Kreis Coesfeld
Thema Nummer Eins auf den Fluren

Kreis Coesfeld. Es sind harte Zeiten im Europäischen Parlament. Die Briten wollen aussteigen – oder doch nicht, „das Brexit-Chaos ist hier beherrschendes Thema“, berichtet Dr. Markus Pieper, der seit 2004 Abgeordneter für das Münsterland im Europäischen Parlament für die EVP/CDU ist. „Auf den Fluren, in der Kantine, beim Abendessen, überall wird darüber geredet“, schildert er gestern am Telefon die Atmosphäre in Brüssel.

Donnerstag, 17.01.2019, 20:26 Uhr aktualisiert: 18.01.2019, 11:30 Uhr
Kreis Coesfeld: Thema Nummer Eins auf den Fluren
Ein zweites Referendum ist sein Herzenswunsch: Europa-Abgeordneter Dr. Markus Pieper. Foto: MLahaousse

Die Situation stimme ihn traurig. „Die Briten gehören zu Europa“, meint er. Das meint auch seine Sitznachbarin im Parlament. Eine Britin. Aber so denken längst nicht alle. „Das geht querbeet“, berichtet Pieper. „Die einen sind gegen einen Austritt, die anderen dafür. Die einen kompromisslos, die anderen mit bestimmten Zugeständnissen. Das ist hier genauso wie in Großbritannien auch.“ Nachgeben will keiner. Und dann gibt es noch die, die eine zweite Abstimmung fordern. „Das wäre auch mein Herzenswunsch“, sagt Pieper.

„Es sollte jetzt mit Hochdruck an der Vorbereitung eines zweiten Referendums gearbeitet werden“, twitterte er am Dienstag, als Premierministerin Theresa May die Brexit-Abstimmung verliert. Und auch wenn jetzt, zwei Tage später – der Misstrauensantrag ist gescheitert und May will mit den Abgeordneten nur über das Wie des Brexit diskutieren und nicht mehr über das Ob – , sieht er noch Chancen. Denn möglich sei das, „man könnte das sogar mit den Europawahlen im Mai verbinden“, meint Pieper. Er sei überzeugt, dass das Ergebnis einer neuen Abstimmung anders ausfallen würde, allein schon, weil damals viele jüngere Briten nicht teilgenommen hätten. „Und dann kann man das alles vergessen, was jetzt gelaufen ist.“ Kein Brexit.

Die britische Regierung könnte auch noch bis zum 28. März, dem Tag vor dem geplanten Austritt, den Brexit wieder zurückziehen.

Könnte. Würde. Allein: Nach all dem sieht es zurzeit nicht aus.

Pieper sagt, er habe als Europaabgeordneter noch nie so verrückte Zeiten wie jetzt erlebt. Und er ist schon seit 15 Jahren dabei. Da er im Ausschuss für Verkehr und Tourismus auch für den Bereich Flugverkehr und Seeverkehr zuständig ist, hat er ständig mit den Gedankenspielen zu tun, welche Konsequenzen der Austritt der Briten haben wird.

Das ganze Durcheinander hat aber auch etwas für sich. „So einigen ist klar geworden, wie wichtig Europa und die EU sind“, sagt er. Dass Nationalismus und Populismus nicht zu mehr Souveränität führen. „Das Gegenteil ist passiert. Chaos und Lähmung.“ Der Europagedanke, die Befürwortung von Europa seien stärker geworden, auch bei Vertretern von Mitgliedsländern, die vielleicht auch mit einem Austritt geliebäugelt haben.

„Das geht runter bis zu Vereinen und Verbänden vor Ort“, sagt Pieper. „Sie bieten mir Unterstützung an und wollen etwas unternehmen, um den Europa-Zusammenhalt zu stärken.“

Und er habe noch nie so viele Anfragen für Veranstaltungen und Europa-Diskussionen bekommen wie aktuell. Europa sei plötzlich interessant geworden.

- Weitere Berichte in der Printausgabe unserer Zeitung.

https://event.yoochoose.net/news/705/consume/10/2/6329297?categorypath=%2F2%2F798623%2F798631%2F947630%2F947662%2F
Nachrichten-Ticker