Kreis Coesfeld
Pfarrer beklagt „moderne Sklaverei“

Coesfeld. Fairer Lohn für faire Arbeit müsste im 21. Jahrhundert eigentlich eine Selbstverständlichkeit sein. Ist es aber noch lange nicht. „Das System Leiharbeit stützt sich vielfach ab auf das skrupellose Geschäft krimineller Subunternehmer“, so die Position von Pfarrer Peter Kossens. Es sei kein Kavaliersdelikt, sondern konkretes Unrecht, für das Menschen, auch „gute Katholiken“, Verantwortung trügen. Die Ungerechtigkeit skizzierte er anhand eines Riesen in der Fleischbranche, der zehn Jahre Unternehmer, gleichzeitig Subunternehmer und Immobilienfirma war, die auch die Wohnungen an die Beschäftigten vermietete. Gleichzeitig war der Konzern vom Beitrag für erneuerbare Energien befreit, weil er Werksvertragsarbeiter beschäftigte und damit Sachkosten nachweisen konnte.

Freitag, 02.03.2018, 11:18 Uhr

Kreis Coesfeld: Pfarrer beklagt „moderne Sklaverei“
Zu der Diskussion konnte Anne Halbuer (l.), Sprecherin der Katholischen Landfrauenbewegung, und Beatrix Bottermann vom Diözesanleitungsteam der kfd Pfarrer Peter Kossens und den ehemaligen Bundestagsabgeordneten Karl Schiewerling begrüßen. Foto: Ulla Wolanewitz

Der Geistliche aus Lengerich engagiert sich seit Jahren stark gegen Ausbeutung und „moderne Sklaverei“, wie er es nennt. Zuletzt hatte er mit einer anklagenden Weihnachtspredigt für Aufsehen gesorgt. Er gehörte neben Karl Schiewerling zu den Referenten, die die KLFB (Kommission für Agrarfragen im kfd-Diözesanverband Münster) jetzt in der Kolping-Bildungsstätte in Coesfeld an einen Tisch geholt hatte. Schiewerling hatte als Mitglied des Bundestages 2017 noch ein Gesetz mit verabschiedet, das auf die Verbesserung der Arbeitsbedingungen für Beschäftigte in der Fleischindustrie abzielte.

Der Politiker im Ruhestand erläuterte Ursprung, Sinn und Ziel von Leiharbeit und Werkverträgen. „Bis 2002 lief 99 Prozent der Zeitarbeit über das Arbeitsamt“, erklärte er. „Als arbeitsmarktpolitisches Instrument sollte sie mehr Flexibilität schaffen. Dass sich daraus eine Branche entwickelte, war nicht abzusehen“, hob er hervor. Die menschenunwürdigen Bedingungen, unter denen Beschäftigte der Fleisch zerlegenden Industrie leben und arbeiten, seien „lange in der Politik nicht wahrgenommen worden“, gab er zu. Er verwies aber auch darauf, dass Tarifverträge Aufgabe der Gewerkschaften und Arbeitgeberverbände seien und der Staat da nicht eingreifen dürfe: „Wir konnten da nix machen.“

Schiewerling lehnte es ab, Zeitarbeit automatisch als Sklavenarbeit zu klassifizieren. Er schilderte die Schwierigkeiten der länderübergreifenden Zusammenarbeit und der Durchführung der Schwarzarbeitskontrollen: „Ein Einsatz durch den Zoll erfordert eine 18-monatige Vorbereitung mit 200 Mitarbeitern.“ Nach Einführung des neuen Gesetzes seien erste Erfolge spürbar. Firmen hätten begriffen, dass sie sich von Subunternehmer-Ketten lösen müssten. Erste Pleiten seien eingetreten. Aber: „Kein Gesetz ist so gut, wie es kontrolliert werden kann.“

Das klang ebenso hoffnungsvoll wie optimistisch, überzeugte viele Gäste der Runde aber nicht. Schiewerlings Ausführungen machten deutlich, dass die Mühlen der Politik langsam mahlen, während pfiffige Wirtschaftsunternehmen auf Kosten anderer Millionengewinne machen können. Gabriele Schleiner vom KLFB-Leitungsteam forderte daher „weniger Sitzungen, mehr Sendung“.

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