben ja nun mal nicht stattgefunden. Auch wenn uns die meisten Sponsoren die Treue gehalten haben, hatten wir ein kleineres Sponsorenbudget zur Verfügung. Das konnten wir aber gezielt für die kleineren Veranstaltungen einsetzen.

Später in der Saison wurde auch immer deutlicher, dass es einen Konflikt mit dem Naturschutz gibt. Worum geht es da?

Hamelmann: Die Fläche befindet sich in einem FFH-Schutzgebiet, das war im Übrigen auch 2006 beim Start von „Greven an die Ems!“ schon so und auch allen Beteiligten bekannt. Auch war bekannt, dass „Greven an die Ems!“ eine auf Dauer angelegte Initiative sein sollte. Für 2007 ist dann zunächst eine Genehmigung ausgesprochen worden. Das geplante Veranstaltungsprogramm ist in den Folgejahren Stadt, Kreis und Naturschutz regelmäßig vorgelegt und von diesen freigegeben worden. Das lief eigentlich immer unkompliziert und einwandfrei, bis 2019. Dann hat wohl ein Umdenken stattgefunden. Ich weiß nicht, was im Detail dahinter steckt. Jedenfalls ist seitens der Naturschutzorganisationen Kritik an dieser Verfahrensweise aufgekommen. Die Stadt hat sich dann darum bemüht, in Kooperation mit dem Kreis eine dauerhafte Regelung auf den Weg zu bringen, und da hakte es dann. Wir sind letztlich nur Beobachter. Auch wenn wir natürlich informiert worden sind, sind wir nicht selbst Akteur in diesem Verfahren. Denn Eigentümer der Fläche ist die Stadt Greven. Die muss Anträge beim Kreis stellen, und dann haben die Naturschutzverbände Gelegenheit, sich gegen Konzepte oder die grundsätzliche Flächenvergabe auszusprechen. Und eben das ist für das Jahr 2020 passiert.

Bislang musste ja immer eine Befreiung von Auflagen beantragt werden, die es auch immer gab, jetzt aber eben nicht mehr. Das heißt, für 2020 gab es keine Genehmigung für Veranstaltungen, also eine rechtliche Grauzone?

Hamelmann: Es gibt zumindest keine schriftliche Genehmigung, die uns die Nutzung der Fläche und der Veranstaltungen, die dort stattfinden, dauerhaft und verbindlich zusichert. Bislang hat der Landschaftsbeirat des Kreises das Programm stets billigend zur Kenntnis genommen. Und 2019 wurde die Grundlage als nicht mehr ausreichend bewertet. Dann ist das Ganze strittig geworden. Das muss sicherlich im Dialog geklärt werden. Ich denke, da haben alle ein Interesse daran, auch die Naturschutzverbände, dass die Kuh vom Eis kommt und es eine dauerhafte Lösung gibt.

Mindestens eine Veranstaltung stand in diesem Jahr auf der Kippe, weil ein Gericht bemüht worden ist. Letztlich durfte die Veranstaltung stattfinden. Das muss doch allen Veranstaltern Mut machen, dass auch künftig etwas geht am Beach...

Hamelmann: Vielleicht Hoffnung, aber wir und die übrigen Veranstalter benötigen Rechtssicherheit. Wir sind überzeugt, dass es ein dauerhaft belastbares Veranstaltungskonzept geben kann, das die Belange des Naturschutzes gebührend berücksichtigt, andererseits aber auch dem Interesse der Bürger und der vielen Engagierten am Beach entgegenkommt, die möchten, dass man im Herzen der Stadt etwas unternehmen kann. Das Gros der Besucher verhält sich nach meiner Beobachtung im Übrigen sehr umweltbewusst.

Sind die beiden neuen Zäune auf der Biederlackseite ein Zugeständnis an die Naturschützer?

Hamelmann: Zugeständnis klingt mir zu defensiv. Ich bin überzeugt, dass Stadt und Kreis sich natürlich bewusst sind, dass diese Fläche schützenswert ist. Es ist ja auch immer wieder betont worden, dass man die Biederlack-Seite freihalten will, dass dort keine Aktivitäten stattfinden. Bei der Renaturierung wurde auch Wert darauf gelegt, dass vor allem diese Uferseite erschlossen wird, und lediglich der kleine Bereich der Aktionsfläche – mit nicht mal einem Hektar ein sehr schmaler Streifen – dem Veranstaltungsgeschehen überlassen bleiben sollte. Das war der Kompromiss, den die Stadt angeboten hat und der auch vom Kreis und vom Naturschutz durchaus für attraktiv gehalten wurde. Vor diesem Hintergrund hat man das in diesem Jahr nochmal sichtbar gemacht, indem man den Zaun gebaut und ein Hinweisschild montiert hat.

