37-Jähriger wird in forensischer Psychiatrie untergebracht
Im Wahn zum Messer gegriffen

Lengerich/Münster -

Er habe „starken Druck im Kopf verspürt, den Befehlen nachzukommen“. So hatte ein 37 Jahre alter Lengericher ausgesagt, der sich wegen der Tötung eines 55 Jahre alten Ibbenbüreners vor demLandgericht verantworten musste. Das hat jetzt das Urteil gesprochen: Der Lengericher wird in einer forensischen Psychiatrie untergebracht.

Mittwoch, 07.10.2020, 17:30 Uhr aktualisiert: 08.10.2020, 18:28 Uhr
In diesem Mehrfamilienhaus an der Schultebeyringstraße kam es am Abend des 1. März zu einer Auseinandersetzung zwischen einem Drogendealer und -käufer gekommen sein. Dabei kam eine Person ums Leben.
In diesem Mehrfamilienhaus an der Schultebeyringstraße kam es am Abend des 1. März zu einer Auseinandersetzung zwischen einem Drogendealer und -käufer gekommen sein. Dabei kam eine Person ums Leben. Foto: Jens Keblat

„Die Unterbringung wird angeordnet.“ Mit diesem Satz hat der Vorsitzende Richter der Zweiten Großen Strafkammer seine Urteilsbegründung begonnen. Der Angeklagte, ein 37 Jahre alter Mann aus Lengerich, hatte vor dem Landgericht zugegeben, am 1. März einen 55 Jahre alten Ibbenbürener erstochen zu haben. Stimmen hätten ihm befohlen, dieses zu tun, da er ansonsten sterben müsse.

Der Vorsitzende sagte, die Kammer habe sich bei der Urteilsfindung von dem Gutachten des Sachverständigen leiten lassen. Dieser hatte erläutert, dass der Lengericher unter einer halluzinatorischen Psychose leide. Wenn diese unbehandelt bleibe, sei nicht die Frage, ob, sondern wann wieder etwas passiere. „Sie sind somit eine Gefahr für die Allgemeinheit“, fasste der Vorsitzende die Schlussfolgerungen der Kammer zusammen. Die Erkrankung sei dauerhaft und lebe sich in Schüben aus.

Sie sind somit eine Gefahr für die Allgemeinheit.

Vorsitzender Richter

In einer solchen Situation habe der Angeklagte den Mann aus Ibbenbüren erstochen. Der Gutachter habe darauf verwiesen, dass die Psychose rauschgift-induziert sein könne. Der Angeklagte habe seit seinem 15. oder 16. Lebensjahr regelmäßig Rauschgift konsumiert, zunächst Marihuana, später Kokain; oft auch in Verbindung mit Alkohol. So sei es dem Lengericher phasenweise gelungen, die Wahrnehmung von Stimmen oder Personen, die ihm etwas befahlen, zu dämpfen.

Seit etwa Ende 2018/Anfang 2019 habe der 37-Jährige vermehrt unter den Auswirkungen der „Geister“ gelitten. Es sei deshalb zu mehreren freiwilligen kurzzeitigen Aufenthalten in der LWL-Klinik Lengerich gekommen, allein sechs im Jahr 2019. Der Lengericher habe angeordnete Therapien aber immer nur wenige Tage durchgehalten.

Angeordnete Therapien hielt der Angeklagte immer nur wenige Tage durch

Am 1. März habe sich der Angeklagte mit einem Bekannten an der Feuerwehr getroffen. Gemeinsam seien sie gegen 14 Uhr zu dessen Wohnung im vierten Stock an der Schultebeyringstraße gegangen. Vor dem Haus wartete der 55-Jährige Ibbenbürener, ein Rauschgift-Dealer – das spätere Opfer.

In der Küche der Wohnung habe der Lengericher zunächst einige Gramm Kokain gekauft und konsumiert. Dann habe er kurzzeitig die Wohnung mit der Pfeife des Mieters verlassen, in der noch einige Gramm gewesen seien. „Es lag Spannung in der Luft“, erinnerte der Vorsitzende an die Zeugenaussage des Mieters, als der Angeklagte dann zurückkehrte.

Dieser habe einen „starken Druck verspürt, den Befehlen in seinem Kopf Folge zu leisten“. Der Lengericher habe ein in der Küche liegendes Steakmesser ergriffen und auf das völlig ahnungslose Opfer eingestochen. „Die Wahrnehmung seines Tuns war wahnbedingt ausgesetzt“, führte der Vorsitzende Richter aus. „Der hat wie im Wahn auf das Opfer eingestochen“, hatte der Mieter als Zeuge der Bluttat seine Beobachtungen geschildert. Der 55-Jährige war noch in der Küche an den Folgen der Stiche verblutet.

Der Schweregrad der Krankheit ist erheblich.

Sachverständiger

Der Lengericher habe danach die Wohnung verlassen. „Irgendwann hat es dann Klick gemacht“, sagte der Vorsitzende, denn der Angeklagte habe sich bei der Polizei gestellt und dort angegeben, er sei in eine Messerstecherei verwickelt gewesen.

Der Sachverständige habe die „Schuldunfähigkeit des Angeklagten zum Zeitpunkt der Tat“ erläutert. Dieses erfordere eine angeordnete Unterbringung. „Der Schweregrad der Krankheit ist erheblich.“ Mindestens zwei, wahrscheinlich aber eher sechs oder sieben Jahre werde es dauern, bis die medikamentöse Einstellung erfolgreich sein könne.

Die Kammer wünsche, dass die Therapie die Hoffnung des Angeklagten auf Genesung erfüllen könne. In ihren Plädoyers hatten sich Staatsanwaltschaft und Verteidigung ebenfalls für die Unterbringung des Mannes ausgesprochen.

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