Friseurinnung warnt vor Schwarzarbeit im Lockdown
Eine haarige Angelegenheit

Warendorf. Haarige Angelegenheit, dieser Lockdown. Friseursalons, das hat die Bundeskanzlerin vor Tagen in Aussicht gestellt, dürften deshalb womöglich doch schon bald wieder öffnen. Doch die Nerven vieler Friseure liegen blank, es geht um Existenzen (die WN berichteten). -

Einen Haarschnitt kann man nicht einfach online buchen und dann versenden. Genau das ist der Probleme für die Friseurbranche. Obwohl sich offensichtlich viele Kunden solidarisch zeigen und die Haare wachsen lassen, geht es um Existenzen, die der lange Lockdown mittlerweile angreift.

Mittwoch, 03.02.2021, 18:30 Uhr aktualisiert: 03.02.2021, 21:44 Uhr
Waschen, schneiden, föhnen und natürlich Haare färben. Viele Bürger warten darauf, dass die Salons wieder öffnen. Auch die Unternehmen stehen in den Startlöchern, denn die erneute Schließung hinterlässt ein dickes Minus in den Kassen.
Waschen, schneiden, föhnen und natürlich Haare färben. Viele Bürger warten darauf, dass die Salons wieder öffnen. Auch die Unternehmen stehen in den Startlöchern, denn die erneute Schließung hinterlässt ein dickes Minus in den Kassen. Foto: dpa

Christian und Julia Günnewig übernahmen vor knapp elf Jahren das Geschäft ihrer Eltern – in diesem Jahr ist das 55-jährige Bestehen. Das etablierte Familienunternehmen schaut besorgt auf das Geschäft und vor allem auf die gesamte Branche. „Unser Produkt ist der Haarschnitt. Den kann man nicht einfach verschicken“, betont Christian Günnewig, stellvertretender Obermeister in der Friseurinnung Warendorf.

Er kennt hautnah die Probleme seiner Kollegen. „Es geht um Existenzen – und das scheinen die Politiker vergessen zu haben.“ Dass gerade die, ebenso wie Fußballer, mit erkennbar frischem Haarschnitt in der Öffentlichkeit stehen, setze das falsche Zeichen. „Ich berichte auch nicht über eine Hungersnot und esse dabei ein Sandwich“, kritisiert Christian Günnewig. Zusätzlich verschärfe dies das Bedürfnis der Bürger nach einem frischen Haarschnitt.

Ich berichte auch nicht über eine Hungersnot und esse dabei ein Sandwich“

Christian Günnewig

„Wir sind natürlich froh, dass ein Haarschnitt den Menschen wichtig ist. Nur leider möchten sie nicht bis zum Ende des Lockdowns warten“, weiß Julia Günnewig. Immer mehr Friseure geben Online-Tipps, wie man sich selbst die Haare schneiden kann. „Viele vergessen dabei, dass es sich um ein Handwerk handelt, für das wir jahrelang geübt haben. Mit einem YouTube-Video ist das nicht getan“, ärgert sich die Geschäftsfrau und warnt vor Schwarzarbeit und „unmoralischen Angeboten“.

Chiara Schilling, die seit vielen Jahren im Salon Günnewig arbeitet, werde vor allem über die sozialen Medien gefragt, ob sie nicht mal privat die Schere ansetzen könne. „Irgendwo ist man geschmeichelt. Aber ich schneide mir damit nur selbst ins Fleisch“, betont die 25-Jährige. Für sie wäre es eine Straftat und der Arbeitgeber könnte eine fristlose Kündigung aussprechen. Kollegin Andrea Bosse versteht nicht, dass sich die Leute so sehr auf die Haare konzentrieren. „Kein Mensch kann derzeit groß irgendwo hin. Wofür muss ich also perfekt gestylt sein?“

Chiara Schilling gibt zu, den Bruchteil einer Sekunde sogar darüber nachgedacht zu haben. „Wir sind alle in Kurzarbeit. Natürlich war mein erster Gedanke: So ein Haarschnitt wäre mein nächster Wocheneinkauf.“ So hätte man aber das Gefühl, in die Schwarzarbeit gedrängt zu werden.

