„Kampf um jeden Einzelnen“
Warum die Impfskepsis bei Pflegenden so groß ist

Münsterland -

Ausgerechnet in Pflegeheimen ist die Bereitschaft der Mitarbeiter zur Impfung gering. Warum eigentlich? Eine Ursachensuche in den Altenheimen der Region.

Dienstag, 05.01.2021, 20:40 Uhr
Eine Pflegekraft in einem Altenheim lässt sich gegen Corona impfen.
Eine Pflegekraft in einem Altenheim lässt sich gegen Corona impfen. Foto: dpa

Eins hat Christoph Klapper schon verstanden: Pflegenden ein paar Papiere vom RKI übers Impfen in die Hand zu drücken, bringt gar nichts. Der Leiter der „Stiftung zu den Heiligen Fabian und Sebastian“ in Rosendahl hat stattdessen die allseits anerkannte Hausärztin aus dem Ort in seine Einrichtung geholt – die habe das Impfen transparent und anschaulich dargestellt. Seine Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter hätten ihr all die Fragen stellen können, die sie zum Impfen haben. Die Folge: Die Bereitschaft, sich impfen zu lassen, stieg von 30 auf 70 Prozent.

Bundesweit liegt diese Bereitschaft bei den Pflegenden nur bei knapp 50 Prozent. Das hat eine Umfrage der Deutschen Gesellschaft für Internistische Intensivmedizin und Notfallmedizin und der Deutschen Interdisziplinären Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin ergeben. Bei den Ärzten lag sie bei 73 Prozent. Insgesamt wollen sich zwei Drittel der Deutschen impfen lassen. Das hat das Meinungsforschungsinstitut YouGov im Auftrag der Deutschen Presse-Agentur ermittelt.

Impfskepsis schwer zu ergründen

Die Skepsis der Pflegenden ist schwer zu ergründen. Karl-Eugen Weweler, Leiter des Marienheims in Warendorf, sieht vor allem bei den jungen Kollegen eine größere Skepsis. Ältere hätten dagegen ganz andere Erfahrungen gemacht: Als Ende der 80er Jahre ein Wirkstoff gegen Hepatitis-B auf den Markt kam, „haben wir uns noch mit der Brechstange impfen lassen“, sagte der 57-Jährige über die deutlich stärkeren Nebenwirkungen damals. „Das war für uns gar keine Frage, weil wir infizierte Kollegen vor Augen hatten, die ihren Beruf nicht mehr ausüben konnten.“

Flyer verteilen alleine reicht nicht.

Christoph Klapper, „Stiftung zu den Heiligen Fabian und Sebastian“ in Rosendahl

In der aktuellen Debatte will Weweler „um jeden Einzelnen kämpfen“. Gespräche etwa über das Schicksal von Corona-Patienten, die nicht mehr arbeiten können, würden manche Kollegen „schon nachdenklich“ machen. Fünf oder sechs Kollegen hat er inzwischen überzeugt. Trotzdem sagt er: „Da steckt noch viel Arbeit drin.“

Jürgen Bernhardt aus dem Alten- und Pflegeheim St. Anna in Dorsten hat beobachtet, dass sich viele Skeptiker piksen ließen, nachdem es dort in den Tagen nach der ersten Impfung so gut wie gar keine Nebenwirkungen gegeben hatte. Er schätzt, dass aus den anfänglich 40 Prozent Impfwilligen bis zu 75 Prozent werden könnten.

Das kann beim Impfen passieren

Wenn ein Impfstoff neu zugelassen wird, kann niemand jede denkbare Nebenwirkung kennen. Das gilt auch für den neuen Impfstoff von Biontech und Pfizer. Müdigkeit, Kopfweh, Schmerzen an der Einstichstelle zählen zu den häufigsten Nebenwirkungen nach einer Impfung. Außerdem kann es zu Schüttelfrost, Durchfall, Muskel- oder Gliederschmerzen sowie Fieber kommen. Solche Reaktionen weisen oft darauf hin, dass das Immunsystem auf den Impfstoff reagiert – und das möchte man ja mit einer Impfung erreichen. Besonders vorsichtig müssen Menschen mit einer starken Allergie sein. Sie können mit schweren allergischen Reaktionen reagieren.

