Freiwillige starten an der Kinderheilstätte – und lernen Handicaps ihrer Schützlinge am eigenen Leib kennen
Blind zu neuen Erkenntnissen

Nordkirchen, „Am schwierigsten war es, blind zu sein!“ Melissa Teiner ist noch gebannt von den Erfahrungen der letzten Stunde. Die anderen jungen Männer und Frauen um sie herum nicken – offensichtlich froh, die Augenbinden wieder abnehmen zu können. Ihre ersten Tage an der Kinderheilstätte halten für die neuen Freiwilligen viele neue Erfahrungen bereit.

Freitag, 04.08.2017, 10:31 Uhr

Freiwillige starten an der Kinderheilstätte – und lernen Handicaps ihrer Schützlinge am eigenen Leib kennen : Blind zu neuen Erkenntnissen
Spannende Selbsterfahrung: Zu Beginn ihres Dienstes in der Kinderheilstätte Nordkirchen lernen die Freiwilligen spielerisch, wie es ist, blind zu sein oder im Rollstuhl zu sitzen. Foto: az

Im Rahmen so genannter Bildungstage werden die ersten fünfzehn, die sich zum Bundesfreiwilligendienst, zum Freiwilligen Sozialen Jahr oder im Rahmen eines Jahrespraktikums bei der Kinderheilstätte gemeldet haben, auf ihre neuen Jobs vorbereitet. Der Selbsttest mit Augenbinde und Rollstuhl ist einer der Programmpunkte. Aber auch Sachinformationen stehen auf dem Programm: Was erwartet mich in den Wohn- oder Kindergartengruppen? Welche Arten von Behinderungen gibt es, und was muss ich darüber wissen?

Aber nicht nur das: „Wichtig ist auch, dass die jungen Leute besprechen können, welche Wünsche und Erwartungen sie für sich selbst an die Zeit bei uns haben – und auch, was ihnen vielleicht Sorge bereitet“, erklärt Gabi Lücke-Weiß, die die Freiwilligendienste in der Kinderheilstätte leitet und pädagogisch begleitet. „Die Zeit hier ist eine intensive und wichtige Erfahrung – jeder soll da auch für sich etwas mitnehmen.“

Die Sorgen und Erwartungen haben die Freiwilligen am Vormittag bereits gesammelt. „Grenzen kennen lernen“ steht da auf der Tafel mit den Erwartungen, „Spaß“, „Autorität entwickeln“ und „Menschenkenntnis verbessern“. Auf der Sorgen-Tafel steht: Angst vor Überforderung, mangelnder Autorität oder zu wenig Freizeit. „Es ist wichtig, dass wir das hier besprechen“, sagt Gabi Lücke Weiß, „denn die Erfahrung zeigt uns: Die Sorgen, die die jungen Leute zu Beginn haben, sind in der Regel unbegründet – das wissen wir ja auch den vorherigen Jahrgängen.“ Das bestätigen auch die Grußkarten, die die ehemaligen „Bufdis“ ihren Nachfolgern hinterlassen: „Sei am Anfang lieber etwas strenger, dann ist es später leichter“, gibt einer seinem Nachfolger als Tipp, oder: „Ich wollte wissen, ob dieser Job was für mich ist – jetzt bin ich ganz sicher!“ Mutmacher also von denen, die das Jahr in der Kinderheilstätte schon beendet haben.

Den Testlauf mit Rollstuhl und Augenbinde haben die fünfzehn jungen Leute mittags vollbracht. Nach ersten Anfangsschwierigkeiten – zum Beispiel, die „blinde“ Kollegin mit der Augenbinde auf dem Schulhof der Maximilian-Kolbe-Schule zu vergessen – trudeln alle heil wieder im Gruppenraum ein. Wie ist es, wenn man im Supermarkt nicht an die oberen Regale herankommt? Was für ein Gefühl ist es, ohne Augenlicht darauf angewiesen zu sein, dass ein Anderer Bordsteinkanten und Laternenpfähle rechtzeitig ansagt? Abhängig habe sie sich im Rollstuhl gefühlt, sagt eine Teilnehmerin. Man brauche so viel Vertrauen, dass der andere einen bergab im Rollstuhl nicht einfach sausen lässt, sagt ein anderer. Und schon sind die ersten wichtigen Erkenntnisse für die Arbeit mit den Kindern da: „Ich glaube, man muss viel beschreiben und erklären“, stellt Melissa Teiner nachdenklich fest: „Dann ist der andere nicht so ausgeliefert. Bisher habe ich über diese Dinge gar nicht nachdenken müssen – denn für uns ist vieles so selbstverständlich!“

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