Kreis Coesfeld
Wunderbarer kleiner Widerstand

Lüdinghausen. Selbst, wenn er mit angeschlagener Stimme, weil die Erkältung auch ihn nicht verschonte, auf die Bühne geht, brilliert er in unvergleichbarer Güteklasse. „Mal schauen, wer es länger aushält. Meine Stimme oder sie“, flachste der Jurist und Journalist Heribert Prantl zu Beginn seiner Lesung am Samstagabend in der Burg Vischering.

Montag, 01.04.2019, 20:34 Uhr aktualisiert: 02.04.2019, 10:36 Uhr
Kreis Coesfeld: Wunderbarer kleiner Widerstand
Der bekannte Journalist Heribert Prantl beim Signieren seines neuen Buchs „Vom großen und kleinen Widerstand“. Foto: Ulla Wolanewitz

Er kam, sprach, las mehr als 90 Minuten aus seinem neuen Buch „Vom großen und kleinen Widerstand – Gedanken zu Zeit und Unzeit“ ohne zwischendurch ein einziges Mal zum Glas Wasser zugreifen und gewann zweifelsohne. Zu den Gewinnern des Abends, den das Kulturamt des Kreises Coesfeld mit der evangelischen Kirchengemeinde organisiert hatte, zählten am Ende auch die begeisterten Zuhörer.

Es sind seine Perspektiven, die faszinieren. Die er – eingebettet in ein wohlwollendes Menschenbild – immer wieder in spannende Zusammenhänge bringt und sie dabei in wunderbare, hoffnungsfrohe Worte kleidet. Diesmal galt sein Plädoyer den Unangepassten, den Whistleblowern und Widerständlern, den Verteidigern der Grundrechte, den Alltagshelden und -demokraten. „Die Demokratie, in der alle die Zukunft miteinander gestalten, ist das beste Betriebssystem für ein Land“, so seine Laudatio. Das ihr zugrunde liegende Grundgesetz wird im Mai 70 Jahre alt. Ihm vorausgegangen ist die Verfassung der Weimarer Republik. „Ein vorbildlicher Katalog. Eines der originellsten Stücke, dass jemals eine Verfassungs-Werkstatt verlassen hat“, lobte Prantl. Allerdings war die Weimarer Zeit kurz. denn „sie litt an zu wenigen Demokraten. Ein ähnliches Schicksal könnte uns heute in Europa drohen, wo die europäische Verfassungsordnung von Nationalisten gewürgt wird.“ Leider sei dem welthistorischen Friedensprojekt das Wunder der Errungenschaft abhandengekommen. Dabei sei doch klar, dass „es ohne Mauern weniger zu verteidigen gibt.“

Vor mehr als 30 Jahren arbeitete Prantl als Richter und Staatsanwalt in Bayern. Unter anderem war er zuständig für die weiblichen Inhaftierten von Wackersdorf. Nachhaltigen Eindruck hinterließ bei ihm eine über siebzigjährige Bauersfrau, die Widerstand gegen die Staatsgewalt leistete in dem sie sich beim Abtransport „schwer machte“. Von oberster Entscheidungsstelle - dem Justizministerium in München - wurde ihm seinerzeit die Einstellung dieses Verfahrens untersagt. „So ein wunderbarer kleiner Widerstand ist für den, der ihn leistet, eine mutige Tat“, zollte Prantl dieser Aktion Respekt.

Wistleblowern seien keine Pfeifen, sondern verantwortungsvolle Menschen, weil sie Missstände aufdecken. So wie es der Buchhalter des Bottroper Apothekers tat oder die Altenpflegerin, die ihr Gewissen nicht an der Stechuhr abgab und sich an den Europäischen Gerichtshof für Menschenreche wandte. „Sie sind die Helden des Alltags, die versuchen, unser Gesetz zu schützen“, so Prantl. Verrat könne eben auch sehr heilsam sein. Beispiel Judas: Während Jesu, der Verratene, über den ewigen Tod triumphiere, interessiere sich niemand für Judas, für seine Verzweiflung, gelang es ihm nicht, Vergebung zu erfahren. „Hätte es ohne diesen Verrat Jesu, den Tod am Kreuz gegeben, die Auferstehung und das Christentum überhaupt?“, brach Prantl eine Lanze für den Apostel.

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