Oldtimer-Liebhaber
Paul Uckelmann verhilft alten "Schrottautos" zu neuem Glanz

Coesfeld-Lette -

Ein Freund hat ihm kürzlich eine soziale Ader für alte Autos bescheinigt. Paul Uckelmann hat ihm nicht widersprochen. Wenn es Leute gibt, die aus einem Haufen Schrott wieder ein Auto machen können, dann gehört dieser Coesfelder dazu.

Sonntag, 10.01.2021, 10:00 Uhr aktualisiert: 10.01.2021, 14:25 Uhr
Es sind vor allen Dingen Volvos und alte VW-Bullis, die es Paul Uckelmann angetan haben.
Es sind vor allen Dingen Volvos und alte VW-Bullis, die es Paul Uckelmann angetan haben. Foto: Annegret Schwegmann

Die Werkstatt hat vor ein paar Tagen noch deutlich gepflegter ausgesehen. Doch nachdem Paul Uckelmann mit Familie und Freunden fünf Oldies aus einer Scheune geholt hat, die einem früheren Mitarbeiter 20 Jahre lang als Unterstand für seine Schätzchen diente, staubt es erheblich in der 600-Quadratmeter-Halle. Immerhin – den olivgrünen Opel Kadett, Baujahr 1978, haben der 59-Jährige und sein Neffe Lukas Uckelmann schon gründlich gewaschen.

Die beiden Kfz-Meister streichen vorsichtig über den Lack, in den sich Schwalbenkot eingebrannt hat. „Den kriegt man nicht mehr weg“, sagt Paul Uckelmann und reibt dennoch noch einmal vorsichtig über das Autoblech. Ist aber auch nicht schlimm: Ein Oldtimer – in diesem Fall wohl eher ein Youngtimer – darf Gebrauchsspuren aufweisen. Die machen ihn am Ende nur noch interessanter. Es sind Autos, die, wenn sie denn dazu in der Lage wären, lange, sehr lange ­Geschichten erzählen könnten.

Aufarbeitung von Straßenveteranen

Uckelmann hat derzeit noch mehr als sonst zu tun. Einige Teilzeitkräfte sind für seine Tankstelle in Coesfeld-Lette ausgefallen, so dass er und seine Frau zusätzliche Schichten übernehmen müssen. Das gilt auch für den Werkstatt­betrieb. Gut möglich, dass vielen Oldie-Besitzern gerade jetzt in unbehaglichen Coronazeiten einfällt, dass zumindest ihre alten Straßenveteranen wieder mehr Glanz an den Tag legen könnten. Die nächsten Wochenenden hat Uckelmann für einen Volvo Amazon reserviert, der derzeit eher wie ein hässliches Entlein und nicht wie eines der erfolgreichsten Autos des schwedischen Autobauers aussieht.

Ein Reifen fehlt – und was darunter hartnäckig rostend zum Vorschein kommt, lässt befürchten, dass das fehlende Rad die geringste Herausforderung für den Oldtimer-Experten sein wird. „Für so etwas brauche ich Ruhe und einen freien Kopf“, sagt Uckelmann und taxiert die Scheiben, die an manchen Stellen milchig blind geworden sind. „Im Werkstattbetrieb geht das nicht.“ Wenn er einen solchen Patienten behandelt, tritt er augenblicklich in Zwiesprache mit dem schwerkranken Blech: Sei unbesorgt, auch dich kriege ich wieder hin.

Fast so wie bei der ersten Italienreise

Uckelmann selbst fährt privat einen VW-Bulli aus dem Jahre 1966, mit dem er gerne Spritztouren unternimmt. Wenn er auf dem schwarzen Fahrersitz Platz nimmt und das fast waagerechte Lenkrad mit der Faust umfasst, stellt sich sofort das Gefühl einer Zeitreise ein. Der Motor brummt beruhigend tief und gleichmäßig, und alles ist so, als trete er seine erste große Italienreise in den 60er Jahren an. Selbst die Kunstblume in der Vase vor der Frontscheibe ist original – Uckelmann ist ein Meister, wenn es darum geht, Ersatzteile zu organisieren.

Welche Autos er ansonsten fährt? Natürlich einen Volvo P 1800, an den er schon früh sein Mechanikerherz verloren hat, und einen Humber aus dem Jahre 1934, ein Cabrio, das sich mit beachtlichen 80 Stundenkilometern über die Straßen lenken lässt. In der Großfamilie ist der 2,3 Tonnen schwere Oldtimer besonders für Hochzeiten sehr beliebt. Mit einem Auto, das so vielen Stürmen standgehalten hat, von der ­Kirche nach Hause zu fahren, erscheint den Hochzeitspaaren vermutlich als gutes Omen für die gemeinsame Zukunft. Wenn selbst ein Auto eine so lange Weg- und Zeitstrecke ohne sonderliche Blessuren schafft . . .

Schätzchen mit einer Seele

Eigentlich wollte Uckelmann den Wagen gar nicht über­nehmen. Er gehörte einem Kunden, für den er das Uralt­cabrio wieder hergerichtet hatte. Nach ein paar Jahren konnte der Oldtimer-Liebhaber seinen Wagen nicht mehr fahren und suchte nach einem Nachfolger. Oder auch nicht: „Er hatte genug Interessenten. Aber keiner gefiel ihm.“ Sein Schätzchen sollte nicht vor dem Haus eines Mannes stehen, der zwar Geld, aber kein Gespür für die – warum es nicht so nennen? – Seele dieses Wagens hat. Er kannte nur einen Mann, dem er dieses Gespür attestierte – und das war Paul Uckelmann.

Der 59-Jährige lässt die Abdeckplane wieder über seinen Humber gleiten und geht ein paar Schritte weiter zum Volvo Amazon, den er für einen Kunden repariert hat. 1965 ist das mintfarbene Auto in einer Reihe gebaut worden, die Uckelmann immer wieder begeistert. „Was hier an Stahl verbaut worden ist! Da macht man heute zwei Autos draus.“ In Sachen Sicherheit übertrumpfe so ein Auto fast jedes neue Fahrzeug. „Und seine Abgaswerte sind besser als bei manch einem Neu­wagen.“ Zudem: Acht Liter Treibstoffverbrauch auf 100 Kilometern – dagegen lasse sich nun wirklich nichts sagen. Um es kurz zu machen: Es ist das Zusammenspiel aus geschwungenen Linien, Ästhetik, hochwertigem Chrom und Autobaukunst, das den Coesfelder überzeugt.

Ein Haufen Schrott erhält neues Leben 

Wenn er Zeit hätte, würde er am liebsten Oldiefans beraten, ehe sie ihre Kaufverträge unterschreiben. „Was für einen Schrott sich da manche Leute andrehen lassen . . . Ich habe gerade noch so ein Auto in die Werkstatt bekommen.“ Die übelsten Erfahrungen lassen sich offenbar mit unbesehen im Internet gekauften Oldies machen. „Die fahren damit zum Tüv und kommen mit einer solchen Mängelliste“ – Uckelmann breitet die Arme aus und lässt erahnen, wie lang diese Liste ist – „wieder nach Hause.“

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