Kreis Coesfeld
Landwirte proben den Aufstand

Kreis Coesfeld. Thomas König hat die Nase gestrichen voll. „Ständig sind wir die Buhmänner und sollen für alles den Kopf hinhalten“, sagt der 32-jährige Landwirt aus Nottuln-Darup. Sein Berufskollege Phil Brintrup nickt. „Die Politik redet ja nicht einmal mit uns. So geht das nicht weiter.“

Dienstag, 22.10.2019, 10:24 Uhr
Kreis Coesfeld: Landwirte proben den Aufstand
Über soziale Medien wie Facebook und Whatsapp sprechen sich Protestaktionen, die von einzelnen Gruppen organisiert werden, in Windeseile herum: So wie die Aktion grüne Kreuze. Auch v.r. Michael König, Phil Brintrup und Tobias König aus Darup beteiligen sich daran. Foto: Viola ter Horst

Die Landwirte sind sauer, enttäuscht und sie haben Angst, dass weitere bäuerliche Familienbetriebe sterben. Das Agrarpaket, die Verschärfung der Düngeverordnung, die Beschlüsse der Bundespolitik, das schlechte Image der Landwirtschaft, die negative Stimmungsmache – dagegen wollen sie etwas unternehmen.

In den letzten Wochen haben sich über soziale Medien wie Facebook und Whatsapp in Windeseile Protestaktion rumgesprochen. Nicht ihr Verband oder die Landwirtschaftskammer organisieren diese Aktionen. „Sie sind unabhängig von irgendeinem Verband“, sagt Michael König. „Und von Landwirten selber veranstaltet.“

Heute werden tausende Trecker und Teilnehmer, die in Bussen anreisen, zu einer zentralen Kundgebung in Bonn erwartet. Auch in Münster findet eine Aktion statt. Hunderte Landwirte wollen mit Treckern, Schleppern und Planwagen nach Münster fahren. Für Teilnehmer aus dem Kreis Coesfeld ist Nottuln der Treffpunkt: Um 8.30 Uhr die Raiffeisen Steverland (Beisenbusch 2). Ein weiterer Treffpunkt ist um 9 Uhr ab Herbern (Fälker, Eickenbeck 77). Sternförmig soll der Konvoi von allen Himmelsrichtungen über die Corrensstraße, den Yorkring und den Ludergeri-Kreisel in Münster führen.

Auch Tobias König und Phil Brintrup sind mit Treckern nach Münster dabei. Aufgerufen hat zu den Protesten die Bauernbewegung „Land schafft Verbindung“. Die Fahrt nach Münster ist ein regionaler Ableger der Hauptdemonstration in Bonn. „Nicht alle von uns haben die Zeit, um nach Bonn zu fahren, deswegen unterstützen wir die Kundgebung mit der Protestfahrt nach Münster“, berichtet Susanne Strätker aus Nottuln. Die Landwirtin, die mit ihrem Mann ein Lohnunternehmen führt, war sofort dabei, als sie von der Protestfahrt hörte. Jetzt hilft sie bei der Organisation mit und ist über Whatsapp die Ansprechperson der „Gruppe West“ aus dem Kreis Coesfeld. „Wir müssen etwas unternehmen“, ist sie überzeugt. „Es betrifft uns ja alle, es geht um die Zukunft der Landwirtschaft.“

Nicht nur die Protestaktion heute ist übers Internet entstanden. Auch die „grünen Kreuze“, die man inzwischen auf etlichen Äckern im Kreis Coesfeld sieht, war eine Idee, die über eine „Graswurzel“-Bauernbewegung im Internet geboren wurde. „Bauer Willi“ aus dem Rheinland, bekannt durch seinen Blog im Netz, initiierte diese „stille Protestaktion“, die sich in ganz Deutschland rasend schnell herumsprach und Mitstreiter fand. Und es werden nach wie vor täglich mehr. Mit dem Erfolg hat anfangs wohl kaum jemand gerechnet. „Das spricht sich einfach rum“, sagt Jungbauer König, der auf seinem Acker in Darup ebenfalls ein grünes Kreuz in den Boden schlug. „Es ist eine Mahnung an die Gesellschaft, sich dem Wert der Landwirtschaft bewusst zu werden“, sagt er. Für Änderungen seien die Bauern bereit, sagt Michael König. Aber diese müssten zusammen mit ihnen entwickelt werden. Und: „Es kann nicht sein, dass andauernd ausschließlich Landwirte verantwortlich gemacht werden und alle anderen Ursachen einfach ausgeblendet werden.“ Ob es um Artensterben gehe oder um Nitratwerte im Boden.

Was hält der WLV – der landwirtschaftliche Kreisverband von solchen Aktionen? „Dass sie so große Wellen schlagen, unterstreicht, wie die Stimmung bei den Landwirten ist“, meint Vorsitzender Michael Uckelmann. „Der Protest kommt ja von den Landwirten selber.“ An dem Konvoi nach Münster nimmt auch er teil. Ein grünes Kreuz hat er allerdings nicht aufgestellt. „Ich habe wegen der christlichen Symbolik meine Probleme, aber das ist meine persönliche Meinung“, meint er. „Jeder Landwirt muss das selber entscheiden.“

Grüne Kreuze

Die grünen Kreuze auf den Äckern sollen eine Form des stillen Protests symbolisieren, der über den Agrarblogger Bauer Willi – Dr. Willi Kremer-Schillings – aus dem Rheinland initiiert wurde. Zum Teil sind an den Kreuzen Zettel mit Erklärungen angebracht, wie an dem Kreuz auf dem Acker in Darup. Sorgen bereitet den Bauern vor allem das im September vom Bundesministerium für Landwirtschaft verabschiedete Agrarpaket. Es beinhaltet ein Programm zum Insektenschutz mit Einschränkungen bei der Anwendung von Pflanzenschutz- und Düngemitteln. „Seitdem geht die Angst um, dass jegliche Produktion auf dem Acker und im Stall nahezu unmöglich gemacht wird“, heißt es auf dem grünen Kreuz. Dass die regionale Produktion gefährdet sei, dass am Ende ein massives Höfesterben stattfinde. „Respektiere die Arbeit der Landwirte“, steht in dem Logo, das eine Faust zeigt, die eine Mohrrübe umklammert.

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