Dr. Gernod Röken von der Linken joggt, um seinen Kopf frei zu bekommen – auch für neue Ideen
Schwitzen an der Alten Fahrt

olfen. Die Luft steht. Schwüle liegt an diesem Spätnachmittag über Olfen, als Dr. Gernod Röken am St. Vitus-Stift vorbei joggt. „Normalerweise laufe ich etwas später los“, erzählt der 66-Jährige, während er die Brücke über einen kleinen Teich passiert. Der Schweiß fließt. Die Laufrichtung ist klar. Es geht rauf zur „Alten Fahrt“. Das Tempo: wohldosiert. Drei bis viermal in der Woche ist der Pensionär dort unterwegs. „Ich brauche das Laufen. Sonst fühle ich mich nicht wohl. Nicht ausgeglichen.“

Donnerstag, 07.09.2017, 18:13 Uhr

Dr. Gernod Röken von der Linken joggt, um seinen Kopf frei zu bekommen – auch für neue Ideen: Schwitzen an der Alten Fahrt
Ausgiebiges Dehnen gehört nach dem Laufen dazu: Dr. Gernod Röken nutzt dafür die Calisthenics-Anlage, die die Stadt Olfen am Fuß der Alten Fahrt geschaffen hat. Sie wird bei gutem Wetter jeden Abend von zahlreichen jungen Sportlern bevölkert. Foto: Detlef Scherle

Alte Fahrt? Oben angekommen ist von Wasser nichts zu sehen. Der Altarm des Kanals ist verfüllt. Hochzeits-Bäume säumen den Weg, auf dem Röken nun auf die Abendsonne zuläuft. Der Ausblick auf die Stadt ist – auch wenn unten an einer Baustelle Kräne etwas stören – herrlich. Die Pfarrkirche, die Schule, das Seniorenzentrum – Idylle pur liegt dem Läufer zu Füßen.

Olfen ist Rökens Wahlheimat. 1993 hat er dort mit seiner Frau ein Haus erworben. Damals war er noch Schulleiter an einer Gesamtschule in Waltrop. Später arbeitete er dann neben seiner Lehrtätigkeit an Hochschulen in Hannover und Münster bei der Bezirksregierung. Seit einem Jahr genießt er den Ruhestand – und hat auch mehr Zeit fürs Laufen.

Sein Antritt bleibt ruhig. „Man kann hier bis Datteln laufen“, sagt er – „oder in der anderen Richtung bis nach Lüdinghausen“, zeigt er mit dem Daumen nach hinten. Soweit geht’s heute bei der Demonstrationsrunde für den Reporter nicht. Zwischendurch lockt eine Bank mit Blick auf die Parklandschaft zum Innehalten und Weiterreden. Ein Schluck Wasser aus der mitgebrachten Flasche rinnt die Kehle herunter. Ah, das tut gut!

Röken ist ein typisches Ruhrpott-Kind. Er wächst in Wanne-Eickel auf, wo der Vater als Bergingenieur arbeitet. In Münster hat er dann studiert: Sozialwissenschaften, Philosophie und Evangelische Religionslehre. „Ich komme aus einem sozialdemokratischen und protestantischen Elternhaus“, berichtet er. Das habe ihn geprägt. Er war als Kindergottesdiensthelfer aktiv. Die Bibel kennt er gut. Ein Satz hat sich bei ihm tief eingebrannt. „Einer trage des anderen Last“ – aus dem Brief des Paulus an die Galater. „Das ist immer noch mein Motiv“, erklärt er, auch wenn die Kirche in seinem Leben keine aktive Rolle mehr spielt. Sozialer Ausgleich – der liegt ihm am Herzen. Und deswegen sei er auch „als Spätberufener“ 2011 in die Linke eingetreten. Das sei die einzige Partei, die wirklich „eine Gerechtigkeitswende“ wolle. Seine Frau, mit der er zwei erwachsene Kinder hat, war Ratsmitglied für die SPD – ist dann aber wegen der Agenda-Politik ausgetreten.

Beruflich hat Röken sich Zeit seines Lebens für politische Bildung stark gemacht. Ja und jetzt wolle er auch „mal rausgehen und selbst Politik machen“, begründet er seine Kandidatur. Damit ist es ein wenig wie bei Olympia. Dabeisein ist alles. Denn eine realistische Chance, in den Bundestag einzuziehen hat er im Wahlkreis und mit seinem Listenplatz 22 nicht. Er will „Gesicht zeigen“ für die Partei.

Ein Gesicht, das jetzt, wo der Lauf weitergeht, verschwitzt aussieht. Die dunkle Brille und ein Cappy schützen vor der Sonne. An die alten (Lauf-)Zeiten kann er nicht mehr anknüpfen. In jungen Jahren war er Leistungssportler. Ist die 400 Meter in 50 Sekunden gelaufen. War Vize-Westfalenmeister. Und überlegte auch mal, Sport zu studieren.

Jetzt geht’s mehr ums Fitbleiben und Durchhalten. Wie in der Politik. „Wir bewegen auch in der Opposition etwas“, ist Röken sicher. Ohne die Linke hätte es seiner Ansicht nach keinen Mindestlohn gegeben. Eine Beteiligung an der Regierung? Die kann er sich vorstellen – aber militärische Aktionen, die dürften dann nur mit Völkerrechtsmandat stattfinden, stellt er klar.

Nach einer guten Stunde ist der Läufer wieder am Ausgangspunkt. Röken dehnt sich an der neuen Olfener Calisthenics-Anlage. Die Augen leuchten. Laufen – das hat für ihn „eine Funktion von Psychohygiene“. Der Kopf ist jetzt frei – auch für neue politische Ideen.

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