Kampf dem Dorfsterben
Wie Tante-Emma-Läden das Landleben wieder attraktiver machen sollen

„Schapdetten ist ein sterbendes Dorf“, sagt einer, der es wissen muss. Hugo Sandmann lebt seit 35 Jahren in dem Nottulner Ortsteil. Früher gab es hier zwei Lebensmittelgeschäfte und eine Metzgerei. Heute versorgt nur noch eine Bäckerei den 1300-Seelen-Ort. Ein Dorfladen soll Abhilfe schaffen.

Sonntag, 22.12.2013, 17:10 Uhr aktualisiert: 22.12.2013, 17:59 Uhr

Das einzige, was im Schapdettener Bäckerladen brummt, ist der halbleere Kühlschrank. Gegen 11 Uhr vormittags baumeln Mettendchen in der Filiale an der Roxeler Straße 10 zwischen einem Brotregal und ein paar Packen Zigaretten von Metallhaken.

Ein Gast trinkt einen Kaffee am einzigen Plastikstehtisch. Hinter ihm ein eierschalenfarbenes Metallregal mit fünf Packungen Prinzenrolle, sechs Kartons Caprisonne, vier Senfgläsern, ein paar Getränkekisten und noch ein paar anderen Lebensmitteln. Verkäuferin Anja Sieland schiebt die verbleibenden Brötchen hinter ihrer gläsernen Verkaufstheke von einem Blech auf ein anderes. Das Hauptgeschäft ist um die Zeit gelaufen. In anderthalb Stunden wird sie den Laden schließen. Wer danach noch Lebensmittel im Ort kaufen will, muss fünf Kilometer weiter nach Nottuln oder Appelhülsen fahren, wo es eine Handvoll Supermärkte gibt.

„Schapdetten ist ein sterbendes Dorf“, sagt Hugo Sandmann. Als der 75-jährige Rentner vor 35 Jahren in dem Nottulner Ortsteil baute, gab es einen Arzt, eine Post, drei Gaststätten, zwei Lebensmittelgeschäfte und eine Metzgerei. Das Örtchen am Fuße der Baumberge mit seinen alten westfälischen Bauernhöfen und der jahrhundertealten Pfarrkirche St. Bonifatius hatte alles, was der naturverbundene Familienvater sich wünschte.

Heute gibt es in dem 1300-Seelen-Dorf nur noch das Hotel und Restaurant „Zur Alten Post“ und eben diesen Bäcker, den die Großbäckerei Fröndhoff nur noch aus Verbundenheit zu ihrem Heimatdorf Schapdetten aufrechterhält, obwohl er sich nicht rentiert. Auch nimmt der demografische Wandel seinen Lauf. Von 2004 bis 2012 hat sich beispielsweise die Zahl der Kinder an der St. Bonifatius-Grundschule von 105 auf 50 halbiert.

Damit aber wollen sich die Schapdettener nicht weiter abfinden. Sie bauen derzeit einen Dorfladen auf, wie es ihn schon seit drei Jahren in Ochtrup-Welbergen gibt.

Dort geht unterdessen beinah pausenlos die Türglocke. „Moin Tina“, ruft es Katharina Münstermann beim Betreten des einzigen Nahversorgers in dem bei Fahrradtouristen beliebten Vechtedorf entgegen. Bei Verkäuferin Sophia Ewering, die fast jeden Kunden hier beim Vornamen kennt, kauft die 79-Jährige frischen Aufschnitt. Dann legt sie frisches Bäckerbrot sowie Lebkuchen, ein Grablicht, zwei kleine Sektflaschen und eine Zeitschrift in den Einkaufswagen. In der Konservenecke trifft sie auf Dorfbewohnerin Maria Katerkamp und tauscht sich aus. „Ulla hat auch noch Unterhaltung gefunden“, stellt ihr Mann Alvis von der Wursttheke aus fest. „Hast du noch einen Wunsch, Alvis?“, fragt ihn Verkäuferin Sophia Ewering im hellgrünen Poloshirt, das hier alle tragen. Ja, Schinkenspeck.

