Wolfgang Böcker und der Schöppinger Altar
Wimmelbild mit Osterwunder

Sechs Meter Eichenholz voller Geheimnisse: Wolfgang Böcker hat viele von ihnen in den vergangenen Jahrzehnten gelüftet. Denn niemand kennt den mittelalterlichen Schöppinger Altar mit seinen Passionsdarstellungen besser als der emeritierte Pfarrer. Und doch: Alle Fragen sind noch nicht beantwortet.

Samstag, 03.04.2021, 17:09 Uhr aktualisiert: 04.04.2021, 11:36 Uhr
Wolfgang Böcker und der Schöppinger Altar: Wimmelbild mit Osterwunder
Die Stationen der Passion in mittelalterlicher Pracht: Um 1455 hat der namenlose Meister den Flügelaltar geschaffen, der allenfalls für Restaurationen oder Ausstellungen seinen Platz verlassen hat. Foto: Gunnar A. Pier

Wolfgang Böcker braucht einen Moment zum Nachdenken. Er lächelt schelmisch, ist kurz sprachlos. Was er den Meister fragen würde, könnte er ihn heute treffen? Sein Blick geht in die Ferne, durch den Chorraum und direkt auf den monumentalen Altar, der seit Lichtmess auf knapp sechs Metern Breite den „Osterfestkreis“ zeigt. „Ich würde ihn fragen, ob er das, was ich im Altarbild an Verkündigungen lese, auch so gemeint hat“, formuliert er vorsichtig.

Ich habe noch jedes Jahr etwas Neues entdeckt.

Wolfgang Böcker

Dabei weiß er so viel über den Schöppinger Altar in der Pfarrkirche St. Brictius, der zu den bedeutendsten Werken der mittelalterlichen Sakralkunst in Westfalen gehört. Vieles, weil ihn das Werk aus bemaltem Eichenholz seit seiner Erstkommunion begleitet. Anderes, weil sich sein Blick auf das Retabel mit den Jahrzehnten, in denen er zuvor als Pfarrer tätig war, entwickelt hat. „Ich habe noch jedes Jahr etwas Neues entdeckt.“

Mit dem Blick des Theologen

Unzählige Figuren, die in Gruppen in die Szenerie gesetzt sind. Architekturelemente, die das Geschehen rahmen. Der Gekreuzigte im Zentrum, der Himmel und Erde verbindet. Vollständig ausgeklappt gibt der Altar die Ereignisse der Karwoche wieder – vom Einzug Jesu nach Jerusalem bis zur Auferstehung – und zusätzlich Himmelfahrt und Pfingsten. Zur Weihnachtszeit sind die beiden Flügel geschlossen. Sichtbar ist dann, was die Bibel über Advent und Weihnachten berichtet.

Ein Altar als Wimmelbild

Der Schöppinger Altar ist wie ein Wimmelbild, das viele Geschichten gleichzeitig erzählt. Sie zu erfassen, braucht Konzentration, Zeit und jemanden, er sie erklären kann. Jemanden wie Wolfgang Böcker, denn „das ist nicht nur eine abgemalte Bibel“. Er sieht die Szenen mit den Augen des Theologen. „Der Altar ist eine gemalte Predigt.“ Eine, die der 84-Jährige gern und mit Leidenschaft vorträgt, wenn er Besucher durch die gotische Hallenkirche führt.

Der Altar ist eine gemalte Predigt.

Wolfgang Böcker

Mit einem verschmitzten Lachen erinnert er sich an eine Exkursion Düsseldorfer Studierender: Böcker schloss sich der Gruppe an, hörte, wie der Dozent den Altar erklärte. Wieder war es passiert: Die Kunsthistoriker registrierten nur, was sie sahen und mit ihrer Wissenschaft analysieren konnten. Der Altar hatte den inzwischen emeritierten Pfarrer gelehrt, aus der Perspektive des Theologen auf die himmlischen Heerscharen, irdischen Personen und wundersamen Vorgänge zu blicken und tiefer zu schauen, sie mit seinem großen Wissen über die Bibel, Erzählungen der Kirchenväter, aber auch Kirchenhistorie und Regionalgeschichte zu verknüpfen.

