Nachfrage nach psychologischen Behandlungen steigt
Lockdown belastet die Seele

Münster -

Besonders psychisch kranke Menschen leiden unter der Corona-Krise. Insbesondere während des zweiten Lockdowns stieg die Nachfrage nach psychologischen Behandlungen. Der Münsteraner Gebhard Hentschel, Bundeschef der Deutschen Psychotherapeuten-Vereinigung, spricht über die Gründe.

Samstag, 02.01.2021, 17:00 Uhr aktualisiert: 02.01.2021, 17:04 Uhr
Gebhard Hentschel aus Münster ist Bundeschef der Deutschen Psychotherapeuten-Vereinigung. Der Lockdown belastet nach seinen Angaben psychisch kranke Menschen besonders.
Gebhard Hentschel aus Münster ist Bundeschef der Deutschen Psychotherapeuten-Vereinigung. Der Lockdown belastet nach seinen Angaben psychisch kranke Menschen besonders.

Psychiater und Psychotherapeuten im Münsterland sind während der Corona-Krise noch mehr gefordert. Die Nachfrage nach Behandlungen habe „insbesondere während des zweiten Lockdowns“ zugenommen, berichtet Psychotherapeut Gebhard Hentschel auf Anfrage unserer Zeitung. Der Münsteraner ist Bundesvorsitzender der Deutschen Psychotherapeuten-Vereinigung.

Bundesweit stieg die Zahl der Termine um 24 Prozent im Vergleich zur Zeit vor der Krise. Das geht zumindest aus einer Umfrage der Krankenkasse Pronova BKK hervor, für die im Oktober und November 154 Psychiater und Psychotherapeuten befragt wurden. 82 Prozent von ihnen diagnostizieren demnach häufiger Angststörungen als vor der Krise, 79 Prozent stellten vermehrt die Diagnose einer Depression.

Hentschel kennt viele Patienten, die in der Pandemie in eine seelische Notlage geraten. Er berichtet von einer alleinerziehenden Mutter, die in einem medizinischen Beruf arbeitet. Im Job werde die Frau „täglich der Gefahr einer Infektion“ ausgesetzt. Zudem muss sie zwei ihrer Kinder im Homeschooling unterstützen und für das dritte Kind wegen der Covid-Erkrankung einer Erzieherin eine Unterbringung organisieren. Sie ist überfordert und begibt sich schließlich in psychologische Behandlung.

Vereinssport, Restaurantbesuche und Treffen mit Freunden fehlen als Ausgleich.

„Zusätzliche Anforderungen zum Beispiel durch Homeschooling, Überlastung in medizinischen Berufen oder bedrohte berufliche Existenzen sorgen für zusätzlichen Stress und Anspannung“, berichtet Hentschel. Gleichzeitig fehle ein Ausgleich wie Vereinssport, Treffen mit Freunden, Reisen oder Restaurant- und Kinobesuche. „Maßnahmen der Entspannung und Belohnung für Geleistetes stehen also nur eingeschränkt zur Verfügung.“ Eine stressbedingte Dauerbelastung könne zu Depressionen führen. „Mitunter stellt die Corona-Pandemie das Tröpfchen dar, das das gefüllte Glas bereits bestehender Belastung zum Überlaufen bringt und eine Depression auslöst.“

AOK: Krankschreibungen dauern deutlich länger

Die durchschnittliche Dauer einer psychisch bedingten Krankschreibung von Mitgliedern der Krankenkasse AOK Nordwest in Westfalen-Lippe ist in den ersten neun Monaten 2020 „sprunghaft“ gestiegen. Im Vergleich zum Vorjahreszeitraum habe sie laut AOK von 25,6 auf 29,3 Tage zugenommen. „Damit bekam der Trend der letzten Jahre zu immer längeren Krankschreibungen wegen psychischer Erkrankungen im Pandemie-Jahr einen weiteren Schub“, berichtet AOK-Sprecher Jens Kuschel. Aber die Zahl der psychisch bedingten Krankschreibungen sei in den ersten neun Monaten zurückgegangen, heißt es in einer AOK-Studie. Es sei zu vermuten, dass viele psychisch Kranke in der Lockdown-Phase „aus Angst vor Ansteckung auf einen Arztbesuch verzichtet haben“. Für das letzte Quartal gebe es bislang noch keine Zahlen.sb

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Das „Deutschland-Barometer“ der Stiftung Deutsche Depressionshilfe belegt, dass Menschen, bei denen schon eine psychische Erkrankung besteht, stärker von den Folgen der Corona-Krise betroffen sind als die Allgemeinbevölkerung. „Der Lockdown wird als deutlich belastender erlebt. Betroffene leiden fast doppelt so häufig unter der fehlenden Tagesstruktur wie die Allgemeinbevölkerung“, erläutert Hentschel.

Eine große Verunsicherung der Patienten während des Lockdowns – davon berichtet auch Gerd Höhner, Präsident der Psychotherapeutenkammer NRW. Die Nachfrage nach Terminen bei niedergelassenen Psychotherapeuten sei zwar gestiegen. Seiner Meinung nach könne der Trend aber „nicht einfach auf die Corona-Situation zurückgeführt werden, weil das Angebot an psychotherapeutischen Leistungen die Nachfrage seit Langem nicht decken kann“. Zudem betont Höhner, dass „konkrete Zahlen“ für einen Anstieg der psychischen Erkrankungen in den vergangenen Monaten bislang nicht vorlägen. Und es sei schwer zu prüfen, ob Erkrankungen durch die Corona-Krise bedingt seien.

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