Julie Nacke im Gespräch
Netzwerk aufbauen für Gleichstellung

Ochtrup -

Heute ist Weltfrauentag, am Mittwoch (10. März) „Equal Pay Day“, der auf die unterschiedliche Bezahlung von Frauen und Männern aufmerksam macht. Über diese Themen und über ihre Arbeit sprach die Redaktion mit der örtlichen Gleichstellungsbeauftragten Julie Nacke.

Montag, 08.03.2021, 06:00 Uhr aktualisiert: 08.03.2021, 16:06 Uhr
Julie Nacke ist die Gleichstellungsbeauftragte der Stadt Ochtrup und wirbt hier für die Aktion zum Equal Pay Day“ auf dem Wochenmarkt.
Julie Nacke ist die Gleichstellungsbeauftragte der Stadt Ochtrup und wirbt hier für die Aktion zum Equal Pay Day“ auf dem Wochenmarkt. Foto: Privat

Anlässlich des Weltfrauentages sprach die Lokalredaktion mit der Gleichstellungsbeauftragten der Stadt Ochtrup, Julie Nacke.

Frau Nacke, Sie sind seit September 2020 Gleichstellungsbeauftragte der Stadt Ochtrup. Stellen Sie sich doch bitte kurz persönlich vor.

Gerne. Ich bin 40 Jahre alt. Aufgewachsen bin ich in Frankreich in einer Großstadt. Vor 20 Jahren kam ich nach Deutschland. Ich habe mich in das Land verliebt, seine Menschen und auch in die Strukturen der damaligen Kita, zu der ich mein Au-Pair-Kind brachte. So entschied ich mich dafür, hier zu bleiben und mich im Bereich Pädagogik auszubilden. Ich arbeitete lange in der Jugendhilfe. Vor acht Jahren kam ich nach Och­trup und lernte meinen Mann kennen. Wir haben mittlerweile eine vierjährige Tochter und wohnen dank Umbau in seinem Elternhaus mit mehreren Generationen in der Wester. Ich liebe Natur und Tiere, mehr brauche ich nicht. Als Mutter entschied ich mich gegen den Schichtdienst und arbeitete zunächst in der Kita. Mutter und Beruf – ein Thema, das viel mit Gleichstellung zu tun hat. Als ich die Stellenanzeige der Stadt sah, sprach sie mich sofort an denn sie bündelte viele Themen, mit denen ich im Berufsleben schon konfrontiert wurde.

 

Kommen wir nun zum Beruflichen: Was tut eine Gleichstellungsbeauftragte?

Als Gleichstellungsbeauftragte habe ich sowohl Aufgaben innerhalb der Verwaltung als auch Aufgaben im externen Bereich. Die Stadt hat rund 290 Beschäftigte. Da geht es darum, Gleichstellung als Vorbild zu leben. Es fängt an mit Maßnahmen zur Berufsförderung von Frauen bis hin zur Vereinbarkeit von Beruf und Familie. Externe Aufgaben können alles beinhalten, was für Frauen wichtig ist. Ein großes Thema ist Gewalt. Aber auch andere Themen und Angebote für Frauen aller Altersgruppen sind mir wichtig.

 

Heute ist Weltfrauentag, am 10. März wird der Equal-Pay-Day begangen. Warum sind diese Tage auch für Frauen in Och­trup von Bedeutung?

Es herrscht ja oft die Meinung, Frauen und Männer wären gleichgestellt. Dem ist aber noch lange nicht so! Da gibt es genug Beispiele, die das belegen. Aufklären ist wichtig, und dabei spielen auch Medien eine große Rolle. Da sehe ich einen großen Unterschied zu Frankreich, wo das Thema auch zu den Hauptsendezeiten eine größere Rolle spielt. Auch in Ochtrup beeinflusst die Zeitung Frauenthemen. Ich wünsche mir, dass darüber mehr berichtet wird.

 

Wie sieht es mit der Gleichstellung der Geschlechter in Ochtrup aus und inwiefern ist auch das dritte Geschlecht in der Töpferstadt ein Thema?

Ich habe 32 Jahre in der Stadt gelebt, auch in der Großstadt. Da fällt mir ein Unterschied zu dieser ländlichen Region schon auf. Es gibt überall viel zu tun, in Ochtrup auch. Mit dem dritten Geschlecht verstehe ich die neue Möglichkeit sich als „divers“ eintragen lassen zu können. Ich finde, es sollte überall auf der Welt selbstverständlich sein und bin stolz in einem Land zu leben, wo es möglich ist. Denn viele haben darunter gelitten, dass sie einfach einem Geschlecht zugeordnet wurden und die Realität kaschieren mussten. Ich rede mit einer Kollegin immer wieder darüber. Wir sind gespannt, wann die erste Bewerbung reingeht. Aber egal ob divers, schwul oder lesbisch, das sollte nie zur Benachteiligung führen, und bis dahin ist es noch ein langer Weg – auch in Ochtrup.