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Keine Chance abzuwarten

Katharina von Croy, Sprecherin des Deutschen Berufsverbands für Pflegeberufe (DBfK) vermutet, dass „eine diffuse Mischung aus grundsätzlicher Überlastung, Frust und dem Eindruck, jetzt als erste an der Reihe zu sein und als Versuchskaninchen zu dienen“, für die Zurückhaltung verantwortlich ist. Trotzdem rät der DBfK zur Impfung. Dafür hat er unter anderem ein Online-Seminar mit Fachleuten veranstaltet. Von Croy vermutet, dass der Widerstand nachlässt, wenn die Impfung flächendeckend anläuft.

Vielleicht sind sie auch einfach nur vorsichtig.

Natalie Albert, Referentin für Altenhilfe und Sozialstationen beim Diözesan-Caritasverband

Natalie Albert, Referentin für Altenhilfe und Sozialstationen beim Diözesan-Caritasverband, sieht als möglichen Grund für eine Impfzurückhaltung, dass noch niemand in der Praxis mögliche Nebenwirkungen habe beobachten können. „Vielleicht sind sie auch einfach nur vorsichtig“, sagt sie über Skeptiker. Viele hätten Familie und wüssten, in welcher Schlüsselposition sie arbeiten. „Sie stellen sich einfach nur vor, was passiert, wenn sie wegen einer Impfreaktion ausfallen“, sagt sie. Andere Gruppen könnten zwei Monate warten, um zu sehen, „ob es nicht doch zu Impffolgen kommt“. Das könnten Pflegende nicht.

Impfzwang wird nicht diskutiert

Das Infektionsschutzgesetz erlaubt es Altenheimen und Krankenhäusern, Personal zu einer Impfung zu zwingen. Aber die Variante wird nicht ernsthaft diskutiert. Stattdessen setzen viele aufs persönliche Gespräch. So wie der Pflegebevollmächtigte der Bundesregierung, Andreas Westerfellhaus. Er sagt: „Ich appelliere an alle Pflegefachkräfte, sich impfen zu lassen.“ Und Gerald Gaß von der Deutschen Krankenhausgesellschaft wies am Dienstag noch darauf hin, dass der Impfstoff von Biontech/Pfizer nicht nur durch umfassende Studien geprüft, sondern mittlerweile auch millionenfach in Europa und der Welt verabreicht worden sei. Nach allen vorliegenden sei er „sicher und wirksam“.

Kommentar: Kopfschütteln hilft nicht

Es ist natürlich schön einfach, kopfschüttelnd über die Pflegenden herzuziehen, die sich nicht impfen lassen wollen. Schließlich ist es für Außenstehende nur schwer nachvollziehbar, warum sich ausgerechnet Menschen, die die Pflege von Senioren zu ihrem Beruf gemacht haben, vor der Impfung sträuben. Offensichtlich verbirgt sich hinter dieser Zurückhaltung eine Mischung aus Unkenntnis und Angst. Die gute Nachricht: Gegen Unkenntnis lässt sich was machen. 

Offenbar reichen die Informationen alleine nicht, die Pflegende in Zeitungen lesen und im Radio hören. Für sie kann es erfolgversprechend sein, anerkannte Experten vor Ort zu bitten, ins Heim zu kommen, um die Pflegenden zu informieren und ihnen die Chance zu geben, ihre Sorgen zu artikulieren und ihre Fragen zu stellen. Appelle alleine reichen nicht aus. Die Mühe ist es allemal wert, um alte Bewohner vor einer Infektion zu schützen. Ähnliche Methoden könnten ein Modell werden, wenn die Impfbereitschaft der Deutschen so gering bleibt, wie sie das zurzeit noch ist.
Anders ist es mit der Angst. Leiter von Altenpflegeeinrichtungen berichten übereinstimmend, dass vor allem junge Mitarbeitende vorsichtig mit der Impfung sind. Sie fürchten, bei Komplikationen keine Kinder bekommen zu können. Wissenschaftliche Hinweise für solche Befürchtungen gibt es nicht. Die Wahrscheinlichkeit ist also gering. Sehr gering.

- Stefan Werding

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