Das achte Jazzfest 1996
Holländer und „Horns – Horns – Horns“

Gronau -

In einer Serie blicken die WN auf die Geschichte des Jazzfests Gronau zurück. Heute die achte Auflage, die vom 21. bis 28. April 1996 stattfand.

Montag, 29.03.2021, 15:51 Uhr
Blick ins Zelt.
Blick ins Zelt. Foto: Arbeitskreis Jazz

 

Warum in die Ferne schweifen, wenn das Gute liegt so nah? Genau. Niederländische Musikerinnen und Musiker waren von Anfang an gut vertreten beim Gronauer Jazzfest. Vor allem durch die Kontakte von Jazzfest-Macher Theo Eimann.

Theo, der schon als junger Schüler direkt nach dem Zweiten Weltkrieg mit dem Jazzvirus infiziert wurde, lernte Schlagzeug und war in etlichen Combos diesseits und jenseits der Grenze tätig. Als Chef von „Captain Jazz“ mischte er vielfach auch aktiv beim Jazzfest Gronau mit. Durch ihn lernten das Festivalpublikum viele Bands kennen, deren Musik eher im traditionellen Bereich angesiedelt war.

1996 stand ein Teil des Jazzfests unter dem Titel „Jazz behind the Dikes“ – der schamlos von einem Aufnahmeprojekt der Phonoramm Mitte der 1950er-Jahre entlehnt worden war. Dafür waren Bands eingeladen, die die zeitgenössischen Strömungen des niederländischen Jazz vorstellten. Das von Gronau aus initiierte und betreute Projekt sah nicht nur Auftritte beim Jazzfest vor, vielmehr machten die Bands eine gemeinsame Tournee durch NRW.

Das Publikum kam in den Genuss wunderbarer Konzerte. Allen voran das des vor Ideen nur so sprühenden Pianisten Jasper van‘t Hof, der mit John Engels (Schlagzeug), Eric van der Westen (Bass) und Paul van Kemenade (Saxofon) auftrat. Die Band Nueva Manteca (mit dem Trompeter Jarmo Hoogendijk und dem Saxofonisten Ben van den Dungen) verband kubanische Rhythmen mit Bop-Elementen. Das Quintett des Schlagzeugers Pierre Courbois und Sängerin Masha Bijlsma mit ihrer Band sowie die „Never ever Getting Girls“ komplettierten den Jazzabend.

Die erste Jazzgala des Festivals hatte ganz im Zeichen der Blechbläser gestanden. Mit dabei: Lester Bowie‘s Brass Fantasy. Der Trompeter – einer der Köpfe des Art Ensembles of Chicago – präsentierte, was im zeitgenössischen Jazz der USA angesagt war. Ray Anderson‘s Alligatory Band sprühte vor mitreißender Spielfreunde. Die Fun Horns aus Berlin hatten den Abend mit Fun(k) eröffnet.

Der Freitag stand erneut im Zeichen des Kneipen-Jazz: 17 Bands traten auf, während parallel im Jazzzelt eine Funky Jazz & Blues Night startete. Mick Tayler, ehemals Gitarrist bei den Rolling Stones, erwies sich mit seiner All Star Blues Band als nicht besonders mitreißend. Ganz anders der Gitarrist Hans Theessink: Der gebürtige Enscheder zeigte sich inspiriert und verbreitete gute Stimmung.

Beim Brassband-Meeting in der Innenstadt am Samstag unter freiem Himmel ließen zwölf Formationen die Stadt nicht zur Ruhe kommen. Als „Jazz-Cocktail“ war der Festival-Beitrag am Samstagabend im Zelt tituliert. Das Rosenberg-Trio, Oscar Klein mit Sängerin Dana Gillespie, die Prowizorka Jazzband, Vibrafonist Frits Landesbergen und Bläser Dim Kesber sowie die Allo­tria Jazzband unterhielten die Gäste bis in die tiefe Nacht.

So blieb kaum Zeit zum Schlafen: Denn der Frühschoppen lockte schon um 10.30 Uhr wieder ins Zelt. Sonny Morris and his Delta Jazzband, Captain Jazz mit Theo Eimann, der junge Tromper Irvin Mayfield aus New Orleans (der über eine beeindruckende Technik verfügt), die Big Band Zabréh und der Boogie-Pianist Little Willie Littlefield, die personifizierte gute Laune.

Die Soulful Heavenly Stars aus New Orleans und – zum ersten Mal dabei – der Gronauer Gospelchor Soulful Swinging Singers gestalteten am Sonntag das Abschlusskonzert des Festivals in einer pickepackevollen Ev. Stadtkirche. Der Gronauer Chor hatte gemeinsam mit 25 jungen Leuten aus der Gemeinde Marero in New Orleans ein Programm einstudiert.

Durch den Einsatz der zahlreichen Sponsoren und im Gegensatz zu heute moderate Gagen blieben die Eintrittspreise gering: Im Vorkauf kosteten die Karten für die Großkonzerte zum Beispiel nur 20 Mark (umgerechnet gut zehn Euro), der Button für die Kneipennacht einschließlich Frühschoppen nur fünf Mark. Derweil wurde immer deutlicher, dass das Jazzzelt keine dauerhafte Lösung war: Die Künstler erwarteten, dass einige Standards wie separate Duschen und Toiletten eingehalten wurden. Dennoch wurde auch das 1996er-Festival gut über die Bühne gebracht.

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