Coesfeld alle Meldungen
Bitterzarte Komik mit Clownin

Donnerstag, 13.03.2008, 14:55 Uhr

Coesfeld. Das weiße Programmheft ziert eine rote Clownsnase mit einen Spruch von Samuel Beckett: „Nichts ist komischer als das Unglück.“ Die Clownin Gardi Hutter dazu: „Wer Clown werden will, muss seine eigene Figur kreieren, und das ist ohne Krisen nicht möglich.“ Einen ureigenen Typus erfunden hat sie und damit Weltruhm erlangt. Eigentlich ist sie Schauspielerin, fand aber die Rollen, die ihr angeboten wurden, langweilig, „nichts hat mich gepackt, junge Frauen, bleich, krank, sterben oft“, also hat sie selbst zur Feder gegriffen und – zum Glück fürs Publikum – eine Figur erfunden, wie sie wunderbarer kaum sein kann. Als Hanna tritt die sonst zierliche Frau wohlgepolstert und herrlich schrullig auf die Bühne. In ihrem Programm „Die Souffleuse“ sieht man von ihr zunächst nur den Oberkörper. Von ihrer Souffleusenmuschel aus dirigiert sie die Schauspieler einer Opernaufführung, zeigt Überschwang, schläft bei langsamen Titeln ein, verbeugt sich für den Applaus unsichtbar mit. Mit sprechenden Blicken kommentiert sie das Bühnengeschehen, setzt Deo gegen die Schweißfüße ein und vertreibt sich die Zeit mit Stricken. Zunächst bleibt die Reaktion des Publikums verhalten abwartend, spätestens als Hanna in ihrem Reich unter der Bühne das Licht anknipst, sind auch die letzten begeistert. Ihr Heim im Bühnenuntergrund erinnert an eine antike Puppenstube. Dort haust sie mit der Urne eines verstorbenen Liebhabers und einer Kuckucksuhr, aus der ein Totenkopf Kommentare abgibt. Sie strahlt kindliche Freude aus über Blumen und Stöckelschuhe, die sie von der Bühne aufliest und richtet Chaos an beim Spiegeleierbraten. Für ihre genialen Ideen und absurden Handlungen, fast ohne Worte vorgetragen, bekommt sie immer wieder begeisterten Szenenapplaus. Den Höhepunkt erreicht ihr Programm, als sie endlich begreift, dass ihr „Aterthe“ (Theater) geschlossen wurde und man sie einfach vergessen hat. Der Weg in die Freiheit ist ihr verwehrt, sie passt nicht mehr durch das Loch im Bühnenboden. Zum Triumphmarsch aus Verdis „Aida“ macht sie so lange Gymnastik, bis sie unter dem Jubel des Publikums, das mit ihr leidet und sich mit ihr freut, rank und schlank dasteht. Oben auf der Bühne angekommen, trägt sie in einem magischen Spiel mit Licht und Musik ihre Muschel mit sich wie einen Schutzschild gegen die feindliche Welt. Mit ihrer leisen und poetischen Komik von „süßsauer“ bis „bitterzart“ hat sie das Publikum restlos für sich eingenommen, so dass der frenetische Applaus kein Ende nehmen will. Einfach „schööön“!

Anzeige
https://event.yoochoose.net/news/705/consume/10/2/1400071?categorypath=%2F2%2F798623%2F798631%2F947630%2F947662%2F1805956%2F1807715%2F
Nachrichten-Ticker