Weil Corona Tiertransporte erschwert
Zu viel Nachwuchs in den Zoos

Rheine/Münster/Gelsenkirchen -

Wegen der Corona-Pandemie hat der Zoo in Rheine begonnen, Tiere zu kastrieren, mit Hormonen zu sterilisieren oder voneinander zu trennen, um Nachwuchs zu verhindern. Das hat Rheines Zoodirektor Achim Johann erklärt. In den Zoos wir es eng, sagt er: „Der Tierbestand ist wie eingefroren.“

Montag, 08.03.2021, 18:45 Uhr aktualisiert: 08.03.2021, 18:55 Uhr
Weil Corona Tiertransporte erschwert: Zu viel Nachwuchs in den Zoos
Weil Corona Tiertransporte erschwert, müssen die Zoos überlegen, was mit dem Nachwuchs der Tiere passieren soll. Foto: Sven Rapreger

Wegen der Corona-Pandemie hat der Zoo in Rheine begonnen, Tiere zu kastrieren, mit Hormonen zu sterilisieren oder voneinander zu trennen, um Nachwuchs zu verhindern.

Verschiedene Verhütungsmethoden

Nach Johanns Worten ist das „Populationsmanagement fast schon ein Vollzeitthema geworden“ ist. Bei den Dscheladas, dem Publikumsmagneten des Rheinenser Zoos, sind schon verschiedene Verhütungsmethoden im Einsatz: In einer Gruppe ist das Männchen sterilisiert, obwohl ein unfruchtbarer Affe „aus populationsregulatorischen Gründen ein toter Affe ist“, wie Johan sagt. In der Gruppe, in der neben ihm mehrere Weibchen und verschiedene Jungtiere leben, herrsche ein „kompletter Nachwuchsstillstand“.

In einer anderen Gruppen haben die Weibchen Hormonimplantate bekommen. Johann geht davon aus, dass dort die nächsten drei Jahre kein Nachwuchs kommt. Das behagt dem Experten überhaupt nicht. Schließlich seien Jungtiere nötig, damit ein Bestand gesund bleibt und alte und junge Tiere ein Gleichgewicht bilden. Die Tötung einzelner Tiere zum Aufrechterhalten einer gesunden Population wäre nach Johanns Worten „durchaus angezeigt“. Allerdings sei in Deutschland das Einschläfern von Tieren – anders als das Schlachten zur Fütterung – nicht gestattet, wenn so die Population reguliert werden soll. „Das spielt toi toi toi nicht die Rolle“, meint Johann.

Nachwuchssorgen durch Corona

1/7
  • Die Wasserschweine im Zoo in Osnabrück werden durch eine Hormonbehandlung in Zukunft weniger Nachwuchs bekommen.

    Foto: Foto: Zoo Osnabrück
  • Durch erschwerte Tiertransporte hat sich das Auswildern der Gänsegeier aus dem Zoo in Münster deutlich verzögert.

    Foto: Foto: Allwetterzoo Münster
  • Die Dscheladas im Zoo in Rheine bereiten Zoodirektor Achim Johann Kopfzerbrechen.

    Foto: Foto: Sven Rapreger
  • Marcel Alaze vom Allwetterzoo Münster bedauert, dass „wir durch die verpassten Tiertransporte wertvolle Tiere verlieren, die zum Züchten zu alten werden.“

    Foto: Foto: Allwetterzoo Münster
  • Tobias Klumpe vom Zoo in Osnabrück erklärt: „Wir müssen die Tiere selber im Blick behalten, bevor die Bude zu voll wird.“

    Foto: Foto: Zoo Osnabrück
  • Rheines Zoodirektor Achim Johann: „Der Tierbestand ist wie eingefroren.“

    Foto: Sven Rapreger
  • Antilopenarten wie die Großen Kudus können sich in der „Zoom-Erlebniswelt Gelsenkirchen“ schon länger nicht unkontrolliert vermehren.

