Alltagshelden in Corona-Zeiten
Psychotherapie: Die Wartelisten werden länger

Steinfurt -

Die Psychotherapeutin Dagmar Petrusch-Siecaup steckte sich mutmaßlich bei einem Patienten mit dem Coronavirus an. Die Borghorsterin berichtet über Psychotherapie in Pandemie-Zeiten. 

Mittwoch, 17.03.2021, 08:30 Uhr aktualisiert: 17.03.2021, 09:59 Uhr
Therapteutin Dagmar-Petrusch-Siecaup
Die Corona-Pandemie ist vielfach Auslöser für Depressionen. „Müde sind alle von den Einschränkungen“, sagt Therapeutin Dagmar Petrusch-Siecaup. Foto: dpa

Dagmar Petrusch-Siecaup hatte das Coronavirus. Die Psychotherapeutin hat sich wahrscheinlich bei einem Patienten angesteckt. Doch nicht nur eine Infektion kann gefährlich sein – sondern auch die Corona-Maßnahmen wie der Lockdown oder die Kontaktbeschränkungen. Denn seit Beginn der Pandemie klagen immer mehr Menschen über psychische Probleme wie Angststörungen oder Depressionen und sorgen so für lange Wartelisten in den Praxen für Psychotherapie – auch bei Dagmar Petrusch-Siecaup.

Seit rund 27 Jahren ist die Steinfurt-Borghorsterin mit ihrer Praxis selbstständig. „Ich habe mich schon immer für das menschliche Verhalten und die menschliche Psyche interessiert“, sagt Petrusch-Siecaup, die sich nie wirklich einen anderen Job vorstellen konnte. Bis zu zehn Patienten hat sie am Tag, zwischen 32 und 36 Stunden ist sie in der Woche in Gesprächen mit ihnen.

Lange Warteliste

Und es könnte mehr sein. Viel mehr. Denn die Warteliste, die die Psychotherapeutin führt, ist lang. „Das ist aber an sich kein Gütesiegel, denn fast jeder Psychotherapeut oder jede Psychotherapeutin bekommt sehr viele Anfragen.“ Fünf, sechs Monate dauerte es bei Dagmar Petrusch-Siecaup, bis neue Patienten einen Termin bekommen haben – vor Beginn der Corona-Pandemie. Inzwischen kann es bis zu einem Jahr dauern.

Der Bedarf an Psychotherapie steigt seit Jahrzehnten kontinuierlich an. „Der Druck in der Arbeitswelt und der Anspruch der Menschen an sich selbst nimmt zu“, nennt die Borghorsterin Gründe dafür. Außerdem würden sich immer mehr Menschen öffnen und sich Hilfe suchen. „Ein gutes Zeichen, das Thema Psychotherapie wird weiter enttabuisiert“, sagt Petrusch-Siecaup. Doch noch sei es ein weiter Weg, bis das Thema ohne Vorurteile daherkomme. „Die Anzahl der männlichen Patienten zum Beispiel nimmt zwar zu, doch noch immer kommen mehr Frauen in die Therapie.“ Denn besonders Männer hätten immer noch Angst, als schwach abgestempelt zu werden, wenn sie fremde Hilfe in Anspruch nehmen. „Wenn die Patienten erst einmal den Weg zur Psychotherapie gefunden haben, ist das ein wichtiger Schritt“, meint Petrusch-Siecaup, die hinzufügt: „Ich bin unvoreingenommen und die Schweigepflicht ist uns Psychotherapeuten heilig.“

Zum Thema

Die Wartelisten der Psychotherapeuten und -therapeutinnen im Münsterland sind lang. Und das obwohl die Kreise in der Region laut Kassenärztliche Vereinigung Westfalen-Lippe (KVWL) sogar als „überversorgt“ gelten. Das heißt: Es gibt mehr Therapeuten als Bedarf vom Gemeinsamen Bundesausschuss (Selbstverwaltung von Ärzten, Psychotherapeuten, Krankenhäusern und Krankenkassen) festgelegt ist. So ist es auch nicht vorgesehen, dass neue Psychotherapeuten zugelassen werden. Der Bedarf sei 2019/20 schon angepasst worden, heißt es von KVWL. Jedem neuen Patienten verspricht die KVWL aber zumindest ein Erstgespräch bei einem Therapeuten innerhalb von vier Wochen. Die Terminservicestelle der KVWL ist telefonisch unter der 116117 erreichbar. Im Münsterland hilft auch das Psychotherapeutennetzwerk (PTN) bei der Terminvermittlung und dient als erster Ansprechpartner (0251-9742771) in Therapie-Fragen.

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Videosprechstunde als Ersatz

Seit Beginn der Corona-Krise bietet sie auch Videosprechstunden an. „Ein wunderbarer Ersatz“, meint die Psychotherapeutin, die die meisten Patienten aber noch persönlich in ihrer Praxis begrüßt – unter Einhaltung der Hygieneregeln. Aber trotz Lüften, Maske beim Betreten der Praxis und großem Abstand beim Gespräch hat sich Dagmar Petrusch-Siecaup im November – mutmaßlich bei einem Patienten – mit dem Coronavirus angesteckt. „Ich hatte Fieber, Gliederschmerzen und Geschmacksirritationen.“

Zwei Wochen verbrachte sie in Quarantäne, musste alle Termine absagen. „Ich war aber auch danach noch mehrere Wochen viel erschöpfter als sonst“, sagt sie. Mit ihren Patienten hat sie offen über ihre Infektion gesprochen, ohnehin bestimmt Corona die meisten der Gespräche. Denn viele Patienten leiden aufgrund des Lockdowns an Existenz- und Zukunftsängsten, andere fühlen sich einsam oder überlastet. „Müde sind alle von den Einschränkungen“, sagt Petrusch-Siecaup, die sich selbst nicht ausnimmt: „Es ist anstrengend viele Anrufer mit der Warteliste zu vertrösten und aktuell alles hintereinander zu bekommen.“

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