Geldinstitute belasten Guthaben ihrer Kunden
Strafzinsen treffen mehr Sparer

Frankfurt/Münster. -

Die Menschen in Deutschland haben im Corona-Jahr 2020 besonders viel Geld auf die hohe Kante gelegt, doch das kann sich zunehmend als Minusgeschäft erweisen. Insgesamt 197 Banken und Sparkassen brummen Privatkunden nach einer Auswertung des Vergleichsportals Verivox inzwischen Negativzinsen auf.

Donnerstag, 07.01.2021, 17:36 Uhr aktualisiert: 07.01.2021, 19:33 Uhr
Bei Minuszinsen ist die Geldanlage unattraktiv.
Bei Minuszinsen ist die Geldanlage unattraktiv. Foto: dpa

Auch im Münsterland berechnen laut Verivox inzwischen acht regionale Geldinstitute Strafzinsen:

– Kreissparkasse Steinfurt (minus 0,5 Prozent ab 75 000 €)

– Volksbank Gescher (minus 0,6 Prozent ab 100 000 €)

– VR-Bank Westmünsterland (0,5 Prozent ohne Freibetrag)

Folgende Institute verlangen alle einen Strafzins von minus 0,5 Prozent ab 100 000 €:

– PSD-Bank Westfalen-Lippe

– Volksbank Bocholt

– Volksbank Gronau-Ahaus

– Volksbank Nottuln

– Volksbank Warendorf

„Die Negativzinswelle rollt mit unverminderter Wucht über das Land“, analysierte Oliver Maier, Geschäftsführer der Verivox Finanzvergleich GmbH. Eine Trendwende ist nach seiner Einschätzung vorerst nicht in Sicht. „Nach dem historischen Konjunktureinbruch im Zuge der Corona-Pandemie sind höhere Zinsen auf absehbare Zeit kein Thema“, argumentierte Maier. „In den kommenden Wochen und Monaten dürften viele weitere Banken Negativzinsen einführen.“

Das Vergleichsportal wertete die im Internet veröffentlichten Preisaushänge von etwa 800 Banken und Sparkassen aus. Die Angaben beziehen sich auf Tagesgeldkonten. Vereinzelt gilt der Negativzins fürs Girokonto.

Branche klagt über Milliardenbelastung

Geschäftsbanken müssen derzeit 0,5 Prozent Zinsen zahlen, wenn sie überschüssige Gelder bei der Europäischen Zentralbank (EZB) parken. Auch wenn es inzwischen Freibeträge für bestimmte Summen gibt, klagt die Branche über eine Milliardenbelastung. Die Kosten geben immer mehr Geldhäuser ganz oder teilweise weiter und berechnen Kunden Negativzinsen.

Aus Sorge vor Kurzarbeit oder Arbeitslosigkeit hielten viele Menschen ihr Geld im Corona-Krisenjahr zusammen, zudem bremsten die Schließungen im Einzelhandel den Konsum.

DZ Bank geht von Rekord-Sparquote aus

Die DZ Bank geht für das Jahr 2020 von einer Sparquote auf Rekordniveau von 16 Prozent aus, der Bankenverband BVR hatte Anfang Dezember sogar einen Wert von rund 17 Prozent pro­gnostiziert. Auf Jahressicht legten die privaten Haus­halte in Deutschland diesen Berechnungen zufolge von 100 € verfügbarem Einkommen 16 bzw. 17 € auf die hohe Kante.

„Allerdings blieben die Mittel größtenteils einfach auf den Girokonten stehen und wurden nicht angelegt“, schrieb DZ-Bank-Ökonom Michael Stappel jüngst. Im Zinstief wüssten viele Anleger „nicht wohin mit frei werdenden oder neuen Anlagemitteln“. Inzwischen seien mehr als 28 Prozent des gesamten Geldvermögens von geschätzt 7,1 Billionen € – also rund zwei Billionen € – dauerhaft „zwischengeparkt“, vorwiegend in Form von Sichteinlagen, die bei Bedarf rasch umgeschichtet werden könnenwie zum Beispiel Tagesgeld.

Kommentar: Kunden haben die Wahl

Die Verärgerung über Deutschlands Banken wächst. Doch ist die Empörung gerechtfertigt? Sicher nicht! Die Negativzins-Welle hat ihre Ursache einzig und allein in der extrem restriktiven Geldpolitik der Europäischen Zentralbank. Den Kreditinstituten bleibt keine andere Wahl als die Strafzinsen, die sie für das bei der EZB geparkte Geld berappen müssen, an ihre Kunden weiterzugeben – als Strafzinsen oder durch höhere Gebühren.Die aktuelle Corona-Pandemie und die daraus resultierende wachsende Staatsverschuldung in den Euro-Ländern machen die Hoffnung auf eine Trendwende bei den Zinsen zunichte. Sparer sollten schnell reagieren – vor allem wenn sie über größere Geldvermögen verfügen und deshalb immer stärker von ihren Banken zur Kasse gebeten werden. Selbst der Kauf zurzeit sehr teurer Aktien verspricht zumindest in den meisten Fällen eine jährliche Dividende. Außerdem bieten Sachwerte wie Aktien einen Schutz vor einer möglichen höheren Inflation. Jürgen Stilling

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