„Die Kunstgeschichte braucht die Theologie – und umgekehrt“, ist Böckers feste Auffassung. Viele Gespräche mit Kunsthistorikern bestätigen ihm, dass seine Erklärungen dem entsprechen könnten, was der Meister des Altars um 1455 wirklich mit seinem Konzept ausdrücken wollte.

Bilder voller Symbolik

Und das war viel. Die Tafeln quellen über vor Anspielungen, Andeutungen und Verwandtschaften, Dramatik und Interaktion. Denn der Meister von Schöppingen, der auch als Maler der Altäre von Billerbeck und Soest gilt, muss viel herumgekommen sein. So war es bestimmt kein Zufall, dass er im offenbar wohlhabenden Schöppingen den Auftrag erhielt, für den Neubau der St.-Brictius-Pfarrkirche – der romanische Vorgänger war abgebrannt – einen Altar zu schaffen.

Die Kunstgeschichte braucht die Theologie – und umgekehrt.

Wolfgang Böcker

An der Handelsroute zwischen Münster und den Niederlanden versperrte in der Kirche kein Lettner, also keine Chorschranke, den Blick auf das große Werk. Der Altar gehe auf keinen aristokratischen Auftrag zurück, sondern habe sich direkt an die Gläubigen gewandt, erklärt Wolfgang Böcker. Und sie müssen gestaunt haben um das Jahr 1455, als der Altar enthüllt wurde: prächtige Gewänder, ein golden schimmernder Himmel, Gesichter voller Ausdruck – vom Leiden über das Staunen bis zum Lieben. Aber was haben sie in ihm noch gesehen?

Rätsel über Rätsel

Einige Frauenfiguren in den Bildern beispielsweise stellen Wolfgang Böcker immer wieder vor eine Frage: Warum hat der Meister Maria in der Pfingstszene offenkundig dasselbe Gesicht gegeben wie Maria Magdalena, als sie Jesus nach seiner Auferstehung begegnet, und Eva, wie sie aus der Hölle befreit wird? Böckers weites Wissen lässt ihn vermuten, dass die menschlichen Züge der Frauen verbindendes Element sein könnten und der Maler sie als Symbole der neuen Kirche eingesetzt hat.

Als Wolfgang Böcker in der ersten Bank des Mittelschiffs sitzt – gut zehn Meter entfernt vom Altar – kommt ihm noch so ein Rätsel in den Sinn: Ein Reiterzug erstreckt sich nahezu über die gesamte mittlere Tafel, schiebt sich energisch von rechts nach links und gegen die Leserichtung hinter das Kreuz auf dem Kalvarienberg. „Warum nur?“, fragt er sich. Wollte der Meister die Energie des Bösen ausdrücken, die der Tod am Kreuz überwindet?

Das Geheimnis der Ente

Böcker wagt es, das Bildprogramm aus theologischer Sicht zu interpretieren. Schon oft haben die Szenen ihn zu Predigten inspiriert. Wenn allerdings die Kleinsten den Altar entdecken, ist er von ihrem unbefangenen Blick auf die Eichenplanken fasziniert: „Die Kinder? Sie entdecken immer als erstes die Ente auf dem Wasser“, erzählt er und deutet auf die linke untere Ecke des Mittelteils. Ausgerechnet. „Dafür habe ich aber immer noch keine Bedeutung gefunden“, spielt der Pfarrer Verärgerung. „Das ist für mich noch ein weißer Fleck.“ Aber er kann mit den offenen Fragen leben. Vielleicht entdeckt er die Antwort irgendwann im Bild selbst.

Wolfgang Böcker hat die Monografie „Eine gemalte Predigt“ über den Altar geschrieben, sie ist im Dialog-Verlag erschienen.

„Eine gemalte Predigt“ nennt der emeritierte Pfarrer Wolfgang Böcker den Schöppinger Altar. Das monumentale mittelalterliche Werk steckt voller Geschichten und Geheimnisse über die Passionszeit. Er kennt sie alle. Fast alle.

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