Kreis Coesfeld
„2019 ist das Jahr der Berufsbildung“

Kreis Coesfeld. Für Bundesbildungsministerin Anja Karliczek ist eins klar: Es gibt kein Entweder-oder bei der Frage Studium oder duale Ausbildung. „Beide müssen gleichberechtigte Bildungswege sein und alle Möglichkeiten eröffnen“, sagt sie gestern beim 10. Forum Politik und Mittelstand in Coesfeld, zu dem die Kreishandwerkerschaft eingeladen hat.

Donnerstag, 07.03.2019, 20:26 Uhr aktualisiert: 08.03.2019, 08:28 Uhr
Kreis Coesfeld: „2019 ist das Jahr der Berufsbildung“
Über Bildung rege diskutiert: v.l. Andreas Baumeister (stellv. Kreishandwerksmeister), Unternehmerin Petra Hagelschuer, Bildungsministerin Anja Karliczek, Abiturientin und Tischlerin Carolin Roters, Moderatorin Jeanette Kuhn, Ulrich Müller (Kreishandwerkerschaft), Guido Kruthoff (Hoffmann Ladenbau), Klaus Schneider (Pictorius Berufskolleg). Foto: Viola ter Horst

Gleichwertig und gleichberechtigt, das heißt für die Bildungsministerin aber nicht, dass Ausbildung und Studium gleich sind. Sie warnte davor „Äpfel mit Birnen zu vergleichen“. Student ist Student, Azubi ist Azubi, Bafög ist Bafög und muss nicht genauso funktionieren wie eine Ausbildungsvergütung. Unter der Überschrift „Von der Bildungspanik zum Akademisierungswahn: Die Angst vor dem sozialen Abstieg der Kinder ohne Abitur – oder Chancen der dualen Ausbildung“ lautete der Titel der Veranstaltung – den sich Ulrich Müller, Hauptgeschäftsführer der Kreishandwerkerschaft, nicht ohne Grund ausgedacht hat. „Wir nähern uns einer Abiturientenquote von 70 Prozent und die meisten wollen studieren“, stellte er in einem Impuls heraus. Aber je mehr Abitur haben, umso mehr verliere das Qualifizierungssystem an Aussage. Die Panik, dass es nicht zum Studium reicht, hätten dabei weniger die Schüler als viel mehr die Eltern. Bildung als Familienerbe, die Angst, dass das Kind ohne Abi und Studium nicht genügend Wertschätzung findet und sozial absteigt – das ist in vielen Köpfen nach wie vor zementiert. Das bestätigt auf dem Podium eindrucksvoll Carolin Roters, die mit Abi eine Tischler-Ausbildung absolvierte. Ihr Schulleiter habe ein solches Vorhaben damals als „Verschwendung“ bezeichnet. Sie hat die Ausbildung trotzdem durchgezogen und es nicht bereut, sagt sie. Es muss aus ihrer Sicht aber einiges getan werden. „Studenten haben mehr Vorteile.“ Auch Unternehmerfrau Petra Hagelschuer forderte: „Für kleine Betriebe muss es mehr Unterstützung geben. Ausbildung darf keine Nachteile haben“, sagt sie in der von Jeanette Kuhn moderierten Diskussion.

Es soll sich einiges ändern, wie Karliczek betont: „2019 habe ich zum Jahr der Berufsbildung gemacht.“ Eine ganze Reihe an Maßnahmen stehe an, so soll das Berufsbildungsgesetz novelliert werden und Abschlussbezeichnungen international gängig gemacht werden. Eine Ausbildungs-Mindestvergütung geschaffen werden, neue Wohnheime auch für Azubis gebaut werden – „wir wollen die ganze Kette durchgehen und gucken, an welchen Stellschrauben wir drehen müssen“. Um das duale Ausbildungssystem werde Deutschland international sehr beneidet, aber hier herrschten völlig alte Vorstellungen vor. „Das tut weh, denn ich bin mir sicher, dass viele junge Leute begeistert wären und einen Beruf finden könnten, an dem sie wirklich Freude hätten.“ Die Berufswelt hat sich längst gewandelt, die Verdienstmöglichkeiten sind oftmals gut, die Einsatzbereiche breit gestreut, wie Guido Kruthoff, Geschäftsführer bei Hoffmann Ladenbau, bestätigt. „Wir brauchen alles“, meint er. Allein 50 Mitarbeiter arbeiteten am Bildschirm, veranschaulicht er, dass die Digitalisierung im Handwerk längst angekommen ist.

Die Angst vor einer geringeren Wertschätzung – Klaus Schneider, Schulleiter des Pictorius Berufskollegs, dreht die Frage um: „Bringen wir dem gehetzten Paketzusteller oder dem Fensterputzer die gleiche Wertschätzung entgegen wie jemandem, von dem wir juristischen Rat haben wollen?“ Wertschätzung, das bedeute, jeden seinen Fähigkeiten entsprechend zu respektieren.

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