    Foto: Foto: Zoom Erlebniswelt Gelsenkirchen/Jochen Tack

Nach Darstellung der Zoos in Münster, Osnabrück und Gelsenkirchen ist das Pro­blem noch überschaubar, doch auch Marcel Alaze, Senior-Kurator im Allwetterzoo Münster, bedauert, dass „wir durch die verpassten Tiertransporte wertvolle Tiere verlieren, die zum Züchten zu alten werden“. Die Corona-Beschränkungen hätten auch in Münster für sehr viel Schwierigkeiten gesorgt – auch wenn deswegen kein Tier mit Hormonen behandelt würde. Alaze vermutet, dass es noch ein bis zwei Jahre dauert, bis alle geplanten Tiertransporte durchgeführt sind. Auch die jungen Gänsegeier konnte der Zoo erst viel später ins bulgarische Balkangebirge bringen als geplant: „Es war schwierig, einen passenden Flug zu bekommen.“ Oder das Zebra, das eigentlich in einen anderen Zoo hätten umziehen sollen, der aber den Bau eines Geheges wegen Geldmangels stoppen musste. Für den Zoo bedeutet das, dass er das Tier weiter füttern muss, obwohl vorne an der Kasse kein einziger Cent hereinkommt.

Verhütung Teil der Planungen

Biologe Heiko Janatzek aus der Zoom-Erlebniswelt berichtet, dass durch die geschlossenen Grenzen auch in Gelsenkirchen über Wochen hinweg „nichts ging“ und der Zoo mehr Tiere hatte als er wollte. Aber auch vor Corona-Zeiten sei die Verhütung Teil der Nachwuchsplanung gewesen. Die Fortpflanzung im Zoo sie immer schon gebremst. „Nicht jede Antilopenart kann Nachwuchs haben“, sagt der zoologische Assistent. Und die Zahl der Paviane würde explodieren, wenn Zoos nicht kastrieren und verhüten würden. „Wir müssen im Hinterkopf behalten, wo wir mit den Tieren bleiben“, sagt Janatzek.

Auch bei den Wasserschweinen im Zoo in Osnabrück wird der Nachwuchs in der nächsten Zeit seltener werden. „Wir müssen die Tiere selber im Blick behalten, bevor die Bude zu voll wird,“ sagt der zoologische Leiter Tobias Klumpe. Die zehn Jungtiere der noch 14-köpfigen Gruppe werden bis in die Ukraine gebracht. Zudem wird eines der drei Weibchen ein Hormonimplantat – so dünn wie eine Kugelschreibermine – unter die Haut geschoben bekommen, um vorerst keine Ferkel mehr zu werfen, erklärt Klumpe. Denn: „Wir sind an einem Punkt, dass wir mit ein paar Transfers deutlich hinter dem Zeitplan sind.“ Deswegen bleibt auch die Dornschwanzagame, ein Reptil, die eigentlich nach Zürich umziehen sollte, vorerst in Osnabrück. Allerdings in einem Terrarium hinter den Kulissen, „da kommt’s auf einen Monat nicht an.“

Schwierige Tiertransporte

Die Corona-Pandemie  macht Tiertransporte und den Austausch von Tieren für Zuchtprogramme schwieriger. Weil Zoos kein Geld verdienen, können sie sich Tiertransporte kaum noch leisten oder verschieben den Bau von Gehegen. So können sie keine Tiere aufnehmen. Die geschlossenen Grenzen im ersten Lockdown, die sinkende Zahl von Flügen und plötzlich nötige Ausfuhr- und Einfuhrgenehmigungen durch den Brexit verschärfen die Lage zusätzlich. Ein halbes Jahr kann es dauern, bis für einen Tiertransport nach Großbritannien alle Papiere vorliegen. Die Folge: Viele Tiere bleiben zu Hause.

...
Nachrichten-Ticker