Protest gegen Entscheidung des Vatikans
Bischof Genn: „Homosexuelle annehmen“

Münsterland -

Nach tagelangen Protesten von Priestern und Gläubigen im Münsterland hat Bischof Felix Genn auf das vatikanische „Nein“ zur Segnung homosexueller Paare reagiert. Auf Anfrage unserer Zeitung erklärte ein Sprecher des Bistums: „Bischof Felix Genn ist es wichtig, dass homosexuelle Menschen angenommen und begleitet werden.“

Montag, 22.03.2021, 20:00 Uhr
Vor der Kirche in Warendorf hängt eine Regenbogenfahne, die Unbekannte später entfernt haben.
Vor der Kirche in Warendorf hängt eine Regenbogenfahne, die Unbekannte später entfernt haben. Foto: Jonas Wiening

Er halte es für notwendig, „die Lehre der Kirche im Dialog mit der Lebenswirklichkeit der Menschen und den Einsichten der Humanwissenschaften weiter zu entwickeln.“ Das geschehe derzeit in Deutschland beim „Synodalen Weg“. Der Bischof werde im Bistum Münster zu diesen Fragen das Gespräch mit den diözesanen Räten führen. Für Bischof Genn gelte das, was Papst Franziskus sagt: „Begleiten, unterscheiden, integrieren.“

Nach Aussage des Sprechers werde es im Bistum Münster keine Konsequenzen oder Sanktionen gegen Priester geben, „die sich so verhalten, wie sie es aufgrund ihres seelsorglichen Auftrags und ihres Gewissens im Dienst an den Menschen für richtig halten.“

Aufruf zum „pastoralem Ungehorsam“

Zuvor hatte das Diözesankomitee der Katholiken im Bistum Münster, das die Laien vertritt, zum „pastoralem Ungehorsam“ aufgerufen. Die Ablehnung von Segensfeiern für gleichgeschlechtlich Liebende sei ein fundamentaler Widerspruch zur Botschaft Jesu, meint die Vorsitzende Kerstin Stegemann. Und: „Eine Partnerschaft, die von Liebe und Verantwortung getragen ist, steht unter dem Segen Gottes.“ Daher könne die Kirche Menschen nicht den Segen Gottes verweigern.

Gleichzeitig hat sich eine ganze Reihe von Priestern kritisch und verärgert über das Segensverbot geäußert. So postete Thorsten Brüggemann, Pfarrer von St. Agatha Epe: „Wer ehrlich um einen Segen bittet, also um ein Zeichen der Nähe Gottes (…), der sollte ihn auch bekommen“. Die sogenannten Benediktionale enthalte liturgische Texte für 99 Segnungen etwa von Wohnhäusern, Fahrzeugen und Orgeln. Er hätte sich eine 100. gewünscht.

Siegfried Kleymann, Pfarrer der Heilig-Kreuz-Gemeinde in Münster schreibt: „Liebe ist ein Segen – für die Liebenden und für jene, die gemeinsam mit ihnen leben. Ich bin dankbar für den Segen, der von der Vielfalt der Menschen und ihrer Liebesgeschichten ausgeht.“ Es sei gut, dass in seiner Gemeinde der Segen gleichgeschlechtlicher Partnerschaften erfahrbar ist.

Pfarrer sieht „Würde des Menschen verletzt“

Der streitlustige Buchautor und Ahauser Pfarrer Stefan Jürgens meint zu der Entscheidung aus Rom: „Pastoraler Ungehorsam der Institution gegenüber ist vorauseilender Gehorsam dem Evangelium gegenüber!“ Die Entscheidung habe mit der „versteckten oder verdrängten Homosexualität eines bedeutenden Anteils des katholischen Klerus“ zu tun, der sich gerade im Vatikan nach außen konservativ und homophob gebe, „um selbst nicht verdächtigt zu werden.

Der leitende Pfarrer von St. Nikodemus, Jochen Reidegeld in Steinfurt, ist nach eigenen Worten müde, immer wieder „gegen Sichtweisen in der Kirche zu kämpfen, die wir in Liebe längst überwunden haben sollten“. Aber er könne sich nicht an anderer Stelle für die Würde jedes Menschen einsetzen und an dieser Stelle schweigen. „Die Würde des Menschen ist das wichtigste, und die sehe ich an dieser Stelle verletzt“, sagt er.

Die Kirche sei nicht in der Position, die sexuelle Orientierung von Menschen zu beurteilen und zu verurteilen. „Ich bin Christ und Bürger einer freiheitlich-demokratischen Ordnung, die sich der Würde jedes Menschen verpflichtet weiß.“ Sorge vor disziplinarische Folgen hat der Pfarrer nicht. Kritik sei die höchste Form der Loyalität. Zum anderen habe er das Bistum bislang immer als eine Institution kennengelernt, die mit konträren Meinungen sehr offen umgegangen sei.

„Entsetzt und verärgert“ über die Kirche

Norbert Caßens sagt: „Es ist die Stunde der Wahrheit.“ Der Pfarrdechant aus Nottuln ist „entsetzt und verärgert“ über seine Kirche. Er sei es leid, in der Öffentlichkeit eine Kirche vertreten zu müssen, die sich in einer solchen Weise äußert.“ Er habe es satt, sich „unsere seelsorgerischen Bemühungen des pastoralen Teams und unserer Gremien kaputt machen zu lassen.“

Und der Warendorfer Pfarrer Peter Lenfers nennt die Entscheidung aus Rom ein „Störfeuer“. „Als wären wir im Mittelalter“, meint der Geistliche, der jederzeit homosexuelle Paare segnen würde. Das neue Dekret würde die Spaltung der Kirche weiter verstärken. Immer wieder müsse er sich für Aussagen aus Rom rechtfertigen. „Es wirkt, als seien wir Ewiggestrige.“ Dabei sei der Ton in den Gemeinden ein anderer. „Die Kirche sind wir.“

In Warendorf wurden wie in vielen anderen Kirchengemeinden im Münsterland Regenbogenfahnen aufgehängt. Die sind allerdings von Unbekannten entfernt worden.

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