Das vierte Jazzfest 1992 fand erstmals im Zelt stand
Textile Halle der anderen Art

Gronau -

In einer Serie blicken die WN auf die Geschichte des Jazzfests Gronau zurück. De vierte Auflage fand vom 22. bis 26. April 1992 statt.

Dienstag, 04.05.2021, 16:53 Uhr
Organistin Barbara Dennerlein und ihr Schlagzeuger Stephan Eppinger.
Organistin Barbara Dennerlein und ihr Schlagzeuger Stephan Eppinger. Foto: Martin Borck

Die ehemalige van-Delden-Fabrikhalle war ein Provisorium als Austragungsort für das Jazzfest. Sie bot zwar Tausenden Besuchern Platz und hatte bei einigen Gästen ein wenig Kultstatus – doch sie hatte viele Mängel. Bei einigen Gästen hatten sich seltsame Erinnerungen verfestigt: „Macht ihr dat wieder in der komischen Tiefgarage da?“, lautete die Frage eines Anrufers aus dem Ruhrgebiet, der Karten im Vorverkauf ordern wollte.

Sorgen wegen mangelnder Sicherheit (was wäre bei einer Massenpanik geschehen?) waren ein Aspekt, der den Arbeitskreis Jazz über Alternativen nachdenken ließ. Doch für Großereignisse mit über 1000 Gästen gab es in Gronau keine geeigneten Räume. Die Lösung: ein riesiges Zelt. Eine textile Halle anderer Art eben. . . 

Auch das galt nicht als das Nonplusultra für gehobenen Konzertgenuss; doch da ja nach wie vor der Fest-Charakter des musikalischen Großereignisses im Vordergrund stand, konnten sich alle Beteiligten in der Lösung finden. Zumal deutliche Verbesserungen zu konstatieren waren: bessere Sicht auf die Bühne, bessere Akustik, bessere Luft – und weniger Stromausfälle . . .

Das Zelt war zudem nicht einziger Konzertort: Im Studio der „Brücke“ machte Drummer Charly Antolini (fast schon ein Stammgast bei Jazzfest) mit seiner Band den Auftakt.

Die drei Jazz-Galas hatten stilistisch jeweils völlig unterschiedliche Schwerpunkte. Gemeinsam war, dass sie bis in die späte Nacht dauerten: Am Donnerstag beispielsweise traten fünf Bands nachein­ander auf. Die Band der niederländischen Sängerin Masha Bijlsma, das Pascal von Wroblewsky Trio, Sängerin Katie Webster aus den USA, die Organistin Barbara Dennerlein und der amerikanische Schlagzeuger Billy Cobham – alles an einem Abend! Und das für zehn Mark Eintritt!

Immerhin fielen Umbaupausen weitgehend aus. Die Bühne war so breit, dass auf der einen Seite gespielt werden konnte, während auf der anderen das Equipment für die nächste Band aufgebaut wurde.

Während Stargast Billy Cobham damals zwar technisch brillierte, aber wenig inspiriert wirkte, haute Deanna Bogaert bei der zweiten Jazzgala am Samstagabend wiederum das Publikum vom Hocker. Mit der Wortschöpfung „Heavy Metal Boogie“ kam man der Beschreibung nahe, was die Multiinstrumentalistin mit ihrer Band raushaute. Der Abend war ansonsten vorwiegend Traditionalisten gewidmet.

Am Abend vorher – bei der schon zu diesem Zeitpunkt legendären Kneipennacht – hatten 23 Bands in verschiedenen Gaststätten und auf den Straßen gespielt und für Stimmung gesorgt. 13 Bands tummelten sich am Samstag beim Jazz in der City.

Der Frühschoppen erwies sich als Magnet für Familien, die – vom Opa bis zur Enkelin – den traditionellen Klängen lauschten. Der letzte Abend stand im Zeichen dreier Trompeter: Das locker weg spielende Quintett von Jarmo Hoogendijk und Ben van den Dungen musste sich nicht verstecken vor den kubanisch angehauchten Klängen des Arturo Sandoval Sextetts und der All Stars von Freddie Hubbard.

Allseits gelobt wurden wieder die großartige Stimmung und der kommunikative Charakter des Festes.

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