Richtungsstreit
Sorgt intensiveres Testen für höhere Coronazahlen?

Münsterland -

Münster glänzt mit der niedrigsten Sieben-Tages-Inzidenz in NRW. Wird in der Stadt möglichweise weniger streng getestet, als in einigen Nachbarkreisen? Was ist da dran?

Donnerstag, 21.01.2021, 19:50 Uhr aktualisiert: 22.01.2021, 12:34 Uhr
Bei der Testung von Corona-Kontaktpersonen
Bei der Testung von Corona-Kontaktpersonen gibt es im Münsterland unterschiedliche Vorgehensweisen. Foto: dpa

Ist es ein Ringen um den besten Weg im Kampf gegen die Corona-Pandemie oder doch bloß eine Neiddebatte? Die Stadt Münster, die am Donnerstag  die niedrigste Inzidenz einer Großstadt in NRW hatte, muss sich erneut Vorwürfe gefallen lassen, im Vergleich zu den Nachbarkreisen weniger zu testen.

Wird beispielsweise in den Kreisen Steinfurt und Warendorf, die höhere Inzidenzen haben und der Stadt Münster tatsächlich unterschiedlich intensiv getestet? Gibt es einen Zusammenhang zwischen Test- und Infektionszahlen? Eine Übersicht:

Münster: Testen, aber gezielt

Die Stadt Münster richtet sich streng nach der Nationalen Teststrategie. Daher gelte: Testen, aber gezielt. Testen ohne Anlass führe zu einem falschen Sicherheitsgefühl, sagt der Leiter des Gesundheitsamtes, Dr. Norbert Schulze Kalthoff. Denn: Ein negatives Tester­gebnis sei nur eine Momentaufnahme und entbinde nicht von Schutzmaßnahmen. Wichtiger sei die sofortige Quarantäne. „Nicht der Test bekämpft das Virus, sondern die Kontaktminderung“, so Schulze Kalthoff. Corona-Erkrankte gehen in Isolation.

Für die Kontaktpersonen der Kategorie I gilt grundsätzlich eine 14-tägige Quarantäne. Sie kann am zehnten Tag durch die Vorlage eines negativen Testergebnisses vorzeitig beendet werden. Wer Symptome zeigt, muss sich testen lassen. Wer keine Beschwerden hat, kann sich zweimal kostenlos testen lassen. „Mindestens drei Viertel machen davon Gebrauch“, so Schulze Kalthoff. Nach den Erfahrungen in Münster weisen etwa 25 bis 30 Prozent dieser Kontaktpersonen im Verlauf der Quarantänezeit ein positives Testergebnis auf und werden damit zu Infizierten.

Die Mehrzahl aller Testungen wird nicht direkt durch das Gesundheitsamt veranlasst. In großer Zahl werden zum Beispiel Testungen auch in der Corona-Teststelle der Haus- und Fachärzte durchgeführt. Bislang haben sich in Münster 4992 Personen mit Corona infiziert.

Kreis Coesfeld: Risikoorientiertes Testen

Auch der Kreis Coesfeld testet wie die Stadt Münster risikoorientiert. Das bedeutet: „Unverzügliche Kontaktnachverfolgung, um die Kontaktpersonen infizierter Personen schnellstmöglich in Quarantäne zu bringen und damit die Ausbreitung der Infektion zu reduzieren“, teilt Hartmut Levermann aus der Pressestelle mit. In der Quarantäne werden nur die Personen getestet, die Symptome aufweisen. Im Kreis Coesfeld haben sich bislang 3454 Menschen infiziert. Die Sieben-Tage-Inzidenz betrug am Dienstag 52,74.

Kreis Borken: In sensiblen Einrichtungen auch Symptomfreie

Auch der Kreis Borken testet anlassbezogen. Das heißt: Nicht jede Kontaktperson der ersten Kategorie werde automatisch getestet, erklärt Sprecher Karlheinz Gördes – auch nicht solche mit Symptomen. „Bei Kita- und Schulkindern sowie in sensiblen Einrichtungen testen wir jedoch in jedem Fall auch Kontaktpersonen ohne Beschwerden.“ Für alle übrigen gelte nach den landesrechtlichen Bestimmungen ohnehin Quarantäne. Im Kreis Borken haben sich insgesamt 7698 Personen mit dem Coronavirus infiziert. Die Inzidenz beträgt 74,73.

Kreis Warendorf: Alle Kontaktpersonen der Kategorie 1

Im Ge­gensatz dazu testet der Kreis Warendorf intensiver. Dort werden in einem Infektionsfall auch alle Kontaktpersonen der Kategorie 1 in der Isolation getestet. Besonderheit: Das gilt auch für Menschen, die keine Symptome aufweisen. „Auf diese Weise haben wir in der Vergangenheit viele positive Fälle ermittelt, die wir ansonsten nicht entdeckt hätten“, sagt Kreissprecher Thomas Fromme.

Seit dem 1. Dezember wurden im Kreisgebiet 5990 Kontaktpersonen der Kategorie 1 getestet. Bei 745 Symptomfreien wurde das Virus nachgewiesen. „Das sind 12,4 Prozent.“ Dass das intensive Testen statistisch die Infektionszahlen nach oben treibt, ist für Fromme offensichtlich. Im Kreisgebiet haben sich bislang 7148 Bürger infiziert.

Kreis Steinfurt: Auch die Asymptomatischen

Auch hier werden im Infektionsfall ausnahmslos alle Kategorie-1-Kontakte getestet, auch die asymptomatischen. Knapp 50 Prozent aller ermittelten Infektionen stam­mten aus dieser Gruppe, sagt Kreissprecherin Kirsten Weßling. Der Kreis Steinfurt, in dem sich bis Donnerstag insgesamt 9226 Menschen mit dem Virus infiziert haben, „setzt damit nicht nur die Empfehlung des Robert-Koch-Institutes um“. Aus seiner Sicht sei die gewählte Methode die lückenloseste und damit der beste Weg der Pandemiebekämpfung, sagt Weßling.

  • Und warum weist der Kreis Steinfurt relativ viele Corona-Tote auf? Dr. Karlheinz Fuchs, Leiter der Corona-Stabsstelle im Steinfurter Kreishaus, nennt Gründe.
Das sagt der   Experte Prof. Ludwig

Das unterschiedliche Vorgehen bei der Testung von Corona-Kontaktpersonen sei eher eine Glaubensfrage als epidemiologisch relevant, sagt Prof. Stephan Ludwig, Virus-Experte der Uni Münster. Entscheidend sei, dass alle Betroffenen zeitig in Quarantäne geschickt werden. Beim Testen laute die entscheidende Frage: „Was ist mit Blick auf die Kosten und das Ergebnis vertretbar“, sagt Ludwig.

Wenn auch symptomfreie Kontaktpersonen positiv getestet werden, dürfe sich das Ergebnis allenfalls im statistischen Grundrauschen niederschlagen. Die hohen Erfolgszahlen im Kreis Warendorf zweifelt Ludwig an. „Wenn Sie bei 10 000 Testungen vielleicht zwei oder drei asymptomatisch Infizierte ermitteln“, sei das schon viel. „Und niemand sagt Ihnen, dass diese nicht einen Tag später Symptome ausbilden.“

Wenn Kreise oder Kommunen mit hoher Inzidenz solche Argumente anführten, „versuchen sie sich damit freizukaufen“. Aber: Ob sämtliche Kontaktpersonen der Kategorie 1 in der Quarantäne getestet werden oder keiner, „am Ende sind beide Strategien gesetzlich abgesichert“.

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