Vor 50 Jahren prägte die Band „Genesis“ in ihrer Idealbesetzung eine Rock-Epoche
Als der Rock die Kunst entdeckte

Münster -

Vor 50 Jahren begann die große Zeit der Band Genesis. Was damals geschah und wer aus der Band schließlich welchen Weg ging, das zeigen wir in einer spannenden Rückschau.

Sonntag, 28.02.2021, 17:36 Uhr
Der Fotograf und Genesis-Kenner Armando Gallo porträtierte die Band im Frühjahr 1972 in ihrer Idealbesetzung (v. l.) Peter Gabriel, Phil Collins, Mike Rutherford, Steve Hackett und Tony Banks. Gabriel (kl,. Bild l.) und Collins waren auch solistisch erfolgreich.
Der Fotograf und Genesis-Kenner Armando Gallo porträtierte die Band im Frühjahr 1972 in ihrer Idealbesetzung (v. l.) Peter Gabriel, Phil Collins, Mike Rutherford, Steve Hackett und Tony Banks. Gabriel (kl,. Bild l.) und Collins waren auch solistisch erfolgreich. Foto: niversal

Superstar, Hitlieferant und einziger Musiker, der beim berühmten Live-Aid-Konzert dank eines Überschall-Fluges sowohl in England als auch in Amerika auftrat: Das ist Phil Collins, der langjährige Sänger von Genesis und vor kurzem 70 geworden. Noch ein bisschen älter ist sein Vorgänger Peter Gabriel, der den Chart-Erfolgen zwar auch nie abgeneigt war, aber doch als eher kreativer Eigenbrötler, als Innovator und Querkopf im besten Sinn gilt. Kaum zu glauben, dass beide gemeinsam eine entscheidende Phase der Rock- und Popgeschichte prägten – vor einem halben Jahrhundert.

Ein Jahr nach den Beatles

Es war 1971, das Jahr eins nach dem Ende der Beatles. Zwei Schulfreunde aus einem englischen Internat, Peter Gabriel und Tony Banks, hatten mit musikbegeisterten Kumpels eine Band gegründet, sogar schon eine Langspielplatte veröffentlicht und sich den zugkräftigen Namen „Genesis“ nach dem ersten Buch der Bibel zugelegt. Ihr zweites Album mit dem Titel „Tres­pass“ sollte das Sprungbrett zumindest für eine nationale Band-Karriere sein – doch es gab personelle Probleme. Einer der beiden Gründungs-Gitarristen zog sich aus privaten Motiven zurück, und der Schlagzeuger genügte den Vorstellungen von Sänger Peter Gabriel, Pianist Tony Banks und Gitarrist Mike Rutherford nicht mehr. Zeitschriften-Anzeigen führten aber zum Erfolg: Zunächst setzte sich unter zahlreichen Drummer-Kandidaten ein gewisser Phil Collins durch, und dann, um den Jahreswechsel 1970/71, komplettierte Gitarrist Steve Hackett die Band.

Kunstvolle Variante

Da war sie nun, jene Besetzung von „Genesis“, die für mehrere entscheidende Jahre die kunstvolle Variante der Rockmusik prägen sollte. Gemeinsam mit ihren Kollegen „Lindisfarne“ und „Van der Graaf Generator“ wurde die Band in den ersten Monaten des Jahres 1971 auf eine England-Tour geschickt. Ihr Erfolg bei diesen Konzerten war der eine Teil zum Entstehen einer Legende. Den zweiten bildete jenes überragende Album, das am Ende des Jahres erschien: „Nursery Cryme“. Es ist auch heute noch ein aufregendes Erlebnis, hier hineinzuhören: wie sich nach ein paar hellen Eingangsakkorden die seltsam spröde Stimme Gabriels über das instrumentale Geflecht legt, und wie erst viel später mit gewaltigen Orgel- und Schlagzeugklängen die Musik auszubrechen scheint. Ist das überhaupt noch Pop- und Rockmusik? Und dann dieses surreale Album-Gemälde, dieses böse Wortspiel von Kinderlied („Nursery Rhyme“) und Verbrechen („Crime“) im Titel ... Nun kam dieser Aufbruch zu neuen Wegen, zu komplexen musikalischen Formen in der Rockmusik, nicht von ungefähr. Schon die Beatles hatten sich ja seit ihren „Please Please Me“-Anfängen extrem entwickelt, hatten mit „Sgt. Pepper’s“ das erste Konzeptalbum und auf „Abbey Road“ eine zusammenhängende Seite 2 produziert – von der Sound-Collage „Revolution No. 9“ gar nicht zu reden. Gleichzeitig gründeten sich Bands wie Pink Floyd, Yes oder King Crimson – von „Art Rock“ mit der Betonung auf Kunst oder von „Prog Rock“ mit der Betonung des Progressiven ist die Rede. Der Mann, der die größte Lobeshymne auf Genesis formulierte, war nicht zufällig Tasten-Derwisch Keith Emerson, der sich für Emerson, Lake and Palmer bei Prokofjew und Mussorgski bediente. The Who schufen mit „Tommy“ eine der ersten „Rock-Opern“, im Jahr 1971 folgte Andrew Lloyd-Webbers „Jesus Christ Superstar“. Abschied von schlichten Formen und simplen Rhythmen: Viele Bands waren in den frühen 70ern auf diesem Weg. Mit Klassik-Zitaten kokettierten Procol Harum oder Jethro Tull, andere wie Pink Floyd äugten zur musikalischen Avantgarde, die Entwicklung der Tasteninstrumente förderte die Neigung zum „Bombast-Rock“, dem später der Punk den Kampf ansagte.

Ein 22-Minuten-Hit

Genesis hatten großen Anteil an dieser Entwicklung – aber gerade in den Jahren ihrer Idealbesetzung viel mehr zu bieten. Der Forderung, mal einen Hit zu schaffen, begegneten sie im Folgejahr mit der 22-minütigen Suite „Supper’s Ready“ auf dem Album „Foxtrot“ – gewiss einem der komplexesten Kunstwerke der Rockmusik. So kreierten Tony Banks und Phil Collins vor dem Finale einen furiosen Taumel im 9/8-Takt, und Peter Gabriel schuf eine Poesie zwischen Liebeslied, Drogentrip und religiös geprägter Ekstase, in der die Engel der Apokalypse „sweet Rock’n’Roll“ trompeten. Zudem boten seine Auftritte mit fantasievollen Verkleidungen großes Theater, während die anderen im Sitzen arbeiteten – wie ein Orchester, nicht wie eine Band.

Ende 1974 aber, auf dem Gipfel ihrer künstlerischen Anerkennung, verließ Gabriel die Gruppe, und Phil Collins brachte zunächst das kleine Wunder fertig, den manieristischen Gesangsstil seines Kumpels täuschend echt nachzuahmen. Zugleich aber begann für Genesis ein „Abstieg in den Ruhm“: Kommerz statt Komplexität, die Songs wurden tauglich für Hitparaden und Tanzschulen. Der Erfolg, auch für Collins allein, war gewaltig. Die Fans der 1971-er Genesis haben jedoch lieber dem verschrobenen Peter Gabriel die Treue gehalten.

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