Gerrit Kirsteins Weg vom Manager zum Yoga-Lehrer
Ein Leben in der Balance

Lengerich -

Mit weit über 60 ist Gerrit Kirstein noch Lehrer geworden, genauer gesagt Yoga-Lehrer. Zuvor war er jahrzehntelang Marketing-Manager. Der Rollenwechsel habe sein Leben enorm verändert, erzählt der Osnabrücker, der auch an der VHS Lengerich unterrichtet.

Freitag, 04.12.2020, 16:54 Uhr aktualisiert: 06.12.2020, 15:49 Uhr
Yoga habe ihn zu einem zufriedeneren und gelasseneren Menschen gemacht, sagt Gerrit Kirstein, der hier im Unterrichtsraum der VHS die Heldenpose Krieger II zeigt.
Yoga habe ihn zu einem zufriedeneren und gelasseneren Menschen gemacht, sagt Gerrit Kirstein, der hier im Unterrichtsraum der VHS die Heldenpose Krieger II zeigt. Foto: Paul Meyer zu Brickwedde

Gerrit Kirstein behauptet von sich, ein zufriedener, gelassener und glücklicher Mensch zu sein. Er ist 72 Jahre alt und verheiratet, hat drei erwachsene Söhne und ein erfülltes Berufsleben als Marketing-Manager hinter sich. Dass er heute sein Leben so definiert, wie er es tut, hat natürlich mit all den genannten Dingen zu tun. Aber ein zentraler Baustein fehlt noch in der Aufzählung: Yoga.

Seit gut fünf Jahren ist Kirstein für die VHS Lengerich tätig, er gibt Yoga-Kurse, auch jetzt während der Corona-Zeit. Seine Kursusteilnehmer folgen seinen Anleitungen per Zoom-Konferenz daheim am Computer. Betrieben hat er die altindische philosophische Lehre schon während der Zeit, als er noch gearbeitet hat. „Da ging ich schön regelmäßig jede Woche hin.“ Doch mit dem Eintritt in den Ruhestand erfüllte sich der Osnabrücker einen Lebenstraum: Er reiste nach Indien, um an einem Yoga-Seminar teilzunehmen. Daraus erwuchs der Wunsch, mehr zu machen, in Deutschland folgte eine zweijährige Ausbildung zum Yoga-Lehrer. Heute gibt der Ex-Manager nicht nur Kurse in Lengerich, er bietet auch Workshops und Seminare an und hat jüngst ein Buch mit dem Titel „Nach dem Chefsessel in den Lotossitz“ veröffentlicht.

Ob es nicht ein großer Schritt gewesen sei vom Manager, der Millionen-Budgets verwaltet und bestimmte Ziele für das Unternehmen erreichen soll, zum Yoga-Lehrer, der seine Erfüllung im, wie es Kirstein selbst sagt, „selbstlosen Handeln“ findet? Der 72-Jährige verweist auf seinen Yoga-Lehrer in Indien, der seinen beruflichen Background als gute Voraussetzung für die neue Aufgabe angesehen habe. Und in seinem Buch schreibt Kirstein, dass sein Werdegang nicht ungewöhnlich sei, aber wahrscheinlich nicht oft vorkomme. Allerdings räumt er auch ein, kein „typischer Manager“ gewesen zu sein. „Ich war immer möglichst menschlich und zugewandt.“

Aus seinen Kursen berichtet der Yoga-Lehrer, dass aktuell ein paar mehr Männer dabei seien als sonst. Kir-stein vermutet, dass sie bei den Zoom-Konferenzen weniger Hemmungen hätten als beim Präsenzunterricht. Hemmungen deshalb, weil Frauen oft beweglicher seien, die Übungen ihnen somit manchmal leichter fielen.

Dabei sei Yoga früher ausschließlich Männern vorbehalten gewesen. „Das ging bis etwa Mitte des 20. Jahrhunderts.“ Doch als unter anderem durch die Beatles Yoga auch im Westen populär wurde, seien es vor allem Frauen gewesen, die dem neuen Trend gefolgt seien.

Mit Blick auf die eigene Person wirbt der Osnabrücker dafür, dass sich mehr Männer auf Yoga einlassen. Es biete die Gelegenheit, „zu sich zu finden“. Dafür brauche es aber die Bereitschaft, sich mit der eigenen Person auseinanderzusetzen. „Und das erfordert Mut, weil es nicht nur Erfreuliches zutage fördert.“ Der Yoga-Lehrer spricht von Enttäuschungen, Verletzungen und Demütigungen, die man in der Vergangenheit erlebt und erlitten und später „wegkapselt“. Wer diese „Büchse der Pandora“ öffne, könne am Ende eine innere Balance erreichen, so mehr Selbstbewusstsein erlangen, dankbarer und zufriedener auf das Leben schauen. Sein Buch versteht er auch vor diesem Hintergrund als „Mutmacher und Ratgeber“ – allerdings nicht nur für Männer.

Gerrit Kirstein verschweigt bei seinen Ausführungen nicht, dass das Leben auch für ihn nicht nur aus „Friede, Freude, Eierkuchen“ bestehe. „Man ist ja Mensch.“ Wichtig sei aus seiner Sicht aber, dass jeder die Möglichkeit ergreife, seine Potenziale auszuschöpfen. Der 72-Jährige nennt es das Aneinanderreihen von Perlen. Im Ergebnis komme so ein erfülltes Leben zusammen. Ein Fakt, der seinen Teil dazu beitrage, „ohne Angst vor dem Tod“ zu sein.

Dennoch hofft er auf noch viele möglichst aktive Jahre. Das bedeutet für ihn vier bis fünf Mal pro Woche Yoga-Kurse samt Vorbereitung, regelmäßiges Joggen und regelmäßige Besuche im Fitnessstudio, Lesungen, Seminare von Sylt bis Oberlech in Österreich. Und es heißt, weiter neugierig zu sein aufs Leben.

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