Das fünfte Jazzfest
Saxofon-Giganten und britischer Klamauk

Gronau -

In einer Serie blicken die WN auf die Geschichte des Jazzfests Gronau zurück. Die fünfte Auflage fand vom 24. April bis 2. Mai 1993 statt.

Dienstag, 04.05.2021, 16:52 Uhr
Blick ins Jazzzelt während des Frühschoppens.
Blick ins Jazzzelt während des Frühschoppens. Foto: Klaus Wiedau (2), Martin Borck, privat

 

Alles in Butter beim fünften Jazzfest Gronau? Butter nicht – aber eine andere, weniger appetitliche Art von Fett sorgte hinter den Kulissen des Festivals dafür, dass wieder einmal die Improvisationsregister gezogen werden mussten: Eine im Jazzzelt aufgebaute Heizung versprühte Ölpartikel und sorgte für schmutzige Wäsche.

Aus Sicherheitsgründen mussten die liebevoll gestalteten Holzwände im Besucherraum entfernt bzw. mit einer feuerhemmenden Flüssigkeit versehen werden. Das Publikum bekam davon nichts mit. Es war schließlich da, um sich unterhalten und inspirieren zu lassen.

Das Saxofon stand im Mittelpunkt einer der Galas mit modernem Jazz. Deren Titel lautet nicht von ungefähr „Sax no End“. Der Kölner Tenorsaxofonist Gerd Dudek, einstmals Mitglied des Kurt-Edelhagen-Orchesters war dabei, außerdem das World Saxofon Quartett: David Murray, Arthur Blythe, Oliver Lake und Hamlet Bluiett waren auf ihrer Tournee ganz umweltbewusst mit dem Zug unterwegs und wurden am Gronauer Bahnhof von Mitgliedern des Arbeitskreises Jazz willkommen geheißen.

Der große amerikanische Musiker Archie Shepp, der „Grandseigneur des Balladentons“, wie er in den WN in der Konzertnachschau genannt wird, gastierte ebenfalls und brachte den ebenso großartigen Pianisten Horace Parlan mit. Für seinen Aufenthalt in Gronau hatte sich Shepp „Hausaufgaben“ mitgebracht: Der Musiker hatte an einer Uni in den USA einen Lehrauftrag für die Musik der schwarzen Bevölkerung – und musste noch einige Semesterarbeiten seiner Studenten durchsehen . . .

Die Saxofon-Gala vermittelte, welche Spannbreite bei der Entfaltung von Klangstrukturen für dieses Instrument möglich ist.

Dass das Festival seinen Schwerpunkt auf dem Jazz hat, bedeutet nicht, dass angrenzende Musikgenres bäh sind. Bei der zweiten Jazzgala brachten Salsa-Rhythmen das Publikum in Stimmung. Die kubanische Band Irakere suchte den Kontakt zum Publikum und veranstaltete eine Polonaise durchs Festzelt – mit ihren Perkussionsinstrumenten, von denen sie eine wahrlich große Auswahl mitgebracht hatte.

Die „Stammgäste“ Oscar Klein (Trompete) und Charly Antolini (Schlagzeug) genossen ebenfalls die Jazzfest-Atmosphäre.

Die Kneipennacht am Jazzfest-Freitag ging quasi nahtlos mit einem Frühschoppen am Maifeiertag weiter. Beim Konzert der Cosa Nostra Band stieg kurzerhand ein damals 13-Jähriger Klarinettist ein: Sidney Pfnür – der übrigens heute professionell Musik macht.

Die Gruppe Jump‘n‘Jive sorgte beim Frühschoppen dafür, dass fast das Zeltdach weggeweht wurde. „Very british“ dann die Samstagabend-Gala mit der Chris Barber Band und den „Monty Pythons der Musik“: Bob Kerr‘s Whoopee Band. Während letztere zirkusreifen musikalischen Klamauk ohne Ende boten, präsentierte Barbers Band ein überraschend vielfältiges Konzert ab vom ewigen „Ice­cream“. Schlagzeuger Russell Gilbrook beispielsweise malträtierte die Kontrabass-Saiten von Vic Pitt in einem rockigen Solo. Das hatte Klasse. Am finalen Sonntag gab es eine Premiere, die sich viele Jahre lang halten sollte: das Gospel-Konzert in der Stadtkirche, mit dem das Jazzfest abgeschlossen wurde.

1993 traten die legendären Soulful Heavenly Stars aus New Orleans auf. Nicht zum ersten Mal: Sie hatten schon ein halbes Jahr vorher während der „Spirit of Louisiana“-Tour ein Konzert in Gronau gegeben. Die Band sollte einen Gospelboom in Gronau auslösen, aus dem sich freundschaftliche Bande zu Musikerinnen und Musikern in der Jazz-Stadt am Mississippi ergeben würden. Auslöser war die Visitenkarte des Leiters der „Stars“, Al Johnson. Darauf stand nämlich der Psalm „Alles was Atem hat, lobe den Herrn“. Und genau zu diesem Psalm hatte der Pfarrer der Kirchengemeinde, Rolf Krebs, am selben Vormittag gepredigt. „Das kann kein Zufall sein“, glaubten Johnson und Krebs bei ihrem Kennenlernen. Aufgrund dieses Treffens sollte sich später in Gronau eine eigene Gospelgruppe gründen: die Soulful Swinging Singers.

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