An der einzigen Kasse staut es sich inzwischen. Die Wartezeit überbrücken die Kunden mit einem Gespräch. Der Dorfladen bietet genau das, was sich die Bürger des 1200-Seelen-Stadtteils bei dessen Eröffnung im Dezember 2010 erhofften: dass nicht nur der einzige Nahversorger erhalten bleibt, sondern dieser auch als sozialer Treffpunkt fungiert.

An Begegnungen mangelt es hier nicht. Allein zwischen Ladenöffnung um 6.30 Uhr und 11 Uhr an diesem Freitagvormittag kommen 110 Kunden in „Unserem Laden“ an der Dorfstraße 5. Insgesamt kaufen hier täglich 250 bis 300 Welbergener ein.

„Das Dorf wäre tot gewesen“, sagt Marktleiterin Rosemarie Sandmann. Mit dem Erhalt eines Dorfmittelpunktes ist das Wir-Gefühl unter den Bürgern noch einmal gewachsen, findet die gebürtige Welbergenerin, die auch der Katholischen Frauengemeinschaft in Welbergen vorsitzt und Mitglied des Frauenstammtisches ist.

Doch auch vorher gab es eine starke Gemeinschaft. Das ist Voraussetzung für einen auf Dauer funktionierenden Dorfladen. „Man muss den Grundimpuls im Dorf finden“, sagt Dr. Frank Bröckling, Diplom-Geograf und Leiter von Planinvent, einem Büro für räumliche Planung in Münster. Eine besonders nachhaltige Rechtsform stellt für derartige Projekte die Genossenschaft dar, denn hier sind die Mitglieder zugleich Eigentümer und Kunden. Die Dorfbewohner kaufen Anteile an der Firma. Kundenbindung ist somit automatisch gegeben.

Erstes Zeichen dafür, dass der Dorfladen in Welbergen auf gesunden Füßen stehen würde, war der rasende Absatz der Genossenschaftsanteile. Innerhalb von vier Tagen nach Vorstellung der Pläne bei der Stadt im März 2010 erbrachten die Bürger das Mindestkapital von 120 000 Euro. Bis heute verkaufen sich die Anteile in Höhe von 250 Euro und werden zum Beispiel zu Weihnachten verschenkt, berichtet Rosemarie Sandmann.

Als klar war, dass die Genossenschaft das Gebäude von den Eigentümern und langjährigen Betreibern des einzigen Tante-Emma-Ladens im Dorf abkaufen kann, stand weiteres Engagement auf dem Plan. Fünf Wochen lang versetzten zwischen 40 und 50 freiwillige Helfer Wände, bauten Türen und eine neue Heizungsanlage ein, erneuerten die Elektrik, errichteten Regale, einen Kühlraum sowie Büromöbel.

An die Eröffnung selbst kann sich Rosemarie Sandmann kaum noch erinnern, so viel Trubel und Aufregung herrschte damals. Umso mehr genoss die gelernte Einzelhandelskauffrau für Elektrogeräte kürzlich die Eröffnung des Dorfladens in Horstmar-Leer im Oktober dieses Jahres. Zwei Tage lang half sie dort in der Anfangsphase an der Kasse aus. Immer wieder wird der 120 Quadratmeter große Laden in Welbergen als Modell für andere Dörfer herangezogen. Es ist alles besser gekommen, als Rosemarie Sandmann gedacht hätte. Die Kunden nehmen den Laden an, welcher mit Discounter-Ware, einer Eigenmarke und Markenprodukten drei Preisschienen bedient sowie Getränke, Blumen, Briefmarken, Schreibwaren und Geschenkartikel anbietet. Die meisten von ihnen besitzen Anteile, so auch Katharina Münstermann. „Eigentlich komme ich hier täglich einkaufen“, so die 79-jährige Welbergenerin.

Das ist gar nicht nötig, damit der Dorfladen in Schapdetten läuft. Ein Gutachten ergab, dass die Schapdettener nur ein Drittel ihres Haushaltsbudgets im „Dettener Dorfladen“ ausgeben müssen, rund 100 Euro im Monat.

Dass das funktionieren kann, daran hat Hugo Sandmann, der mit Rosemarie Sandmann im Übrigen nicht verwandt ist, keinen Zweifel. 50 Anteile mehr als nötig waren, sind gezeichnet, der Umbau läuft, Verträge mit Lieferanten sind geschlossen. „Es läuft alles sehr positiv an.“

Nachrichten-Ticker