Sind wir wirklich alle so egoistisch?

Julia Günnewig

Das ist auch für die Chefs nicht verständlich. „Sind wir wirklich alle so egoistisch?“, fragt sich Julia Günnewig. Sie habe genauso mit einem finanziellen Engpass zu kämpfen. „Wir leben derzeit ausschließlich vom Sparbuch. Ein Ausgleich für einen Unternehmerlohn ist nicht vorgesehen. Es bliebe nur der Gang zum Amt“, stellt sie klar und ist gleichzeitig froh, dass sie gemeinsam mit ihrem Bruder ein kleines Polster ansparen konnte. Dies ist jedoch nicht bei allen Friseuren der Fall.

„Die Salons sind geschlossen, die Beschäftigten befinden sich zunächst in Kurzarbeit. Rücklagen, die eigentlich für die Rente gedacht waren, werden jetzt zum Teil für den Lebensunterhalt aufgebraucht“, beschreibt Ann-Kristin Erdmann, Bereichsleitung Innungen der Kreishandwerkerschaft Steinfurt-Warendorf die prekäre Lage.

Von der Bundesregierung fühlen sich die Günnewigs im Stich gelassen. „Scheinbar fallen wir Friseure durch alle Raster durch. Das ist paradox, denn bei uns Friseuren lief alles kontrolliert ab. Es ist alles nachvollziehbar und dokumentiert“, erklärt Julia Günnewig die Hygienevorschriften in Corona-Zeiten.

Auch wenn die Festangestellten in Kurzarbeit sind, habe man weiterhin laufende Kosten. Die Auszubildenden müssen zudem weiter voll vergütet werden. Zusätzlich habe man – wie auch in vielen anderen Branchen – Geld in die Hand genommen, um ein entsprechendes Hygienekonzept umzusetzen. Alle Corona-Vorgaben wurden umgesetzt, mit dem Ergebnis Berufsverbot im Lockdown.

An eine Öffnung Mitte Februar glauben die Inhaber des Salons nicht. „Das Schlimme ist die fehlende Perspektive für die Zukunft“, bringt es Christian Günnewig auf den Punkt. Branchenweit sei die Verzweiflung groß. „Manch ein Betriebsinhaber denkt an Entlassungen oder sogar an die Schließung des Betriebs. Einige sind genötigt, Hartz IV zu beantragen“, beschreibt Kristin Erdmann die Situation der Friseure. Ein weiteres Problem für die Unternehmen sei, dass im Nachgang die Bedingungen der Hilfen teilweise noch mal angepasst werden. „Wir gehen davon aus, dass wir die Soforthilfe aus dem letzten Jahr komplett zurückzahlen müssen“, resigniert Julia Günnewig. Dieses Geld wurde unter anderem für Desinfektionsmittel, Luftfilteranlagen und Ähnliches eingesetzt. Ohne Einnahmen gestalte sich eine Rückzahlung schwierig.

„Eigentlich wollen wir keine Hilfen, sondern einfach unseren Salon wieder öffnen und selbst Geld verdienen“, betonen Christian und Julia Günnewig. Bis dahin hoffen sie jedoch, dass die zugesagten „unbürokratischen Hilfen“ helfen, damit die Branche überleben kann. Sie selbst zeigen sich solidarisch: Christian Günnewig mit ungewohnt langen Haaren und Julia Günnewig mit einem deutlichen Ansatz. „Uns ist es auch wichtig wie wir aussehen. Wir setzen damit ein klares Statement nach Außen.“

Ein Statement, das auch Bürgermeister Peter Horstmann unterstützt. „Ich bin haarschnitttechnisch absolut überfällig“, gesteht Horstmann und zeigt damit Solidarität gegenüber den Friseuren. „Ich kann nur den Appell an alle richten, durchzuhalten. Sich einen Friseur nach Hause zu holen ist nicht sinnvoll, auch wenn ich die Misere auf allen Seiten natürlich nachvollziehen kann.“

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