Im Internet häufen sich pauschale Hass-Postings gegen Flüchtlinge, Presse und Polizei
Recherche führt zu Nazi-Richter

Kreis Coesfeld. In der letzten Woche war der Artikel „Kriminalität durch Flüchtlinge nicht gestiegen“ (Kreisseite vom 7. Januar), in dem auch zu lesen war, dass 2015 bei der Polizei kein einziger Fall eines sexuellen Übergriffs von Flüchtlingen auf Frauen oder Mädchen im Kreis Coesfeld angezeigt worden ist, ein „Aufreger“ – vor allem in den sozialen Netzwerken. Er wurde bei Facebook fast 6000 mal angeklickt, zigmal geteilt. „Lügenpresse“-Vorwürfe wurden gegen uns erhoben. Und auch der Polizei warfen „Wutbürger“ in Kommentaren vor, dass sie die Öffentlichkeit bewusst täusche.

Mittwoch, 13.01.2016, 10:03 Uhr

„Das ist schlichtweg gelogen“, behauptet auf der Facebook-Seite der Allgemeinen Zeitung in Coesfeld eine Nutzerin zu der von der Polizei mit Zahlen hinterlegten Feststellung, dass die Kriminalität trotz des verstärkten Zuzugs von Flüchtlingen nicht gestiegen sei. Unsere Kreisredaktion bekam zwei Mails, in denen jeweils Fälle von Bekannten geschildert werden, die Opfer entsprechender sexueller Übergriffe geworden sein sollen und diese auch bei der Polizei angezeigt hätten.

Außerdem erhielten wir einen Leserbrief aus Dülmen, in dem eine Leserin behauptete, dass „eine Bekannte von vier Syrern am Dülmener Bahnhof sexuell angegriffen wurde“. Das habe diese auch zur Anzeige gebracht – und der diensthabende Polizist habe ihr erklärt, dass sie „schon die zwölfte wäre. Im Oktober!“ Vom Coesfelder Bahnhof wisse sie über Freunde von ähnlichen Vorfällen.

Starker Tobak! Wer sagt die Wahrheit? Um das herauszufinden, haben wir das getan, was wir in solchen Fällen immer tun: recherchieren. Die Leserbriefschreiberin stellte auf Nachfrage den Kontakt zu ihrer angeblich am Dülmener Bahnhof sexuell angegriffenen Bekannten her. Als wir sie anriefen, fiel die junge Frau aus allen Wolken. Sie habe nie selbst mit der Leserbriefschreiberin über diese Sache gesprochen, sondern nur im Kollegenkreis. Fast alle Fakten aus dem Leserbrief stimmten nicht. Sie sei nicht sexuell bedroht oder angegriffen, sondern von Ausländern angesprochen worden und habe sich dabei unwohl gefühlt. Nein, sie hätten sie nicht angefasst, stellte sie klar. Als jemand anderes dazu kam, seien sie weggegangen. Ob es Syrer waren, wie es im Leserbrief steht, weiß sie selbst gar nicht. Sie habe das Ganze einem Polizisten erzählt, aber keine Anzeige erstattet, unterstrich sie. „Der Polizist hat auch keine bestimmte Zahl von ähnlichen Fällen genannt.“

Auch die E-Mail-Schreiber haben wir gebeten, uns „Ross und Reiter“ zu nennen. Dabei haben wir den Betroffenen Anonymität zugesichert. Rückmeldungen gab es trotzdem keine. So war es auch bei der Frau, die auf Facebook gepostet hatte, dass die Behauptung, die Kriminalität im Kreis Coesfeld sei nicht gestiegen, „schlichtweg gelogen“ sei. Wir hatten sie gebeten, uns dafür Belege zu nennen und ihr versichert: „Wir gehen jedem Hinweis sofort nach.“

Aber es blieb bei diesem Post. Keine Reaktion. Als wir auf der Facebook-Seite der Frau nachschauten, um wen es sich da eigentlich handelt, stießen wir auf Merkwürdiges. Als Beruf gibt sie „Fahrerin bei Walter Musshoff“ an. Der war unter den Nationalsozialisten im 2. Weltkrieg General und Richter am Reichskriegsgericht, das in sechs Jahren 1189 Todesurteile fällte – meist wegen Landes- und Hochverrats.

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