Kreis Coesfeld
Prinzessin Lobkowicz und ihre Puzzles

Kreis Coesfeld. Wie ein Geschenkkästchen stach die mit einem schönen Deckel verzierte rechteckige Pappschachtel aus den Papierstapeln in dem kleinen Büro auf Burg Vischering in Lüdinghausen hervor. Für Kunsthistorikerin Reinhild Mackowiak war es mal wieder Zeit, die „Altlasten“ auf den umliegenden Tischen und in den Schränken auf Abgabe ans Kreisarchiv zu überprüfen.

Freitag, 21.12.2018, 18:38 Uhr aktualisiert: 22.12.2018, 13:40 Uhr
Kreis Coesfeld: Prinzessin Lobkowicz und ihre Puzzles
Prinzessin Lobkowicz baute gerne Puzzles. Dieses mit dem Motiv „Rückkehr vom Markt“ tauchte jetzt in 181 Teilen in einem Kistchen auf. Foto: Kreis Coesfeld Foto: az

Beim Öffnen kamen dann 181 überwiegend sehr dunkle Puzzle-Teile ganz unterschiedlichen Zuschnitts zu Tage. Keine Zeichnung – kein Foto des Motivs. Dafür gab es eine Inschrift im Innenteil des Deckels: „In der Küche“. Und es lag ein Infozettel mit der Angabe bei, dass das Puzzle von Prinzessin Lobkowicz gefertigt wurde.

Warum aber gelangte das Spiel ausgerechnet ins Museum nach Lüdinghausen? Und wer war Prinzessin Lobkowicz? „Prinzessin Christine von Lobkowicz lebte und arbeitete von 1939 bis zu ihrem Tod im Jahr 1972 auf der Burg Vischering“, erläutert Reinhild Mackowiak. Die 1890 in Unterberkovic im heutigen Tschechien geborene Künstlerin stammte aus einem der ältesten böhmischen Adelsgeschlechter und wurde von ihrer verwitweten Nichte Marie Zdenka Gräfin Droste zu Vischering an die Burg eingeladen. Während ihre Nichte 1943 ihrem zweiten Ehemann, Friedrich-Karl Graf von Westphalen, nach Schloss Fürstenberg ins Sauerland folgte, blieb Christine Lobkowicz an der Burg, wo sie Marie Zdenkas Sohn, Erbdroste Max Ferdinand, bis 1945 den Haushalt führte.

Danach begann ihr handwerkliches und künstlerisches Schaffen. Bekannt wurde sie in der Region durch ihre Krippenfiguren aus Wachs, die sie regelmäßig auf Krippenschauen in Telgte ausstellte.

Neben dem eigentlichen Fertigen der Figuren aus einem mit Papier umwickelten Drahtgestell und darauf sorgsam aufgetragenen Wachs für Kopf und Hände, entwarf sie farbenfrohe Textilgewänder, mit denen sie die Figuren einkleidete. „Sie müssen alle ein wenig lächeln“, soll die Prinzessin über ihre Krippenfiguren gesagt haben. Vor fünf Jahren stellte Burg Vischering in der Adventszeit eine Krippe der Künstlerin aus dem Jahr 1960 aus, die eine Frau aus Lüdinghausen seinerzeit in Auftrag gegeben hatte und sich nun im Besitz von deren Tochter in Davensberg befindet.

Weniger bekannt war Christine von Lobkowicz bislang für ihre Puzzles. Dafür nahm sie dünne Sperrholzplatten, deren Hinterseite sie mit hellem Papier beklebte, die Vorderseite mit Bildern, die sie aus verschiedenen Zeitschriften gesammelt hatte.

Zunächst arbeitete sie mit einer gewöhnlichen Laubsäge, später bekam sie eine Nähmaschine geschenkt, in die anstelle der Nadel eine kleine Säge eingesetzt war - eine staubige Angelegenheit, was sie dazu veranlasste, sich einen kleinen Umhang um ihren Kopf und die Säge zu basteln.

Später kam ein kleiner Staubsauger zum Einsatz. So fertigte sie die kniffligsten Puzzles, die für heutige Puzzle-Fans eine wahre Herausforderung darstellen; vor allem, wenn kein Bild des Motivs existiert.

Das Rätsel in dem Kistchen wurde dann erstaunlicherweise fix gelöst: Schnell fand Kreisarchivarin Ursula König-Heuer eine Kollegin im Kreishaus, deren Mann ein passionierter Puzzle-Leger ist. Im Internet fanden sie das Motiv: das Gemälde „Rückkehr vom Markt“ von Jean Siméon Chardin (1738). In wenigen Abenden wurde das Puzzle dann zusammengelegt. Der „Spiegel“ bezeichnete Chardin 1999 anlässlich einer Ausstellung zum 300. Geburtstag des Künstlers als „Star-Künstler des 18. Jahrhunderts“. Das Puzzle ist übrigens erst vor einigen Jahren durch eine Münsteranerin an seinen Entstehungsort Burg Vischering zurückgekehrt – und wird jetzt im Kreisarchiv aufbewahrt.

Vom Etikett der „Star-Künstlerin“ war die im September 1972 auf Burg Vischering verstorbene Christine von Lobkowicz weit entfernt – aber in Lüdinghausen und Umgebung hat sie sich einen Namen gemacht. „Und sie wird auch weiterhin im Bewusstsein bleiben“, ist sich Kulturreferentin Swenja Janning sicher, „denn sie wurde in der Burgkapelle begraben“.

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