Seit zwölf Jahren ist die L 573 bei Nienborg eine Versuchsstrecke
Keine „Unfallhäufungsstelle“

Heek/Nienborg -

Es ist kurz nach 12 Uhr an einem Dienstag im November. Eine 38-jährige Ahauserin ist mit ihrem Auto aus Richtung Ochtrup kommend nach Heek unterwegs. Dann passiert es: Die 38-Jährige kommt rechts von der Fahrbahn ab, gerät in den Grünstreifen, steuert stark gegen und kracht dann frontal mit dem Auto einer 48-Jährigen zusammen.

Montag, 30.11.2020, 18:21 Uhr aktualisiert: 02.12.2020, 17:35 Uhr
Der Eindruck, dass sich auf der Versuchsstrecke die Unfälle häufen, wird durch Zahlen nicht bestätigt.
Der Eindruck, dass sich auf der Versuchsstrecke die Unfälle häufen, wird durch Zahlen nicht bestätigt. Foto: Markus Gehring

Wenig später sind Rettungsdienst und Polizei vor Ort. Die Unfallbilanz: Zwei leichtverletzte Personen und rund 8000 Euro Sachschaden. Auffällig: Der Unfall geschah auf einem ganz speziellen Streckenabschnitt der L 573. Es waren nur noch wenige hundert Meter bis zum Ortsteil Nienborg.

Seit zwölf Jahren ist die Ochtruper Landstraße ab dem Ortsausgang Nienborg auf rund drei Kilometern als so genannte „Versuchsstrecke“ ausgewiesen. Auf diesem Abschnitt gibt es keine Mittellinie, sondern an beiden Straßenrändern eine gestrichelte Linie mit etwa 80 Zentimeter Versatz zum Grünstreifen.

Viel Platz bleibt einem bei Gegenverkehr nicht. Zumal die Orientierungshilfe in Form der Mittel- und Seitenlinie fehlt. Kommt ein Trecker entgegen, wird es eng. Ist es dunkel, wird es noch komplizierter. Für Auswärtige doppelt ungewohnt, da es laut Straßen.NRW keine weitere derartige Versuchsstrecke im Kreis Borken gibt.

Verkehr in der Mitte

Doch dahinter steckt eine Idee – die Heiner Lütke-Wenning vom Landesbetrieb erklärt: „So versucht man in der Regel, bei älteren und untergeordneten Straßen den Verkehr in die Mitte zu verlagern.“ Der Belag an den Seitenrändern soll dadurch länger halten.

„Untergeordnet“ heißt weniger frequentiert als der Durchschnitt. Laut Straßen.NRW befahren binnen 24 Stunden rund 1963 Kraftfahrzeuge die Ochtruper Landstraße. Der Durchschnittswert auf Landstraßen betrage hingegen 5700 bis 6000 Fahrzeuge.

Straßen.NRW bezeichnet das Unfallgeschehen auf der Versuchsstrecke als „absolut unauffällig“. Konkrete Zahlen liefert die Kreispolizeibehörde: 2018 ereigneten sich dort drei Unfälle. In allen Fällen blieb es bei einem Sachschaden. 2019 kam es zu zwei Alleinunfällen mit Leichtverletzten und einem Sachschadenunfall unter Alkoholeinfluss. Mit Ausnahme des Alkoholfalls handelt es sich bei allen anderen um ein „Abkommen von der Fahrbahn“. Einen Zusammenhang mit der Art der Markierung sieht Straßen.NRW aber nicht. „Von der Strecke kommen Autofahrer auch an anderer Stelle leider ab“, so Heiner Lütke-Wenning. Und auch die Polizei hebt hervor, dass es sich bei der Versuchsstrecke nach den landesweit gültigen Richtwerten um keine Unfallhäufungsstelle handele.

Klassischer Fahrfehler

Für dem Frontalzusammenstoß im November lautet die Unfallursache laut Polizei „klassischer Fahrfehler“. Dabei sei der Unfallhergang gar nicht mal so ungewöhnlich. Unabhängig von der Markierung.

„Es passiert sehr häufig, dass beim Abkommen von der Fahrbahn zu stark gegengelenkt wird“, so Kreispolizei-Pressesprecher Frank Rentmeister. Dabei verliere man dann erst recht die Kontrolle über das Fahrzeug.

Bleibt die Frage, ob sich der Versuch überhaupt rentiert hat? „Nach Bewertung der Direktion Verkehr hat sich die Markierung auf der Versuchsstrecke bewährt“, so der Polizei-Pressesprecher.

Und ganz davon abgesehen, so Heiner Lütke-Wenning, werde sich an der Markierung auf absehbare Zeit ohnehin nichts ändern „Es sind keine Veränderungen geplant.“

Nachrichten-Ticker