Die neuen Notfall-Sanitäter haben bislang nur Ärzten vorbehaltene Befugnisse
Adrenalin spritzen,             Zugänge legen und intubieren  

Kreis Coesfeld. Zu einem Unfall war Frank Oenning mit seinem Kollegen gerufen worden. Ein Jugendlicher hatte sich bei einem Trampolin-Sprung schwer verletzt. Ein Bruch. „Der Oberarm stand komplett daneben“, erzählt der Mitarbeiter des DRK-Rettungsdienstes im Kreis Coesfeld. Der Junge hatte starke Schmerzen. Früher konnte er als Rettungs-assistent in so einem Fall nicht viel machen. „Nur der Notarzt durfte stärkere Schmerzmittel verabreichen.“ Doch seit kurzem ist Oenning Notfall-Sanitäter, einer von neun Pionieren dieser ganz neuen Ausbildung im Kreis Coesfeld, die peu a peu den Rettungs-Assistenten ablösen wird. Und Notfall-Sanitäter dürfen viel mehr: nicht nur stärkere Medikamente nach genauen Vorgaben eigenverantwortlich einsetzen, sondern auch venöse Zugänge legen, intubieren, bei einem allergischen Schock Adrenalin spritzen, bestimmte Eingriffe vornehmen oder Blutdruckabfall und Unterzuckerung mit einer Arzneigabe gezielt entgegenwirken.

Dienstag, 23.08.2016, 18:43 Uhr

Die neuen Notfall-Sanitäter haben bislang nur Ärzten vorbehaltene Befugnisse : Adrenalin spritzen,             Zugänge legen und intubieren  
Glückwünsche zur bestandenen Prüfung: (v. l.) DRK-Vorstand Christoph Schlütermann, Hans-Georg Schonlau (Ärztlicher Leiter des Rettungsdienstes) und Michael Hofmann (Leiter des DRK-Rettungsdienstes) gratulieren den neuen Notfall-Sanitätern Frank Oenning, Ingo Bröring, Jörg Winnemöller und Henning Wittkamp (alle DRK) sowie Matthias Eiringhaus und Thomas Brunner (Feuerwehr Dülmen). Für die Stadt Dülmen schlossen sich Erste Beigeordnete Christa Krollzig und Bernd Kerkhoff (Fachbereichsleiter Sicherheit und Ordnung) an. Nicht im Bild: die Absolventen Ralf Holz, Thomas Mesters und Dennis Averstegge (alle DRK). Foto: Detlef Scherle

So konnte Oenning bei dem Jugendlichen mit dem Bruch schon mit der medikamentösen Schmerztherapie beginnen, als der Notarzt noch nicht eingetroffen war. „Das hat gut funktioniert“, berichtet er. Und das sei „ein tolles Gefühl gewesen, dass man das machen darf“.

Über solche guten Erfahrungen berichten auch seine Kollegen vom DRK und von der Feuerwehr Dülmen, die mit ihm die Zusatzausbildung erfolgreich absolviert haben, bei einer kleinen Feierstunde im DRK-Haus in Coesfeld. Viele von ihnen konnten die neuen Befugnisse schon zum Wohl der Patienten nutzen. Meist geht es darum, die Zeit bis zum Eintreffen des Notarztes zu überbrücken. „Da sind fünf Minuten eine halbe Ewigkeit“, weiß Matthias Eiringhaus von der Feuerwehr Dülmen. Und im Notfall entscheiden eben nicht selten Minuten oder sogar Sekunden über Folgeschäden bei den Patienten.

Von einem „Quantensprung in der Ausbildung des nichtärztlichen Personals“ spricht Hans-Georg Schonlau, der Ärztliche Leiter des Rettungsdienstes im Kreis Coesfeld. Die Notfall-Sanitäter könnten nun „sehr nah an der ärztlichen Therapie“ agieren. „Dadurch werden die Patienten deutlich besser versorgt“, fügt er hinzu. Auch die Kommunikation mit den Patienten soll besser werden, ergänzt Rettungsdienstleiter Michael Hofmann. Deshalb sei in der neuen Ausbildungsordnung zum Beispiel „interkulturelle Verständigung“ verankert worden. Zudem lernen sie etwas über soziale Brennpunkte.

Im Rahmen einer Prüfung mussten die Anwärter nachweisen, dass sie alles Neue sicher beherrschen – in Theorie und Praxis. Da war auch bei gestandenen Kollegen mit langjähriger rettungsdienstlicher Erfahrung monatelanges Büffeln und Üben angesagt. „Meine Frau war froh, als es vorbei war“, lacht einer der neuen Notfall-Sanitäter und verweist darauf, dass sie als ältere Semester ja schon lange von der Schulbank weg seien.

Von elf Kandidaten haben es am Ende neun geschafft – mit sehr guten Prüfungsergebnissen, wie DRK-Vorstand Christoph Schlütermann unterstreicht. Fortlaufend finden jetzt Notfall-Sanitäter-Kurse statt, denn bis 2020 sollen alle 130 Rettungs-Sanitäter im Kreisgebiet über die erweiterte Qualifikation verfügen, nennt er die Zielvorgabe. Die Auszubildenden werden schon seit dem vergangenen Jahr nach den neuen Vorgaben unterrichtet. In zwei Jahren wird der erste Jahrgang fertig sein.

Schlütermann wünscht sich, dass in der Folge auch die Bezahlung im Rettungsdienst besser wird, um dem Personalmangel entgegenzuwirken. „Der Wettbewerb um die guten Leute hat bereits begonnen“, pflichtet ihm Hofmann bei.

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