Sind die Veranstalter bereit, weitere Kompromisse einzugehen und dem Naturschutz entgegen zu kommen?

Hamelmann: Definitiv. Wir als Greven Marketing und alle anderen Veranstalter, mit denen ich gesprochen habe, sind sich der Situation bewusst, sind kooperativ und kompromissbereit. Alle gehen die Sache mit Vernunft an. Nun gilt es, im Dialog auszuloten, was möglich ist, was die Natur erfordert und was trotzdem noch stattfinden kann. Wir hoffen, dass ein Dialog überhaupt wieder aufgenommen werden kann. Das war zuletzt ja schwierig.

Wer ist hier gefordert, zu einem Dialog einzuladen? Der neu gewählte Bürgermeister?

Hamelmann: Das wäre sicherlich der sinnvolle Weg, weil die Stadt nunmal Eigentümer der Fläche ist und sie Vereinbarungen schließen kann. Aber natürlich sind wir als Initiator von „Greven an die Ems!“ da auch gefordert, stellvertretend für die Vereine und Kooperationspartner konkrete Veranstaltungsfragen zu klären. Es gab ja schon mehrfach den Fall, dass wir Veranstaltungen dem Naturschutz angepasst haben. Der Saisonbeginn lag sogar schon einmal im April, inzwischen aber wegen der Brutzeiten deutlich später. Es gibt keine Luft-Veranstaltungen wie das Drachenfest mehr. Es gab sogar mal „wassergebundene“ Aktivitäten, es gab mal einen Triathlon in der Ems. Das alles gibt es nicht mehr. Es sind also schon mehrfach Kompromisse gefunden worden. Warum soll das nicht wieder gelingen?

Oft wird die Müllproblematik am Beach mit Veranstaltungen in Verbindung gebracht. Ärgert Sie das?

Hamelmann: Ja, mich ärgert beides. Einerseits die Ignoranz der Leute, die keinerlei Rücksicht nehmen auf die Natur, aber auch nicht auf andere Bürger, die die Fläche im Einklang mit der Natur nutzen und erhalten wollen. Mich ärgern die Menschen, die gedankenlos sind oder es für ihr gutes Recht halten, den Müll einfach dort liegen zu lassen. Auf der anderen Seite stört mich auch, dass Naturschutz nicht in der Lage ist, zu unterscheiden zwischen jenen, die regelkonform ihre Veranstaltungen konzipieren, und jenen, die losgelöst von Veranstaltungen die Fläche besuchen und sie rücksichtlos vermüllen. Die Veranstalter sorgen bewusst dafür, dass die Fläche sauber wieder hinterlassen wird. Beispiel: Wenn der Beatclub am Samstagabend sein Festival macht, wird die Fläche keine zehn Stunden später besenrein übergeben. Das Problem sind jene Menschen, die unabhängig von „Greven an die Ems!“ die Fläche nutzen und sich leider nicht um die Auflagen scheren, die im Naturschutzgebiet eben gelten. Das ist sehr schade, dass das nicht voneinander getrennt wird. Die Stadt reinigt regelmäßig die Fläche. Ich bin der Stadt dankbar, die es als ihre Aufgabe erkannt hat, die Fläche im Interesse der Bürger sauber zu halten. Da wird ganz viel Energie und Geld reingesteckt. Die Stadt unterstützt uns da sehr intensiv.

Auch wenn vieles noch offen ist, werden Greven Marketing und die anderen Veranstalter schon ins nächste Jahr blicken müssen. Was kann angesichts der unklaren Lage überhaupt stattfinden?

Hamelmann: Wir benötigen möglichst kurzfristig Planungssicherheit. Man sollte deshalb versuchen, die Entscheidungsfindung so gut es geht zu beschleunigen. Sprich: Der neue Bürgermeister, der das Thema auf seine Agenda gesetzt hat, wird von uns kurzfristig darum gebeten, mit uns ins Gespräch zu kommen, um zusammen mit den beteiligten Behörden und dem Naturschutz die Möglichkeiten auszuloten. Von unserer Seite aus gibt es jedenfalls eine große Dialogbereitschaft mit dem Naturschutz.

Und Corona ist ja noch nicht vorbei. Sind Auswirkungen auf die Saison 2021 absehbar?

Hamelmann: Das können wir jetzt noch überhaupt nicht absehen. Das sind Unbekannte, die uns das Leben schwer machen.

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