Kritik an geplanter Erneuerung der Hundeverordnung
„Heiße Eisen nicht angepackt“

Ascheberg -

Die geplante Hundeverordnung greift zu kurz. Darin sind sich die Hundetrainerinnen Steffi Heubrock und Barbara Kehrmann einig. Das Problem, dass Tiere aus Profitgier unsachgemäß gezüchtet werden, werde unzureichend berücksichtigt, so die Fachfrauen.

Donnerstag, 26.11.2020, 18:15 Uhr aktualisiert: 02.12.2020, 16:47 Uhr
Wer sich einen Hund zulegt, dem muss bewusst sein, dass dieser regelmäßigen Auslauf braucht. Landwirtschaftsministerin Julia Klöckner will diesen auf zwei Stunden pro Tag festlegen. Warum das nicht immer umsetzbar ist, zeigt die Praxis.
Wer sich einen Hund zulegt, dem muss bewusst sein, dass dieser regelmäßigen Auslauf braucht. Landwirtschaftsministerin Julia Klöckner will diesen auf zwei Stunden pro Tag festlegen. Warum das nicht immer umsetzbar ist, zeigt die Praxis. Foto: Tina Nitsche

„Der beste Freund des Menschen“ – dieses Prädikat beschreibt es wohl am Treffendsten, wenn es um das Verhältnis von Hund und Halter geht. Die Vierbeiner sind jedoch keine Kuscheltier verdeutlichte unlängst Landwirtschaftsministerin Julia Klöckner, die eine neue Hundeverordnung plant. Mit dieser Neuordnung will sie die artgerechte Haltung sicherstellen und setzt Anforderungen an die Halter auf die Agenda.

Mindestens zwei Mal täglich eine Stunde Auslauf (auch im Garten) lautet ein Punkt. Das Verbot der Anbindehaltung (keine „Kettenhunde“ mehr) und strengere Regeln für professionelle und private Züchter sind weitere Punkte. Demnach müssen sich alle Züchter mindestens vier Stunden am Tag mit ihren Welpen beschäftigen, sie richtig sozialisieren und auch ihre Wurfkisten hinsichtlich Größe und Temperatur entsprechend anpassen. Denn auch hier macht Klöckner klare Vorgaben. Ebenso will sie die Ausstellung von Hunden die Merkmale von Qualzuchten aufweisen, verbieten. Gemeint sind Rassen mit zum Beispiel erblich bedingten Atemwegs- und Gelenkproblemen wie Möpse, Schäferhunde, Französische oder Englische Bulldoggen.

„Es sollte jedem klar sein, wenn er sich einen Hund zulegt, dass man dann für viele Jahre eine Verantwortung übernimmt.

Frank Simon

Soweit so gut. Zumindest was die Planungen der Landwirtschaftsministerin angeht. Doch wie sieht die Realität aus? „Es sollte jedem klar sein, wenn er sich einen Hund zulegt, dass man dann für viele Jahre eine Verantwortung übernimmt. Und dass man mit dem Vierbeiner natürlich auch regelmäßig raus muss und das bei Wind und Wetter und nicht nur mal eben vor die Tür“, sagt Hundebesitzer Frank Simons. Was die Dauer eines Auslaufs anbelangt, da geht er nicht konform mit den geplanten Neuregelung. „Ich kann nicht pauschalisieren, dass ich einen Hund zwei Stunden am Tag Auslauf gewähren muss. Was ist zum Beispiel, wenn der Hund sich verletzt hat oder wenn ich einen alten Hund habe?“ gibt er zu bedenken.

Auch Barbara Kehrmann (Hundeschule Kehrmann) und Steffi Heubrock (Hundeschule Heubrock) sagen da ganz klar: „In der Form ist das nicht realisierbar, denn man kann nicht jedem Hund pauschal zwei Stunden Auslauf verordnen.“ Beide machen deutlich, dass immer auch Rasse, Zustand, Alter und eventuelle Einschränkungen mit ins Kalkül gezogen werden müssen. „Und nur zwei Stunden spazieren gehen oder im Garten toben reicht nicht aus“, betont Heubrock. „Je nach Rasse muss da weitaus mehr getan werden. Viele Rassen müssen auch geistig ausgelastet werden,“ macht sie das am Beispiel eines Australien Shepherds fest, der geistige Auslastung benötigt, da er ursprünglich zum Arbeiten gezüchtet wurde.

Viele Rassen müssen auch geistig ausgelastet werden.

Steffi Heubrock

Barbara Kehrmann geht noch einen Schritt weiter: „Frau Klöckner ist von Fachleuten beraten worden, das was sie nun anführt, ist sinngemäß schon lange im bestehenden Tierschutzgesetz verankert. Doch so wie sie es jetzt formuliert, kann es durchaus auch so interpretiert werden, dass man mit Saugwelpen, die ihre Augen noch geschlossen haben, raus muss.“

Kehrmann bemängelt vor allem, dass wirklich drängende Probleme, wie zum Beispiel der Import von Hunden aus dem Ausland und die damit verbundene „Welpenproduktion unter erbärmlichen Bedingungen“ keine Erwähnung finden. „Diese heißen Eisen packt Frau Klöckner gar nicht erst an und dass, obwohl wir schon lange ein Heimtierzuchtgesetzt brauchen, das gut durchdacht ist. Denn das Problem sind nicht die ordentlichen Verbandszüchter, sondern die, die züchten, um den schnellen Euro zu machen. Das betrifft auch den Punkt Qualzuchten“, sagt die Fachfrau und macht das an einem Beispiel deutlich: Aus kontrollierter Zucht wurden im vergangen Jahr eine Wurfzahl von nur 131 Französischen Bulldoggen vermeldet. Im Tierregister Tasso hingegen waren im gleichen Zeitraum 20 000 Hunde dieser Rasse eingetragen.

Die neuen Forderungen erwischen nach Barbara Kehrmanns Ansicht „die Menschen, die gesundheitsbewusst züchten.“ Sie unterstreicht: „Das Problem ist nicht die kontrollierte Rassenhundezucht, sondern das Problem sind die Menschen, die einen Markt mit sogenannten ,In-Hunderassen und Mischungen‘ bedienen, und das ohne Rücksicht auf das Wohl der Hunde.“ Da werde der Markt schlichtweg nur bedient, sagt sie.

Auch Steffi Heubrock unterstreicht diese Einschätzung: „Züchten sollte man den ordentlichen Züchtern überlassen, die gemäß der bestehenden Verordnung geprüft wurden und regelmäßig überprüft werden. Niemand von denen züchtet wahllos. Die denkwürdigen Mischungen, die derzeit überall auf dem Markt angeboten werden, sind da auf keinen Fall zu finden.“ Bei der „Hundemafia“ handele es sich um Verbrecher. Sowohl die Hunde als auch die ahnungslosen Käufer seien Leidtragenden ihrer Machenschaften.

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