Kreis Coesfeld
Maurer werden – die einzige Chance

Kreis Coesfeld. Eigentlich heißt er Ali mit Nachnamen – aber auch seine Freunde rufen den Pakistani Nyjab Ali einfach Ali – und der 22-Jährige findet das okay. „Ich bin sehr glücklich hier“, sagt er. Und lächelt, als wenn da nicht Berge von Problemen wären, die zum eigentlichen Glück noch abzutragen sind. Ali wollte als Jugendlicher seine Heimat Pakistan eigentlich gar nicht verlassen – aber die Eltern entschlossen sich zur Flucht – und er musste mit. Iran, Türkei – und dann ging es zu Fuß über die Balkanroute nach Deutschland. Zwischendurch wurde er von seinen Eltern getrennt. Der DRK-Suchdienst hat seine Mutter ausfindig gemacht. „Sie lebt“, sagt er. Weiter sprechen möchte er über sie nicht.

Sonntag, 08.07.2018, 17:38 Uhr

Kreis Coesfeld: Maurer werden – die einzige Chance
Will sich in Nordkirchen eine Zukunft aufbauen: Ali mit seiner Flüchtlingsberaterin Michaela Piwek-Kunze beim DRK in Coesfeld. Foto: Detlef Scherle

Vier Jahre ist er jetzt schon auf sich allein gestellt. Er absolvierte einen Bundesfreiwilligendienst in der Kinderheilstätte Nordkirchen. Ein Jahr, dass ihm viel gebracht hat. „Die Kinder haben mir deutsch beigebracht“, erzählt er. Und ein Berufswunsch kristallisierte sich heraus: Heilerziehungspfleger. „Aber dafür bräuchte er hier anerkannte Schulabschlüsse“, erklärt Michaela Piwek-Kunze von der Regionalen Flüchtlings- und Migrationsberatung des DRK-Kreisverbandes, die Ali betreut. Er hat sie, aber keine Papiere aus Pakistan – und darum sind ihm viele Wege verbaut. Er hat viele Unterstützer in Nordkirchen. Lebt bescheiden. Als er zu den 300 Euro Bufdi-Geld noch 100 Euro dazu bekommen sollte, lehnte er die ab: „Damit komme ich klar.“

Ein Musterbeispiel an Integration nennt man das wohl. Aber paradoxerweise droht Ali, der unfreiwillig sein Heimatland verlassen musste, die Abschiebung. Sein Asylantrag wurde abgelehnt. Sein Problem: „Pakistan gilt als sicheres Herkunftsland“, erläutert Piwek-Kunze. Er ist zwar in Widerspruch gegangen. Die einzige Möglichkeit, hierbleiben zu können, ist aber wohl, bis zur Entscheidung über seinen Widerspruch eine Ausbildung zu beginnen. Wer in Ausbildung ist, bekommt erstmal eine Duldung. Und darüber könnten sich dann später weitere Türen öffnen. Aber wie kriegt man eine Ausbildung? Ohne Papiere. Ohne Zeugnisse. Man darf zunächst nicht wählerisch sein. Ali hat seine Chance bekommen. Bei der Bau-Firma Sahle in Greven. Im Rahmen eines Sonderprogramms wurden die Zugangsvoraussetzungen minimiert. Denn auch auf dem Bau werden händeringend Leute gesucht. Um vier Uhr steht Ali morgens auf, um pünktlich dort zu sein. „Du könntest auch um fünf aufstehen“, lacht die Sozialarbeiterin, „wenn du nicht so lange vor dem Spiegel stehen würdest.“ Die Ausbildung ist hart. Aber er weiß, wofür er das macht, auch wenn es nicht seinem Ziel entspricht: „Manchmal führen Umwege zum Ziel.“ Klingt fast philosophisch.

Er hat viele Ideen, will später noch studieren. „Er ist motiviert und willens sich hier eine Zukunft aufzubauen“, sagt seine Beraterin. Sie unterstützt ihn dabei, so gut sie kann. „Immer wieder stoßen wir aber an Grenzen“, berichtet sie. Einen Sprachkurs hat Ali beispielsweise nicht bekommen. Vom verdienten Geld hat er dann selbst einen bezahlt. „Deutschland ist meine Heimat“, sagt er. Hier habe er seine Freunde. Hier wolle er Teil der Gesellschaft werden. Ob Deutschland das auch will, ist noch offen.

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