Eine Geschichte vom Warten
Blauäugiges Mädchen am Wegesrand

Wie oft in unserem Leben müssen wir warten: Als Kinder warten wir gespannt auf den Nikolaus, Weihnachten, und dass wir endlich größer werden. Als Erwachsene warten wir auf den richtigen Zeitpunkt für was auch immer und die Steuerrückzahlung, im fortgeschrittenen Alter erwarten wir womöglich das erste (Ur-)Enkelkind und die monatliche Apothekenzeitschrift.

Freitag, 15.07.2016, 10:28 Uhr

Eine Geschichte vom Warten : Blauäugiges Mädchen am Wegesrand
Foto: Winfried Rusch

Warten ist menschlich. Wie kommt es also, dass eine Pflanze das Warten in ihrem Namen trägt?

Wo wartet sie, auf wen und warum?

Die erste Frage lässt sich leicht beantworten: Die Gewöhnliche Wegwarte wartet am Wegesrand. In Senden am Buswartehäuschen an der B 235 leistet sie den wartenden Menschen Gesellschaft – wenn man sie lässt. Viele Exemplare wurden kurz vor der Blüte bei der Pflege der Straßenränder gemäht und blühen nun später oder gar nicht. Dabei hätten sie uns so erfreuen können mit ihren wunderschönen, himmelblau leuchtenden Blüten. Die Blütengröße ist ähnlich der Margerite und wie diese gehört die Wegwarte zu den Korbblütlern. Als Besonderheit bildet sie nur Zungenblüten aus. Insekten müssen sich beeilen und Langschläfer haben Pech: Für das Öffnen der schönen blauen Blüten nutzt die Wegwarte die frühen Stunden des Tages – meist sind sie mittags schon verblüht und die Farbe verblasst.

Die Wegwarte hätte das Zeug dazu, als Zierpflanze im Blumengarten zu bestehen. Doch lockerer, tiefgründiger Gartenboden ist ihre Sache nicht. Sie wartet lieber am Weg. Dort ist der Boden fest und eher trocken und gibt ihrer dicken Pfahlwurzel guten Halt. Wie der Chicoree gehört sie zu den Zichoriengewächsen, und in früheren Zeiten wurde aus ihrer Wurzel Kaffeeersatz – sogenannter Muckefuck – gemacht. Auch heute noch ist ein Landkaffee im Handel zu finden, der neben Getreide auch Zichorie enthält. Die anderen Pflanzenteile sind unscheinbar: Der Trieb ist sparrig und verzweigt, die Blätter sind dem Löwenzahn ähnlich und behaart.

Man sagt, dass sie den Namen Wegwarte bekommen hat, weil einst ein blauäugiges Mädchen am Wegrand auf seinen Liebsten wartete... und wartete... und wartete. Schließlich verwandelte es sich in diese hübsche Blume und wartet noch heute. Passend dazu lautet einer ihrer weiteren Namen „Verfluchte Jungfer“.

Würde im Smartphone-Zeitalter ein Mädchen so lange auf den Liebsten warten? Wohl kaum. Hat die Wegwarte also ausgedient? Nein – wenn wir ihr auch heute einen Platz an unseren Straßenrändern zugestehen. Und stellen Sie sich einmal vor: Ein junger Mann steht in Senden am Buswartehäuschen, wendet sein Blick vom Smartphone hin zur blühenden Wegwarte. Er macht ein Foto und schickt dem Mädchen seines Herzens, das auf seine Ankunft wartet, einen virtuellen Blumengruß. Von einer echten Blume, wunderschön und himmelblau.

Good bye emoticon, willkommen Wegwarte!

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