Landwirte starten Plakataktion / Kleiner Teil bislang nicht im Boot bei erfolgreicher Initiative
„Tierwohl“: Handel soll nicht kneifen

Kreis Coesfeld. Auf Spielzeug für die Schweine, da hatte ein regelrechter Run eingesetzt. Landauf, landab gab es bei Heuraufen, Holzknabbergeräten und Scheuerbalken Lieferengpässe. Das Ziel: Mehr Kurzweil, mehr Abwechslung, mehr Behaglichkeit für das Borstenvieh. Ein Bonusprogramm, letztendlich finanziert über höhere Preise für den Verbraucher an der Fleischtheke, sollte den Bauern die Mehrkosten erstatten. So war ihnen vorher jedenfalls versprochen worden. Doch nun muss die Hälfte von ihnen in die Röhre gucken. Sie gehen leer aus, weil 15 Prozent der Unternehmen des Lebensmitteleinzelhandels sich bei der Initiative „Tierwohl“ wegducken und die vier Cent Abgabe, die sie eigentlich an der Ladentheke erheben müssten, sich – und den Verbrauchern – lieber sparen wollen.

Dienstag, 16.06.2015, 13:10 Uhr

Auf dieses Dilemma wies der neue Vorsitzende des Landwirtschaftlichen Kreisverbandes, Michael Uckelmann, gestern in seiner ersten Pressekonferenz hin, die auf dem Ferkelaufzucht- und Schweinemastbetrieb Kleuter-Mersmann in Senden stattfand.

Ein bislang einzigartiger Weg war im Frühjahr beschritten worden, als Lebensmittelhandel, Schlachtunternehmen und Bauern für mehr Tierwohl an einem Strang ziehen wollten. So ganz klappte das mit der Einmütigkeit jedoch nicht. Ein kleiner Teil des Lebensmitteleinzelhandels konnte nicht mit ins Boot geholt werden.

Dies habe nun dazu geführt, dass das Geld vorne und hinten nicht reiche, weil der Fonds hoffnungslos überzeichnet sei, wie die Landwirte beklagen. Denn: Die Resonanz bei den Bauern sei überwältigend, und das bundesweit. „Ein toller Erfolg, der uns alle überrascht hat“, freut sich Uckelmann. Auf der anderen Seite ist er aber auch sauer. So, wie die 100 Bauern im Kreis Coesfeld, die jetzt auf ihren Investitionskosten sitzen bleiben. 200 Betriebe hatten sich für die „Initiative Tierwohl“ angemeldet, um den Standard in ihren Ställen – freiwillig und ohne jede gesetzliche Verpflichtung – zu erhöhen. Und das musste bereits bei der Anmeldung geschehen sein. Die Betriebe konnten also nicht umhin, bei den „Spielsachen“ in Vorleistung zu gehen. 50 Prozent von ihnen werden nun aber keine Erstattung bekommen.

So wie Hubert Kleuter, der sich für die Tierwohl-Initiative angemeldet hatte, „weil wir auf die Verbraucher zugehen und ein Zeichen des guten Willens setzen wollen“. Aber alles habe viel Geld gekostet, weitere Folgekosten kämen noch hinzu, weil die Ställe nach den Tierwohl-Kriterien nicht mehr so dicht belegt werden dürfen. „Wenn dieser Mehraufwand nicht entschädigt wird, wandert die Schweineproduktion auf Dauer nach Tschechien oder sonst wohin ab“, warnt Kleuter. Und Michael Uckelmann betont, dass die Bauern geliefert haben und der Lebensmittelhandel nun seinen Verpflichtungen nachkommen müsse. „Unternehmen wie McDonalds oder K+K, die bislang abseits geblieben sind, laden wir ein, ihrer Verantwortung doch noch gerecht zu werden.“

Landwirte aus dem Kreisgebiet, wie Sebastian Ermann (Senden), Michael und Ferdinand Muhle (Seppenrade) und Dirk Schulz (Rorup) wollen diese „Ausscherer“ mit großformatigen Bannern „höflich“ zur Solidarität auffordern.

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