Das neunte Jazzfest 1997
Zurück zu den Wurzeln des Jazz

Gronau -

Die neunte Auflage des Jazzfests Gronau fand vom 24. bis 27. April 1997 statt.

Dienstag, 04.05.2021, 16:52 Uhr
Les Haricots Rouges bei ihrem umjubelten Auftritt im Jazzzelt.
Les Haricots Rouges bei ihrem umjubelten Auftritt im Jazzzelt. Foto: AK Jazzfest

 

Der Gospel gehört eindeutig zu den Wurzeln des Jazz. Welche Wucht dieses Genre entfalten kann, erfuhren die Mitglieder des Gronauer Gospelchors Soulful Swinging Singers bei einer Reise nach New Orleans im Vorfeld des achten Jazzfests. Der Austausch zwischen dem jungen Gronauer Chor und den Freunden in Marrero trug Früchte.

Vom Spirit des Gospel angsteckt

Der damalige Kantor der Ev. Kirchengemeinde Gronau, Ulrich Hirtzbruch, hatte die Leitung bei den Soulful Swinging Singers übernommen. Eigentlich war er musikalisch ganz anders sozialisiert. Doch auch er ließ sich von dem „Spirit“ dieser Musik anstecken. Spätestens, als er mit dem Chor im Rahmen des Austauschprogramms Louisiana besuchte. Gemeinsam mit Jugendlichen aus Marrero, einem Stadtteil von New Orleans, wurden neue Stücke einstudiert. Wobei sich herausstellte, dass Gospel nicht nur aus traditionellen Songs besteht – sondern ein höchst lebendiges Genre ist. Eine Reisegruppe aus Gronau – vor allem Sponsoren und Freunde des Jazzfests – war Zeuge einer regelrechten „Gospel-Explosion“.

Beseelt von diesem Geist kam der Gronauer Chor zurück und gestalteten das Abschlusskonzert des Jazzfests in der Stadtkirche mit.

American Songbook

Doch schon in den Tagen zuvor erleben die Jazzfreunde erneut weitere hochklassige Musikerinnen und Musiker – und das in einem ansprechenderen Ambiente: Wegen der doch teils unzureichenden Gegebenheiten im Jazzzelt waren einige Konzerte in die Aula des Gymnasiums verlegt worden. Das der großartigen US-Sängerin Betty Carter zum Beispiel, die Stücken aus dem „American Songbook“ eine persönliche Note verlieh und dabei mit ihrem Trio Bruce Flowers (Piano) Curts Lundy (Bass) und Ralph Peterson (Drums) kontinuierlich kommunizierte und eine enorme Energie ausstrahlte. Die erste Sahne des deutschen Jazz gab sich ebenfalls ein Stelldichein: Unter dem Namen „Old Friends“ musizierten der Klangzauberer an der Posaune, Albert Mangelsdorff, Saxofonist Klaus Doldinger, Keyboarder Wolfgang Dauner, Trompeter Manfred Schoof und die (nicht ganz so „alten Freunde“) Dieter Ilg am Bass und Wolfgang Haffner am Schlagzeug zusammen. Was für ein Auftritt! Da manifestierten sich die musikalischen Werte des Jazz. Im Dick de Graaf/Tony Lakatos-Projekt präsentierten die beiden Saxofonisten ihren unterschiedliche Klangprägungen. Die „Aces of Swing“ hatten beim Auftaktkonzert die 30er- und 40er-Jahre – die Hochzeit des Swing-Stils – aufleben lassen. Dieses Konzert fand im Studio der „Brücke“ statt.

Funky Konzert mit Orgel-Auger

War die konzentrierte Atmosphäre in der Aula und dem Studio diesen Konzerterlebnissen zuträglich, herrschte im Jazzzelt bei den Auftritten des funky auftretenden Organisten Brian Auger mit dem fetten Sound seiner Hammond-Orgel und vor allem des amerikanischen Blues-Gitarristen Lucky Peterson eine ausgelassenere Stimmung. Der gut gelaunte Peterson entfesselte mit seinem bickelharten Gitarrensound und mit seinem Ausritt ins Publikum Begeisterungsstürme.

Am Freitagabend (mit sage und schreibe 23 Bands in Kneipen und auf der Straße) und am Samstag hing erneut eine große Klangglocke über der Innenstadt. Wobei es auch einen Missklang gab: Der in der City parallel zu den Bandauftritten stattfindende Trödelmarkt erwies sich als Fehlgriff: Marktschreier passten nicht zum musikalischen Umfeld. Beim Frühschoppen im Zelt war‘s wieder rappelvoll.

Das Publikum erlebte an diesen Tagen Captain Jazz, den holländischen Vibrafonisten Frits Landesbergen, der zeitweise Unterstützung durch die Sängerin Madelaine Bell erhielt, und die unermüdlichen Big Bill und Sarah Bissonette, die drei Tage im Dauereinsatz waren.

Humor mit den „Roten Bohnen“

Für Top-Unterhaltung sorgten auch die französischen Musikclowns „Les Haricots Rouges“. Die „Roten Bohnen“ zogen Jazz-Koryphäen durch den Kakao und machten auch sonst allerlei musikalische Späße.

Und zum Abschluss des Festes gab es dann das Gospel-Konzert mit den Gronauer Singers und der Gruppe One-a-Chord, bei dem die Aktiven auf einer Welle der Sympathie getragen wurden und das Publikum eine Zugabe nach der anderen erklatschte.

Al Johnson, einer der Motoren des Austauschprogramms, wurde mit dem Stadtteller und einer Urkunde geehrt. Ein würdiger Abschluss des achten Jazzfests.

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