 

Gibt es in Ochtrup Daten zu einer Gehaltsschere zwischen den Geschlechtern?

Mir sind leider keine bekannt. Aber jeder von uns sieht im Alltag die vielen Frauen, die in Minijobs tätig sind, um die Familie mit dem Beruf vereinbaren zu können. Viele Arbeitgeber wissen auch um die Not und haben leichtes Spiel, Frauen für Minijobs zu gewinnen. Und dann sind es wieder die Frauen, die im Alter oder als Alleinerziehende ganz schlecht abgesichert sind. Ich hoffe, die Firmen dafür sensibilisieren zu können.

Wie stehen Sie zum Thema Gendern?

Auch ein sehr sensibles Thema. Ich finde es wichtig, da es für mich ganz klar drei gleichberechtigte Geschlechter gibt. Die Schreibweise ist teilweise für das Lesen nicht immer passend, aber man kann einfach vieles anders formulieren. Ein bisschen Gehirnjogging ist es schon, gebe ich gerne zu.

 

Sie kümmern sich auch um das Kiwi-Café des Vereins „Miteinander“. Dieses ist aktuell zwar geschlossen, aber wir haben gehört, dass Sie zwei Familien betreuen. Wie sieht diese Arbeit konkret aus?

Immer wieder erstaunlich, wie gut der „Buschfunk“ in Ochtrup funktioniert. Mit dem Café komme ich mit den Frauen in Austausch über Sorgen und Nöte, aber auch über positive Themen. Außerdem nutze ich die Zeit, um die Frauen zu informieren, lade ReferentInnen ein zu Themen wie Früherkennungsuntersuchung, Zahnpflege oder Babymassage. Das Hauptaugenmerk liegt jedoch auf der Beziehung Eltern-Kind, auf Beschäftigungsmöglichkeiten für die Kleinsten und der Unterstützung einer positiven Entwicklung.

 

Welche Ziele – lang- und kurzfristig – haben Sie sich als Gleichstellungsbeauftragte in Ochtrup gesetzt?

Viele! Hoffentlich wissen nach und nach alle, dass es mich gibt und was ich mache. Wie durch dieses Interview, vielen Dank dafür. Ein kurzfristiges Ziel zum Beispiel ist das Kennenlernen meiner Kolleginnen und deren Anliegen. Ebenso ist die Verbreitung von nützlichen Informationen für Frauen der Stadt. Seniorinnen sollen mehr in den Fokus kommen. Und die Neugestaltung meiner Internetpräsenz, um Zugang zu Informationen zu ermöglichen. Mittelfristig ist mir der Aufbau von einem Netzwerk ein großes Anliegen. Wir haben viele gute Angebote in Ochtrup und ebenso viele engagierte Frauen. Auch der Gleichstellungsplan ist in Bearbeitung, da steht einiges an. Langfristig hoffe ich in Ochtrup etwas bewirken zu können.

 

Vor vielen Jahren gab es im ehemaligen DRK-Heim ein großes Frauenfrühstück mit Rahmenprogramm (Eine Kollegin erinnerte sich an diese Veranstaltung). Können Sie sich – nach Corona – solche Veranstaltungen künftig wieder für Ochtrup vorstellen?

Ich plane in der Tat schon etwas Ähnliches für die Zeit nach Corona. Aber mehr verrate ich noch nicht…

 

Seit wann gibt es in Och­trup eine Gleichstellungsbeauftragte?

Schon seit 1995 – nämlich mit dem Gesetz, dass alle Kommunen mit mehr als 10 000 Einwohnern hauptamtliche Gleichstellungsbeauftragte zu bestellen haben. Unsere erste Gleichstellungsbeauftragte Anne Rengers hat damals wahre Pionierarbeit geleistet und tolle Projekte ins Leben gerufen, von der viele bis heute profitieren, wie zum Beispiel die große Ausbildungsmesse „Berufe begreifen“, gemeinsam mit den weiterführenden Schulen.

Zum Schluss eine Gute-Fee-Frage: Eine gute Fee besucht Sie und eröffnet Ihnen, dass Sie einen Wunsch frei haben. Was würden Sie sich als Gleichstellungsbeauftragte der Stadt Ochtrup ganz konkret für die Stadt und ihre Bewohner wünschen?

Mehr Miteinander, weniger Nebeneinander.

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