„Nicht bei Kilometer 37 aufgeben“
Ärzte fordern zum Durchhalten auf

Münster -

Die Rufe nach Lockerungen werden immer lauter. Trotzdem haben sich drei prominente Mediziner aus Westfalen zusammengeschlossen, um vor zu viel Ungeduld zu warnen – und neue Vorschläge gemacht, wie mit 16- bis 30-Jährigen umgegangen werden soll.

Montag, 03.05.2021, 19:22 Uhr aktualisiert: 03.05.2021, 19:41 Uhr
Stephan Ludwig
Stephan Ludwig Foto: UKM

Während in der City von Venlo die Menschen wieder Bier oder „een kopje koffie“ trinken, kann das Krankenhaus dort wegen Überlastung keine Patienten mehr aufnehmen. Das Verständnis von Dr. Hans-Albert Gehle, Präsident der Ärztekammer Westfalen-Lippe (ÄKWL), ist – gelinde gesagt – überschaubar. Solange Impfstoff knapp bleibe, sei es „eine Frage der Solidarität, erst einen hohen Grad der Durchimpfung abzuwarten und bis dahin die Pandemie gemeinsam durchzustehen“, sagte er am Montag vor Journalisten. Er fürchtet, dass die Diskussion um die Rückgabe von Grundrechten „die Menschen unachtsam“ macht.

In der Debatte um Erleichterungen für Geimpfte sagt UKM-Virologe Professor Stephan Ludwig zur aktuellen Situation: „Beim Marathon bleibt auch kein Läufer bei Kilometer 37 am Straßenrand sitzen. Wir müssen sehen, dass wir die letzte harte Anstrengung auf uns nehmen, damit wir ins Ziel kommen“. Der Leiter des Instituts für Virologie am UKM fürchtet: „Je mehr wir jetzt lockern, desto länger werden wir mit dem Problem zu tun haben.“ Zurzeit liegt die Quote der Geimpften bei etwa acht Prozent. Der Virologe warnt wegen der „sehr hohen Infektionszahlen“ vor Impfdurchbrüchen und Virusmutanten, gegen die der Impfstoff nicht mehr wirksam sei. Er rät angesichts der zu erwartenden Impfstoff-Lieferungen dazu, vorhandene Impfdosen nicht länger für eine Zweitimpfung zurückzustellen, sondern sofort zu verimpfen.

Die Lockerungen in den Niederlanden trotz Inzidenzwerten von 320 bezeichnet der UKM-Chef Hugo Van Aken als „große Gefahr“. Ausflügler aus Deutschland könnten sich schnell anstecken und Infektionen mit nach NRW bringen. „Da haben wir Angst vor“, sagte Van Aken. „Wir haben so viel erreicht, lasst uns das nicht in zwei oder drei Wochen kaputt machen.“ Er empfiehlt zudem, mobile Impfteams in Stadtteile zu schicken, in denen Menschen auf engem Raum leben müssten und die Inzidenzwerte häufig deutlich höher seien als in anderen Vierteln.

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